Gedanken zum Mauerfall


Ich habe keine Erinnerungen an den 9. November 1989. Es muss ein Tag wie so viele andere gewesen sein, ein Tag, an den man sich nach 25 Jahren einfach nicht mehr erinnert. Der 9. November war immer der Tag vor Muttis Geburtstag. Irgendwann bin ich schlafen gegangen. Ich habe es schlichtweg verpennt. Natürlich ahnte ich auch einen Tag später noch nicht, welche Bedeutung der 9. November für mein weiteres Leben haben sollte.

Ich gehöre zu den Glücklichen. 1989 war ich 14. Ein Alter, in dem man die DDR noch bewusst erlebt hat, ein Alter aber auch, in dem das System DDR noch keinen entscheidenden Einfluss auf die eigene Zukunft nehmen konnte. Ich war nicht Mitte 20, mit einem frischen Studienabschluss in einem Fach, dass mir zugewiesen wurde und für das es auf einmal keine berufliche Perspektive mehr gab. Ich war auch nicht Ende 40, hatte mich nicht mit Überzeugung in meinem Leben eingerichtet und musste nicht verarbeiten, wie aus richtig auf einmal falsch wurde.

Ich weine der DDR keine Träne nach. Mein Leben ist um so vieles schöner, als es in der DDR hätte sein können.

Ich lebe in Hannover, hier ist mein Zuhause. Als ich vor knapp acht Jahren nach Hannover gezogen bin, kannte ich fast niemanden. Heute bin ich mit vielen tollen Menschen befreundet. Dass ich aus dem Osten komme, hat hier nie eine Rolle gespielt, weder positiv noch negativ, obwohl meine Frau und ich die Einzigen im Freundeskreis sind, die in der DDR geboren wurden. Ich bin damals auch nicht vom Osten in den Westen gezogen, sondern von einer Stadt in eine andere. Wenn wir uns in der Kneipe abends über unsere Kindheits- und Jugenderinnerungen unterhalten, werfe ich immer mal wieder ein „Wir hatten ja nichts!“ in die Runde, und meine Freunde tun dann so, als ob sie das auch beim 500. Mal noch lustig finden. Es sind halt tolle Freunde.

Heimat aber ist woanders. Heimat ist Dessau, Heimat ist Anhalt. Da sind meine Wurzeln, da bin ich aufgewachsen und dahin komme ich immer wieder gern zurück. Für ein paar Tage. Leben möchte ich dort nicht mehr.

Wenn man mich heute fragen würde, was an mir typisch ostdeutsch sei – ich wüsste keine wirkliche Antwort. Natürlich bewundere ich, wie alle anderen in der DDR Geborenen, die Fähigkeit manches Altbundesrepublikaners, genau zu wissen, wie er sich in der DDR hätte verhalten, nämlich mutig und aufrecht. Die Begabung, eine Situation zu beurteilen, in der man selber nie war, geht mir ab. Aber reicht das, um es als „typisch ostdeutsch“ zu klassifizieren?

Ich spreche keinen Dialekt, zumindest keinen sehr ausgeprägten, auch wenn ich die Herkunft von Anhaltern mit heimatlichem Sprachklang auf ungefähr 20 Kilometer genau verorten kann. Auch viele Jahre in Leipzig sind sprachlich spurlos an mir vorbeigegangen, wenn ich zu sächseln versuche, klingt das, als versuchte jemand, sächsisch zu parodieren, der dafür aber null Talent hat.*

Die DDR war ein Unrechtsstaat. Und sie bleibt auch dann ein Unrechtsstaat, wenn einzelne Gesetze durchaus liberal waren; so die Tatsache, dass es in der DDR Frauen weit vor 1977 erlaubt war, ohne Erlaubnis ihres Ehemannes arbeiten gehen zu dürfen und es bereits seit 1972 eine Fristenlösung zur Schwangerschaftsunterbrechung gab. Wer die DDR nicht als Unrechtsstaat betrachtet, betreibt Geschichtsklitterung.

Trotzdem hatte ich eine schöne Kindheit. Ostalgie ist dumm, sentimental auf die Kindheit zurückblicken ist es nicht.

