Ich lese viel weniger Bücher von Frauen und ich weiß nicht, warum


Nachdem ich gestern die Argumentation von Dana Buchzik in ihrem Aufschrei-Artikel in der Welt kritisierte, habe ich mal nachgedacht und nachgesehen, wie groß der Anteil weiblicher Autoren der Bücher ist, die ich empfehle.

Vorab: Buchempfehlungen gebe ich in Verbindung mit meinem zauberhaften Lächeln auf meinem Tumblr-Blog Lesebefehle, ich habe früher für Glanz & Elend und Diesseits rezensiert, heute rezensiere ich gelegentlich – also viel zu selten – für Intellectures. Außerdem fertige ich monatlich eine Bücherseite für Leo – Das Anhalt Magazin, auf der ich drei Titel vorstelle, wofür ich jeweils 560 Zeichen zur Verfügung habe, und die eine persönliche Top-5-Liste zu einem speziellen Thema enthält. Die Titel für den Tumblr und für die Top 5 wähle ich aus dem Bestand meiner Bibliothek, für die Rezensionen und die Empfehlungen auf der Bücherseite fordere ich Rezensionsexemplare an. Mitunter bekomme ich auch unaufgefordert Bücher zugeschickt, wenn ich sie mag, empfehle ich sie auch weiter. Zudem werden alle zugeschickten Bücher fotografiert und auf meiner Facebookprofilseite veröffentlicht.

Zuerst bin ich die Titel, die ich für Leo ausgewählt habe, durchgegangen. Hier habe ich mir eine Quote selbst auferlegt, mindestens ein Titel stammt immer aus einem Indie-Verlag. Die Quote erfüllt sich eigentlich immer von selbst. Ich habe bisher für zwölf Ausgaben geschrieben, also 36 Titel empfohlen. Davon stammen 30 von männlichen Autoren, drei Titel sind von Frauen, drei Titel wurden gemeinsam von einer Frau und einem Mann verfasst bzw. herausgegeben. Die Frauenquote liegt also deutlich unter der Quote, die jetzt beim Deutschen Buchpreis bemängelt wird (nicht dass ich meine Bedeutung mit der des Buchpreises vergleichen will). Auf dem Tumblr ist die Quote ähnlich schlecht, ebenso auf Glanz und Elend. Die Top 5 habe ich nicht durchgezählt, ich vermute aber, dass hier die Quote noch schlechter ist. Für Diesseits habe ich nicht ein Buch von einer Frau rezensiert, auf Intellectures exakt eins.

Das hat mich dann selbst ziemlich überrascht. Ich habe da vorher auch noch nie drüber nachgedacht. Ich wähle die Titel, die mich interessieren, auch nicht nach dem Geschlecht des Autors aus. Ich schaue die einschlägigen Verlagsprogramme durch, stoße durch Rezensionen in FAZ, SZ und der Literarischen Welt auf Titel, lasse mir Titel von Menschen wie Stefan Mesch empfehlen – so, wie es vermutlich die meisten bei der Auswahl halten. Bei Sachbüchern ist es einfacher zu erklären. Da interessieren mich bestimmte Themen, und ich schaue, was es an Veröffentlichungen dazu gibt. Als ich im letzten Jahr einen großen Überblick zu den Neuerscheinungen anlässlich des 250. Geburtstages von Jean Paul geschrieben habe, stammten eben alle Titel von Männern. [Korrektur: Ich vergaß die Jean-Paul-Biographie von Beatrix Langner.] Wenn ich mich für den Ersten Weltkrieg interessiere, ist das Gros der Veröffentlichungen von Männern geschrieben. Ja, und das einzige rezensierte Sachbuch aus der letzten Zeit, das von einer Frau geschrieben wurde, hatte Mode zum Thema (Barbara Vinken: Angezogen). Hier lässt sich spekulieren, dass ein Zusammenhang mit dem Frauenanteil im Wissenschaftsbetrieb besteht. Aber ich kann halt nur auf Vorhandenes zurückgreifen.

Warum der Anteil in der Belletristik so ist, wie er ist, kann ich mir aber selber nicht erklären. Da bin ich weit weniger auf bestimmte Themen fixiert. Es gibt Themen, die mich grundsätzlich weniger interessieren als andere, dazu gehören aber auch vermeintlich männliche Themenkomplexe, ich interessiere mich zum Beispiel nur bedingt für Technik. Und noch mal: Es ist mir komplett wumpe, ob ein Titel von einer Frau oder einem Mann geschrieben wurde. Frauen und Männer mögen andere Blickwinkel auf und Herangehensweisen an Themen haben, ich halte es aber für absurd, daraus ein „besser“ oder „schlechter“ abzuleiten. Ich werde in Zukunft also verstärkt darauf achten, warum ich ein Buch von Autor A anstelle eines Romans von Autorin B auswähle. Irgendeinen Grund muss es ja haben.

Bei Graphic Novels ist das Verhältnis Mann/Frau übrigens am ausgeglichensten, bei meinen persönlichen Favoriten dürfte es ungefähr bei 50:50 liegen. Warum das so ist, weiß ich aber auch nicht.

Sex sells, Sexismusvorwurf sells aber auch


Dieser ‪#‎Aufschrei‬ von Dana Buchzik in der Welt unterschlägt dann doch ein oder zwei Fakten, die vielleicht nicht komplett irrelevant sind. Wahr ist, dass weniger Romane von Frauen auf der Longlist stehen, Clemens Setz hat ausgerechnet, dass durchschnittlich 5,25, also 25 Prozent, der nominierten Titel, von Frauen stammen, auf der Shortlist ist der Prozentsatz ein wenig höher, er liegt bei rund 30 Prozent. Zwar erwähnt Dana Buchzik, dass in den letzten beiden Jahren Frauen gewonnen haben, die Tatsache, dass der Buchpreis aber insgesamt doppelt so häufig von Frauen gewonnen wurde (6 zu 3), passte ihr wohl nicht in die Argumentation. Ebensowenig passte es in ihre Argumentation, dass die Jury in diesem Jahr mehrheitlich aus Frauen besteht, ebenso wie 2011. In dem Jahr stammten acht nominierte Bücher von Frauen, so viel wie sonst nie. Allerdings gewann mit Eugen Ruge ein Mann. Zudem saßen in den letzten Jahren immer mindestens drei Frauen in der Jury, bei sieben Mitgliedern, also ein Verhältnis, aus dem ich nur schwer eine systemtisch-institutionalisierte Benachteiligung von Frauen ablesen kann. Und das bedeutet eben auch, dass alle sechs Buchpreise, die an Frauen gingen, von einer Jury vergeben wurden, in der mehr Männer als Frauen saßen. Die Statistiken lassen sich hier selber nachrechnen. Jan Drees sammelt auf Lesen mit Links Stimmen zur Diskussion.

In der aktuellen literarischen Welt findet sich auch eine Liste mit den besten Titeln, die die Redaktion auf den Longlisten vermisst hat. Aufgezählt werden zwölf Titel von Männern und drei von Frauen.

Meine Äußerungen beziehen sich ausdrücklich auf den Teil, der sich mit dem Deutschen Buchpreis beschäftigt, nicht auf das, was sie über die Strukturen der Gremien des Literaturbetriebs sagt. Das kann ich nicht beurteilen, weil ich nicht wirklich im Betrieb drinstecke. Ich halte es aber durchaus für möglich, dass sich das nicht grundsätzlich von anderen Bereichen unterscheidet.