Sex sells, Sexismusvorwurf sells aber auch


Dieser ‪#‎Aufschrei‬ von Dana Buchzik in der Welt unterschlägt dann doch ein oder zwei Fakten, die vielleicht nicht komplett irrelevant sind. Wahr ist, dass weniger Romane von Frauen auf der Longlist stehen, Clemens Setz hat ausgerechnet, dass durchschnittlich 5,25, also 25 Prozent, der nominierten Titel, von Frauen stammen, auf der Shortlist ist der Prozentsatz ein wenig höher, er liegt bei rund 30 Prozent. Zwar erwähnt Dana Buchzik, dass in den letzten beiden Jahren Frauen gewonnen haben, die Tatsache, dass der Buchpreis aber insgesamt doppelt so häufig von Frauen gewonnen wurde (6 zu 3), passte ihr wohl nicht in die Argumentation. Ebensowenig passte es in ihre Argumentation, dass die Jury in diesem Jahr mehrheitlich aus Frauen besteht, ebenso wie 2011. In dem Jahr stammten acht nominierte Bücher von Frauen, so viel wie sonst nie. Allerdings gewann mit Eugen Ruge ein Mann. Zudem saßen in den letzten Jahren immer mindestens drei Frauen in der Jury, bei sieben Mitgliedern, also ein Verhältnis, aus dem ich nur schwer eine systemtisch-institutionalisierte Benachteiligung von Frauen ablesen kann. Und das bedeutet eben auch, dass alle sechs Buchpreise, die an Frauen gingen, von einer Jury vergeben wurden, in der mehr Männer als Frauen saßen. Die Statistiken lassen sich hier selber nachrechnen. Jan Drees sammelt auf Lesen mit Links Stimmen zur Diskussion.

In der aktuellen literarischen Welt findet sich auch eine Liste mit den besten Titeln, die die Redaktion auf den Longlisten vermisst hat. Aufgezählt werden zwölf Titel von Männern und drei von Frauen.

Meine Äußerungen beziehen sich ausdrücklich auf den Teil, der sich mit dem Deutschen Buchpreis beschäftigt, nicht auf das, was sie über die Strukturen der Gremien des Literaturbetriebs sagt. Das kann ich nicht beurteilen, weil ich nicht wirklich im Betrieb drinstecke. Ich halte es aber durchaus für möglich, dass sich das nicht grundsätzlich von anderen Bereichen unterscheidet.

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2 Gedanken zu “Sex sells, Sexismusvorwurf sells aber auch

  1. Das Argument, das ja trotzdem mehr Frauen gewinnen würden, ist für mich keins. Es bleibt ja trotzdem dabei, dass grundsätzlich immer mehr Männer nominiert werden (und dementsprechend wohl auch Aufmerksamkeit bekommen). Außerdem könnte man das ganze eben gerade deswegen zusätzlich hinterfragen. Denn, wenn Frauen anscheinend zumindest laut Jurymeinung bessere Bücher schreiben, warum sind sie dann auf der Longlist (und meist auch der Shortlist) trotzdem in der Unterzahl. Spricht – wenn man es so dreht – noch viel eher für einen Fehler im System als dafür, dass es eigentlich nicht so schlimm ist.

    Dass die Jury mittlerweile meist ausgeglichen ist (bei sieben Juroren ist immer ein Geschlecht in der Mehrzahl), ist aber tatsächlich interessant. Zumindest hier kann man keinen Vorwurf (mehr) machen.

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  2. Das ist ja mein Einwand, denn ihr Text basiert ja auf dem Vorwurf, dass beim Buchpreis männliches Dominanzgehabe über die Vergabe bzw. die Zusammenstellung der Longlist entscheidet. Und da halte ich es für nicht sonderlich redlich, zwar die Zusammensetzung der Akademie zu erwähnen (acht Männer, zwei Frauen), nicht aber die Zusammensetzung der Jurys. Es schwingt da auch der Pauschalverdacht mit, jeder Mann bzw. jedes männliche Jurymitglied würde Titel von Männern bevorzugen. Ich glaube nicht, dass dies zutrifft. Ich denke auch nicht, dass man aus der Tatsache, dass Frauen häufiger gewonnen haben, ableiten sollte, dass Frauen grundsätzlich bessere Bücher schreiben. Der Preis sagt eigentlich nichts anderes, dass im Jahr soundso der (lt. Jurymeinung) beste Roman von einer Frau geschrieben wurde. Es gibt in diesem Zusammenhang sowieso einige Punkte, auf die der Artikel nicht eingeht. Wir wissen nicht, welche Titel von den Verlagen eingereicht wurden und wie sich da das Verhältnis gestaltet. Ich selber kann nicht einschätzen, welche Titel fehlen und welche besser nicht auf der Liste gelandet wären – ich habe schlicht und ergreifend zu wenige der ins Spiel gebrachten Titel gelesen. Andernorts wurde zum Thema Longlist ein ganz anderer Punkt ins Spiel gebracht, den ich spannend finde, nämlich, dass auf der Longlist kaum jüngere Autoren zu finden sind. Grundsätzlich sollte sich die Entscheidung, wer longlistwürdig ist und wer nicht, an qualitativen Kriterien bemessen, nicht daran, ob das Buch von einem Menschen mit oder ohne Penis geschrieben wurde. Und schlussendlich: Es wird niemals eine solche Liste geben, mit der alle zufrieden sind. Aus welchen Gründen auch immer.

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