Vor einigen Wochen erschienen in der Zeit eine Reihe von Artikeln, geschrieben von Ostdeutschen, alle ungefähr zehn Jahre jünger als ich. Ich habe mich nicht in vielen Texten wiedererkannt. In Erinnerung geblieben ist mir aber der Beitrag  „Erinnert euch!“ von Bettina Malter. Der Text dreht sich um den Satz „Unsere gemeinsame Erinnerung ist zutiefst westdeutsch.“ Bettina Malter hat mit jeder** Zeile recht. 25 Jahre nach dem Mauerfall drohen die Erinnerungen der Ostdeutschen zu verschwinden. Nicht die Erinnerungen an das politische System, sondern die Erinnerungen an Bücher, Filme und Musik, mit denen man in der DDR aufgewachsen ist. Malter fragt, warum Reinhard Lakomy nicht ebenso groß beerdigt wurde wie Otfried Preußler. Spiegel online war Lakomys Tod zehn knappe Zeilen wert. 2010 starb Helga Göring, als Schauspielerin hatte sie in der DDR einen Bekanntheitsgrad, der dem von Inge Meysel in der Bundesrepublik entsprechen dürfte. Spiegel online fand das nicht erwähnenswert, wie auch die meisten anderen überregionalen Zeitungen. Diese Ignoranz ist respektlos, aber vermutlich werden sich Spiegel, Stern, FAZ und Co. auch weiterhin die Frage stellen, warum sich die SUPERillu im Osten besser verkauft als alle genannten zusammen.

Anne Wizorek schreibt in derselben Zeit-Ausgabe, dass ihr Feminismus ostdeutsch ist. Feminist bin ich auch. Und Atheist. Vielleicht ist es ja typisch ostdeutsch, das Konzept Religion wenig überzeugend zu finden. Zumindest gehören die fünf neuen Bundesländer zu den atheistischsten Regionen der Welt. Daran kann ich nichts Schlechtes finden.

*Edit: E. wies mich drauf hin, dass ich aber „um Acht“, „halb Acht“ und „viertel Acht“ sage. Es ist tatsächlich etwas anstrengend, sich immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, dass vor allem bei die letzten beiden fast nie verstanden werden und man stattdessen „viertel nach“ und „viertel vor“ sagen muss.

**Wobei: Eine ungarische Wurstsuppe habe ich in Hannover ebenso wenig auf einer Speisekarte gefunden wie eine Soljanka (ein Wort übrigens, das mir die Rechtschreibkontrolle meines Schreibprogramms als unbekannt unterstreicht).

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11 Fragen, 11 Antworten


Die Miriam hat ein paar Fragen an mich weitergereicht und ich bin zu höflich, um sie nicht zu beantworten. Eigentlich soll man in diesem Beitrag noch eine bestimmte Grafik mit einbauen, aber hey Miriam: Du hast nicht ernsthaft erwartet, dass ich dieses Mädchen-mit-Blumenstrauß-Bildchen verwende, oder?

Zu den Fragen:

1. Wie viele nette Leute hast du durch dein bloggen kennengelernt?

Ich trenne bloggen nicht von meinen anderen Aktivitäten in diesem Internet, deshalb lässt sich das nicht einzeln aufschlüsseln. Insgesamt aber: viele. Ob die das allerdings auch von mir behaupten würden?

2. Wie wurde dein bester Freund dein bester Freund?

Es sind zwei. Und das verlief absolut unspektakulär. Einen habe ich schon zu Schulzeiten kennengelernt, eine an der Uni. Und nach vielen Jahren stellt man dann fest, dass sich seit damals nichts geändert hat. Man sieht sich nur ein paar Mal im Jahr, und trotzdem ist alles wie früher.

3. Angenommen, du bist der/die einzige mit einem Smartphone am Tisch: Guckst du drauf und benutzt es?

Das kommt sicher ein wenig auf den Tisch und die dort versammelten Personen an und ob zum Beispiel grad 96 spielt und der Liveticker läuft, aber tendenziell: ja. Allerdings nicht permanent.

4. Was ist Glück für Dich?

Das kann alles mögliche sein, es hängt aber immer mit einem speziellen Menschen zusammen.

5. Was möchtest Du schon immer mal machen und hast es noch nicht verwirklicht?

Och, pff, keine Ahnung.

6. Was ist das schönste, was dir heute passiert ist?

Es ist ja noch nicht mal Mittag, ich hoffe, da kommt noch was.

7. Wen möchtest Du mal im Leben treffen, wenn alles möglich ist?

Mit 18 hätte ich gesagt: Egal, Hauptsache sie sieht gut aus und will mit mir ins Bett.

8. Bist du ein Morgen- oder ein Nachtmensch?

Ich stehe zwar unter der Woche relativ zeitig auf, bin aber viel häufiger nach Mitternacht weniger müde als morgens um sieben.

9. Was ist dein Lieblingsort?

Es gibt nicht den einen Ort. Das kann im Sommer ein Biergarten sein oder die Bretterbude am Strand in Portugal, das kann das Stadion sein, die Kneipe, meine Couch, mein Bett …

10. Welches Buch schenkst du jedem, der es noch nicht hat?

Schwierig, weil Menschen ja durchaus zu unterschiedlichen Geschmäckern neigen. Mit dem „Känguru-Manifest“ und den „Känguru-Chroniken“ kann man aber nichts falsch machen.

11. Dein Lebensmotto lautet:

Gibt’s das Essen auch in der Geschmacksrichtung „lecker“?

Neue Fragen, klassisch dem Proust geklaut:

1. Wo möchten Sie leben?

2. Welche Fehler entschuldigen Sie am ehesten?

3. Ihre liebsten Romanhelden?

4. Ihre Lieblingsgestalt in der Geschichte?

5. Ihre Lieblingsheldinnen/-helden in der Wirklichkeit?

6. Ihr Lieblingsmaler?

7. Ihr Lieblingsautor?

8. Ihre Lieblingstugend?

9. Ihre Lieblingsbeschäftigung?

10. Ihr Hauptcharakterzug?

11. Was schätzen Sie bei Ihren Freunden am meisten?

Nehmen darf sie sich, wer darauf Bock hat, vielleicht Asal oder Johannes?

Lieblingszeug 2013


Romane

Ernst Haffner „Blutsbrüder. Ein Berliner Cliquenroman“

Eine Wiederentdeckung, die es in sich hat. Haffner, dessen Spur sich nach 1933 verliert, beschreibt in seinem Roman die Geschichte gestrandeter Jungs im Berlin der Zwanziger Jahre. Und dies gelingt im derart eindrücklich, dass man den Gestank in den Spelunken förmlich riechen kann, der Moloch Großstadt plastisch vor dem inneren Auge aufbaut. Zum Schluss ein Funken Hoffnung.

Leon de Winter „Ein gutes Herz“

De Winter entwirft einen wahrhaft skurrilen Plot, in dem der ermordete Theo van Gogh zum Schutzengel des Kriminellen Max Kohn wird, der das Herz eines Priesters verpflanzt bekommen hat, der der Liebhaber von Kohns großer Liebe war, die jetzt mit einem Autor namens Leon de Winter zusammenlebt. Daraus entspannt sich ein Thriller um islamistische Terroranschläge in Amsterdam, reale und fiktive Personen treten auf, de Winter schert sich dabei nicht um politische Korrektheit. Und weil er zudem noch frei von Eitelkeit ist, wird „Ein gutes Herz“ zu einem Lesevergnügen.

Diogenes

Comics

Derf Backderf „Mein Freund Dahmer“

Eine Biographie der Jugendjahre Jeffrey Dahmers, der zwischen 1978 und 1991 17 Männer ermordete. Backderf erzählt in teils drastischen Bildern von der verkorksten Kindheit und Jugend, erzählt von den vielen Anzeichen, die auf Dahmers psychische Störungen hindeuteten, erzählt, dass kein Erwachsener diese Anzeichen beachtete. Dahmer galt seiner Umwelt als Freak, der zeitweise sogar seinen eigenen Fanclub hatte. Backderf kann genau berichten – er war mit Dahmer auf der Highschool. Als ihn seine Freundin 1991 anrief, um ihm zu sagen, dass der Serienmörder gefasst wurde und dass er mit ihm auf die Schule ging, fällt Backderf Dahmer übrigens erst als Zweiter ein.

Jean-Yves Ferri/Didier Conrad „Asterix bei den Pikten“

Ja, es ist noch nicht der ganz große Wurf, an die gute alte Zeit Goscinnys kommt der erste Band mit neuem Texter und neuem Zeichner, der Asterix und Obelix nach Schottland führt, nicht heran. Und ja, die Messlatte lag nach „Gallien in Gefahr“ ziemlich in Bodennähe. Aber es ist ein Anfang, der hoffen lässt. „Asterix bei den Pikten“ enthält durchaus witzige Momente und gelungene Anspielungen. Und ein neuer Asterix-Band ist immer besser als kein Asterix-Band. Erfreulich, dass Zeichner Conrad dem Stil Uderzos treu bleibt und nicht versucht, alles auf links zu krempeln.

Sachbuch

Ulrich Holbein „Ein Chinese in Rom. Jean Paul und Goethe: Ein untendenziöses Doppelporträt“

Vor 250 Jahren wurde Jean Paul geboren. In der Flut der vielen lesenswerten Neuerscheinungen zu diesem Anlass ragt Holbeins Doppelporträt heraus. Holbein gehört zu den größten deutschen Sprachkünstlern, unendlich belesen und sich jeglicher Kategorisierung entziehend. Jean Paul und Holbein sind Brüder im Geiste. So ist denn auch nicht überraschend, wem seine Sympathien in dieser vor doppelbödiger Sprachkomik sprühenden Biographie der beiden Antipoden gehören. „Goethe wurde – dank Goethe-Lobby und Goethe-Mafia – fast so weltberühmt wie Jesus, The Beatles, Osama, Obama oder Lady Gaga. Jean Paul muß im Google aus Jean-Paul-Belmondo-Gewimmel hervorgefizzelt werden und hat zu erdulden, daß Hochkulturträgerinnen, denen man dringend was über Jean Paul erzählen möchte, irritiert zurückfragen: ‘Sartre?’“

Helmut Böttiger „Die Gruppe 47“

Ohne die Gruppe 47 wäre die deutsche Literatur nach 1947 schwer vorstellbar. Zu groß die Namen derjenigen, die dort Erfolge feierten, zu vernichtend die Niederlagen anderer. Ein Haifischbecken aus Eitelkeiten und Grabenkämpfen. Und trotzdem oder gerade deswegen prägte die Gruppe 47 die literarische Entwicklung bis in die heutige Zeit hinein. Böttiger liefert eine famose Gesamtdarstellung, fundiert und gut geschrieben. Dafür gab es zu Recht den Preis der Leipziger Buchmesse.

Serien

Game of Thrones“, Staffel 3

J.K. Rowlings heult ja schon, wenn sie einen Nebencharakter sterben lässt. George R.R. Martin erledigt in einem einzigen Kapitel gleich mal eine Handvoll Hauptcharaktere, „The Lannisters send their regards“ ist das Stichwort. Staffel drei plätschert im Vergleich zu den ersten beiden Staffel eine ganze Weile so vor sich hin, um dann auf ein gewaltiges Finale – in der vorletzten Folge – hinauszulaufen. Wobei hinplätschern in Bezug auf Game of Thrones bedeutet, dass es immer noch Tote und Sex im Dutzend gibt, es wird kastriert, gemordet, die Drachen wachsen … Neue Charaktere tauchen unvermittelt und ohne Einführung auf, erklärt wird das erst später. An Komplexität der Handlung kann es sowieso keiner mit George R.R. Martin aufnehmen. Noch vier Monate, bis die vierte Staffel startet. Ich zähle schon die Tage.

Trailer

Once upon a Time“, Staffel 1-3

Die Serie steht zumindest in Deutschland im Schatten anderer großer Serien, zu Unrecht. Die Macher vermischen Elemente unzähliger Märchen, die Handlung spielt parallel im Märchenreich und in der Echtzeit, in Storybrooke/Maine, in der die Bewohner durch einen Fluch der bösen Königin leben, ohne ihre Vergangenheit zu kennen. Dann kommt Emma Swan nach Storybrooke, Tochter von Schneewitchen und Prinz Charming, die auch nichts von ihrer Vergangenheit ahnt. Daraus entspannt sich ein fantasievoller, spannender, optisch hervorragend umgesetzter Handlungsreigen, in dem im Laufe der Zeit nichts mehr so ist, wie es zunächst schien. Groß: Robert Carlyle als Rumpelstilzchen. In der dritten Staffel geht’s dann nach Neverland, wo Peter Pan als Inkarnation des Bösen herrscht.

Trailer 1. Staffel

The Newsroom“, Staffel 1-2

Spielt im fiktiven Kabelsender ACN Networks. Die Nachrichtenredaktion um Anchorman Will McAvoy (Jeff Daniels) versteht sich als Gegenpol sensationsheischenden Erscheinungen wie Fox News. Ziel ist es, investigativen Journalismus zu betreiben, Zielscheibe ist dabei vor allem die Tea-Party-Bewegung. Anhand realer Ereignisse werden die Schwierigkeiten im Tagesgeschäft geschildert, die Konflikte mit der Chefetage, mit politischen und persönlichen Gegnern. Aaron Sorkin hat aus diesem Stoff eine packende Serie gemacht.

Eröffnungsszene erste Staffel

Hannibal“, Staffel 1

Mads Mikkelsen gibt in dieser Adaption des Hannibal-Stoffes den Dr. Lecter und er tut dies mit Bravour. Dr. Lecter wird vom FBI gebeten, bei der Suche nach Serienmördern zu helfen. Das macht er gern, schließlich kennt er sich damit ja ein bisschen aus. So hilft er dem FBI-Agenten Will Graham dann auch mal damit, dass er die Morde kopiert, was Will Graham, sowieso schon in einem Albtraum lebend, schließlich verdächtig macht, selber ein Serienkiller zu sein. Helle Momente gibt’s in dieser Serie keine, nur Hannibal Lecter ruht in sich, zufrieden mit seinem Leben.

Trailer

Filme

Django Unchained“

Es ist ein Tarantino-Film und es ist neben „Pulp Fiction“ sein bester. Mehr muss man dazu nicht sagen.

Les Miserables“

Es ist ein Musical, und zugeben, auf die Idee gekommen zu sein, Russell Crowe singen zu lassen, will im Nachhinein auch keiner. Und trotzdem gehört „Les Miserables“ zu den Filmen, für die das Kino erfunden wurde (das habe ich im letzten Jahr auch über „Gefährten“ gesagt). Bildgewaltig, monumental, pathetisch, episch. Und manchmal muss es genau so ein Film sein.

Scheiß Harmonie – Frankfurter Buchmesse 2013


Premiere für mich: Zum ersten Mal war ich als Teilnehmer zu einer Diskussion geladen, sodass aus den geplanten zwei Tagen drei wurden, da die Podiumsdiskussion „Die Buchhandlung – ein Auslaufmodell mit großer Zukunft?“ Donnerstag bereits 10 Uhr morgens stattfand und mir die Fahrplanauskunft auf die Frage, wann ich losfahren müsste, um pünktlich da zu sein, irgendwas mit „mitten in der Nacht“ zurief und mich dabei schadenfroh anschaute. Man ist ja kein Frühaufsteher, von mir hat mein Heimatbundesland Sachsen-Anhalt das nicht.

Mittwoch

Man ist auch nicht Sascha Lobo, sonst hätte man seinen Namen am Mittwoch in gefühlt jedem zweiten Satz, den man irgendwo aufgeschnappt hat, gehört. Sobooks heißt das nächste große Ding (okay, das war jetzt eigentlich als super Anspielung auf einen seiner Buchtitel gedacht, aber Sascha Lobo ist auch nicht Kathrin Passig oder Holm Friebe), das er auf einer knallevollen Pressekonferenz in nur anderthalb Stunden vorstellte, weshalb man dann auch nicht pünktlich um 17.00 zum Weintrinken an irgendeinen Stand kam, dafür aber Anne Schüßler noch den Weg zum Pressezentrum zeigen konnte. Anne war auf der Sobooks-Vorstellung eine von zwei anwesenden Damen, die Hut trugen. Und ich kannte beide! Danach kurz meinen Gastgeber bei Suhrkamp aufgegabelt, dann noch schnell auf einen Wein beim Börsenverein vorbei und ab zum Abendessen. Mittwochabend haben wir es insgesamt eher gemächlich angehen lassen, mit Restalkohol vom Podium fallen wäre zwar lustig, aber man ist ja nicht Klaus Kinski. JpegZumindest war der Plan, es gemächlich angehen zu lassen, aber ich denke, für Buchmesseverhältnisse kann man das so gelten lassen; man ist ja auch nicht mehr der Jüngste. „Im Blauen Bock“ (der Bademantel auf dem Bild hängt dort auf dem Klo) und „Klabundt“ hießen die Stationen, in Letzterer waren Fans von Hannover 96 überproportional vertreten, da am Nachbartisch Matthias Wieland vom Klub der Roten Dichter saß.

Donnerstag

Am Donnerstag dann Diskussionsrunde mit Kathrin Passig, John Cohen und Rudolf Frankl. Spannender wäre es sicher gewesen, wenn anstelle von John Cohen ein Vertreter von Thalia/Hugendubel anwesend gewesen wäre, da Herr Cohen und ich bereits vorab feststellten, dass wir uns eigentlich komplett einig sind. Scheiß Harmonie. Trotzdem weiß ich dadurch, wo auf St. Pauli meine Kreditkarte und ich beim nächsten Hamburg-Besuch mal vorbeischauen. Die Diskussion gibt es irgendwann auch auf youtube, ich befürchte aber, dass ich im Bewegtbild genauso fett aussehe wie auf den Fotos.

Danach das üblich Durch-die-Gänge-Laufen-und-Hallo-sagen, nebenbei (unter Zeugen) die Literaturnobelpreisträgerin vorhersagen und sich für Doerlemann freuen. Zwischendurch eine Fußballfachsimpelei mit Holger. Wir sind beide gespannt auf den 8. November.Scheiß Harmonie.

bei KunstmannDonnerstags ist 17.00 Pflichttermin der Stand von Antje Kunstmann (auf dem Bild, v.l.: Jana, Name vergessen, war aber nett, Miriam) Ich lobe ja sonst immer die Tatsache, dass es dort schön gekühltes Bier gibt, diesmal war ich aber nicht traurig, dass es so schnell alle war, sonst wäre mir der unglaublich tolle Riesling von Bachmann – Greulich entgangen. Überhaupt Kunstmann-Empfang: Ich mag ihn, denn irgendwann schert sich niemand mehr um das Rauchverbot in den Hallen, alle sind vergnügt und man trifft immer nette Leute. Danach war die Verleihung der Virenschleuder angesagt, auf dem Weg dorthin unterhielt ich mich noch mit Stefan Weidle (der am Freitag noch den Hotlist-Preis gewinnen sollte), dann kamen Tina Schraml und Elisabeth Dietz (die zweite Dame mit Hut) vom Bücher Magazin (“Deine Kritik an unserem Heft hat immer Hand und Fuß, aber es wäre schön, wenn sie nicht meistens mit ‚ Ich habe mir die letzte Ausgabe nicht gekauft, weil …‘ anfangen würde.“) vorbei und schwupps, kam man zur Virenschleuder (Bild unten: Holger und Stefan Geyer auf der Aftershow-Party), als schon alles gelaufen war. Lustig war es trotzdem, man kennt sich, man mag sich … Scheiß Harmonie.

JpegMit der anschließenden Fischer-Party ist das ja so eine Sache. Man sucht sich einen freien Tisch und hofft, dass sich angenehme Gesellschaft hinzugesellt. Klappt nicht immer, aber diesmal, auch wenn Karla Paul, der ich noch persönlich für die Nennung im neon-Blog danken wollte, es geschafft hat, sich erfolgreich vor mir zu verstecken. Von dem ominösen Gestank auf der Party habe ich übrigens nichts mitbekommen.

Freitag

Last Exit wieder „Klabundt“, am nächsten Morgen munter wie ein Fisch im Wasser (neben dem grad ein Öltanker leckgeschlagen hat) wieder zu Messe. Aber es gab Frühstück von der Messe, auf der Agora. Danach nochmals durch die Gänge, ein abschließendes Getränk mit Wolfgang Walz, Tina (hatte nur Pommes) und Elisabeth (siehe Bild unten), die schneller Bier trinkt als ich.

Buchmesse elisabet

Dann ab zum Bahnhof, Zug, Hannover, fertig.

Lustig: Das Plopp-Geräusch beim Öffnen der Bierflasche am Stand von Voland & Quist, das man noch in der Halle drüber hören konnte.

Das Gesicht der Dame am Infopoint, zu der Wolfgang Joop sagte „Ich gehe jetzt mal auf die Toilette und komme dann wieder her“ (gesprochen klang das wirklich lustig).

Dass ganz viele wildfremde Menschen Fotos von mir gemacht haben und sich jetzt fragen, wer der Typ mit dem rosa Iro ist. (Wenn man sich mit Sascha Lobo unterhält, wird man in fünf Minuten ungefähr 20 Mal fotografiert. Und da ich an diesem Tag auch neben Kathrin Passig fotografiert wurde, bin ich jetzt auf allen Symbolfotos für das Internet drauf.)

Dass wir ein Buch von Joachim Kurz gesehen haben. Als Deko für einen Buchverramscher.

Dass ich Leander Wattig gleich zweimal als erstes mir bekanntes Gesicht getroffen habe. Als Wir-sind-hier-Plakat auf dem Weg in die Halle und als ersten Bekannten vor der Halle.

Es war eine schöne Messe. Danke an Stefan für die Gastfreundschaft, danke an Jana sowieso, danke an Susanne, Frank, Carsten, Wolfgang, Wibke, Stefan, Andre, Leif und Sebastian, Dorle, Miriam, Peter, Dominique, Elisabeth, Tina, Anne, Sascha, Steffen (denk dran: Leipzig, Bier!), Holger, Karsten, Simone, TimHolger und alle anderen, die ich hier vergessen habe, für nette Begegnungen. Scheiß Harmonie.

 

PPS: Um Bücher gings natürlich auch, dazu aber zu einem späteren Zeitpunkt.

20 Dinge über mich, die jetzt nur so mittel interessant sind


Blogstöckchen mag ich ja gar nicht mal so besonders, dieses aber, das mir Frau Meike hingehalten hat, fand ich interessant.

 

  1. Ich springe nicht über jedes Stöckchen, das man mir hinhält.
  2. Ich neige zur Arroganz, gebe mir aber Mühe, dies nur Menschen gegenüber zu sein, die sich das verdient haben.
  3. Wenn ich mich anstrenge, kann ich auch nett sein.
  4. In der Kneipe trinke ich alle Getränke in derselben Geschwindigkeit, deshalb trinke ich Bier und nur äußerst selten Wein oder Cocktails.
  5. Ich bin ungeduldig und cholerisch, Letzteres aber wird mit zunehmendem Alter immer seltener.
  6. Trotzdem wundere ich mich gelegentlich, dass es viele Menschen gibt, die es gut mit mir aushalten.
  7. Ich bade nicht in stehenden und fließenden Gewässern, und am Meer ist Sandstrand die Grundvoraussetzung, um irgendwo meinen Urlaub zu verbringen. Berge mag ich nicht bzw. nur als Kulisse vom Meer aus gesehen.
  8. Mit dreizehn, vierzehn Jahren gab es mal eine Phase, in der ich Lehrer werden sollte.
  9. Ich habe keine Ahnung von Musik und bedauere dies. Mir fehlt aber die Muße, mich auf Musik zu konzentrieren und mich mit ihr auseinanderzusetzen.
  10. Anders als im Bereich Literatur mag ich Hörspiele vor allem dann, wenn sie möglichst trashig sind.
  11. Ich verwende in der Onlinekommunikation keine Smileys und nehme in Kauf, dass man mich dadurch gelegentlich missverstehen kann.
  12. Ich verstehe in der Feminismus-Diskussion vieles nicht, manches finde ich albern, ich bin aber absolut für eine Einführung der Frauenquote und für eine gesetzliche Festschreibung, dass Frauen für den gleichen Job nicht weniger als Männer verdienen dürfen.
  13. Ich besitze viel mehr Umhängetaschen, als ich benötige.
  14. Ich kann relativ gut kochen und tue das auch gern.
  15. Ich kann nur schwer Ordnung halten.
  16. Bescheidenheit gehört nicht zu meinen Paradeeigenschaften.
  17. Ich schaue mir keine Splatterfilme an.
  18. Ohne Deadline kann ich nicht arbeiten.
  19. Das erste Mal betrunken war ich beim Tanzstundenabschlussball.
  20. Auf meinem Drucker stehen Figuren aus „Tim und Struppi“, die ständig umfallen.

    Weiter geht es an Stefan, Carsten und Holger.

     

Frühling


Ich will endlich wieder bei 20 Grad im Straßencafe sitzen und mir neben einer Mutter mit Kind eine Zigarette anzünden. Und auf ihren empörten Blick will ich wieder freundlich lächelnd auf den schönen Nichtrauchbereich hinweisen. Innen. Und auf ihre Bemerkung, dass das ja total rücksichtslos dem Kind gegenüber sei, will ich wieder antworten, dass dies nicht stimme, denn sonst hätte mir das Kind das ja gesagt, es sein denn, es wäre ein besonders dummes Kind, dass sich nicht selber äußern kann, aber ich glaube, dumm ist nicht das Kind und überhaupt hätte sich noch nie ein Kind über eine angezündete Zigarette beschwert. Dann wird sie wütend und geht, ich bin fröhlich und zünde mir die nächste Zigarette an. Ach Frühling, beeil dich!

Warum ich Homosexualität nicht toleriere


Kein Artikel, kaum eine Äußerung zum Thema Diskriminierung Homosexueller, die auf den Begriff Toleranz im Zusammenhang mit dem Umgang mit Schwulen und Lesben verzichten. Warum aber eigentlich die Aufforderung zur Toleranz? Toleranz bedeutet nichts anderes als das Dulden von Handlungen oder Ansichten, die dem eigenem Lebensbild nicht entsprechen, der Begriff hat seinen Ursprung im lateinischen tolerare, erdulden. Ich bezeichne mich als einen – nicht um jeden Preis – toleranten Menschen. Ich toleriere, dass es religiöse Menschen gibt, ich toleriere, dass es Menschen gibt, die die FDP wählen, ich toleriere, dass es Menschen gibt, die sich über Siege des FC Bayern freuen. All dies widerspricht – mehr oder weniger – meinen eigenen Ansichten, all dies sind Ansichten, denen zu irgendeinem Zeitpunkt eine Entscheidung für oder wider zugrunde lag. Homosexualität ist aber kein Entscheidungsprozess, man ist es oder man ist es nicht. Ist man es, dann lässt sich dies mit einem ganz einfachen Wort einordnen, nämlich mit dem Wort normal. Und es ist mir völlig egal, ob Horst sich zu Rainer hingezogen fühlt oder eher zu Carola, es ist mir vollkommen egal, ob Petra mit Beate glücklich ist oder mit Wolfgang oder mal mit Wolfgang und mal mit Beate. Es ist mir egal, es geht mich auch nichts an, es geht niemanden außer Horst, Rainer, Carola, Petra, Beate und Wolfgang etwas an. Es ist und bleibt, egal in welcher Konstellation, normal, es gibt keinen Unterschied darin, wie sich homosexuelle Paare im Vergleich zu heterosexuellen Paaren finden, in beiden Fällen geht es schlicht und ergreifend um Liebe und/oder körperliche Anziehung, es ist und bleibt normal. Und ein Umstand wird nicht weniger normal, weil er nur eine Minderheit betrifft. Es gibt deutlich mehr Homosexuelle als Menschen mit roten Haaren (in Deutschland geht man von einem Prozentsatz Homosexueller aus, der irgendwo zwischen fünf und zehn liegt, Rothaarige machen ungefähr zwei Prozent aus), allerdings kommt man seit Längerem eher nicht mehr auf die Idee, Rothaarige seien nicht normal. Und etwas Normales kann man nicht tolerieren, die Aussage, dass ich Schwule und Lesben toleriere, hat für mich diesselbe Aussagekraft wie „Ich toleriere, dass es Menschen gibt, die lieber Leberwurst als Salami essen.“ Es gibt bei der Tatsache, dass es Menschen gibt, die sich ihren Partner nicht im anderen Geschlecht suchen, nichts zu dulden – dieses Wort hat auch grundsätzlich etwas Herablassendes. Wenn ich sie mag, dann trinke ich mit ihnen Bier, wenn ich sie nicht mag, dann nicht. So wie ich es mit jedem anderen Menschen auch halte.

Die einzige Entscheidung übrigens, die ein Mensch, der homosexuell ist, immer noch treffen muss, ist die Entscheidung darüber, ob er dies öffentlich macht oder im Verborgenen auslebt. Und dass dies in unserer Gesellschaft so ist, ist ein Umstand, den ich auch nicht tolerieren kann. Und dies im vollen Bewusstsein der Bedeutung des Begriffs Toleranz.

Wie Ikea Großburgwedel ein Gutachten interpretiert


Nachtrag 16. Januar. Heute erhielt ich einen Anruf von einer freundlichen Dame vom Kundenservice. Resultat (per E-Mail schriftlich fixiert):

Sehr geehrter Herr Möller,
wie gerade telefonisch besprochen, bestätigen wir Ihnen die Zusage zum Umtausch der Küchenfronten
hiermit schriftlich.
Das IKEA Einrichtungshaus in Burgwedel nimmt die von Ihnen reklamierten Küchenfronten zurück. [Anmerkung: Die ursprünglichen Fronten sind nicht mehr lieferbar]
Der Rückkauf der Küchenfronten erfolgt aus Kulanz ohne Anerkennung einer Rechtspflicht.
Unter Vorlage der originalen Kaufunterlagen bringen Sie die Küchenfronten ins IKEA Einrichtungshaus Burgwedel zurück.
Der Kaufpreis von 2007 wird Ihnen nach der Rückgabe auf eine IKEA Guthabenkarte erstattet. Diese Guthabenkarte ist drei Jahre gültig und als Zahlungsmittel bei IKEA einzusetzen
Mit freundlichen Grüßen
Ende Nachtrag.

Ikea gilt ja gemeinhin als äußerst kulant, wenn es um Reklamationen geht. Gemeinhin.

Auf Küchen gibt Ikea 20 Jahre Garantie. Soweit die Theorie. Bei unserer im Jahr 2007 gekauften Küche platzt an mehreren Oberflächen die Farbe ab. Grund genug, dies bei Ikea in Großburgwedel zu reklamieren. Die erste Auskunft am Serviceschalter lautete: Ja, es ist ein Reklamationsfall. Allerdings müssen wir Ihnen noch einen Gutachter schicken, der sich die Schäden bei Ihnen zu Hause ansieht.

Ist ja kein Problem, der Gutachter kam, meldete keine Zweifel an, dass es sich um eine berechtigte Reklamation handelt und hinterließ folgendes Gutachterprotokoll:

(Es ist schlecht lesbar, ich habe es nicht besser eingescannt bekommen. Deshalb hier der Wortlaut: „Ein Abplatzen der Kanten an allen Küchenblock Türen. Die Ableimer lösen sich und platzen ab/auf. Nur an den Türen nicht an den Schubladeblenden. Eine Bearbeitung ist nicht vor Ort möglich. Mit Marco von Ikea telf. 11 Türen und Herdunterschiebkasten tauschen.“ Zudem ist auf dem Berichtsbogen angekreuzt: „Zur Behebung Ihrer Beanstandung bestellen wir heute ein Ersatzteil, das Ihnen in den nächsten 4-6 Wochen von unserem Auftraggeber direkt zugesandt wird.“)

Ikea Großburgwedel interpretierte den Berichtsbogen wie folgt:

Besonders bemerkenswert finde ich dabei den letzten Satz, „Wir würden uns freuen Sie trotzdem wieder als zufriedenen IKEA Kunden begrüßen zu dürfen.“ Ja ne, is klar.