Keine Lust auf Wirtschaftswunder. Ralph Dohrmanns Debütroman „Kronhardt“


kronhardtAuf rund 920 Seiten mal eben die gesamte bundesrepublikanische Geschichte abhandeln, dazu noch die große Weltgeschichte und ein paar Ausflüge zurück ins Kaiserreich und zu den Nazis. Man kann nicht behaupten, dass es Ralph Dohrmann mit seinem ersten Roman klein angehen lassen hat. Das Ergebnis ist allerdings nur in Teilen gelungen.

Als einziger Erbe eines Bremer Stickereiunternehmens wird Willem Kronhardt in den frühen fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts geboren. Sein Vater starb früh während einer gemeinsamen Bootsfahrt, Willem hat dies nie verwinden können. Seine geschäftstüchtige, kontrollbesessene Mutter heiratet den Bruder des Vaters, gemeinsam richten sie Willems Erziehung auf die spätere Übernahme der Firma aus. Bereits in der Grundschule wird Willem dazu verdonnert, mit Kindern zu spielen, deren Eltern nützlich fürs Geschäft sind, seine Kreise soll der Junge in der Bremer Upperclass ziehen. Da passt es nicht ins Erziehungskonzept von Mutter und Stiefvater, beide noch in der Gedankenwelt und im Vokabular der Zeit, in der die Stickerei eifrig Hakenkreuze stickte, dass Willem so gar keine Ambitionen zu einer Karriere im Wirtschaftswunderland hat, lieber mit seinem nicht standesgemäßen Freund Schlosser die Umgebung, später auch die Frauen erkundet. Willem entwickelt im Laufe der Zeit eigene Mechanismen, um sich Freiräume zu schaffen, indem er sich scheinbar mit den Erwartungen arrangiert, diese aber immer wieder unterläuft. Eigentlich Naturwissenschaften studieren wollend, nimmt er ein Betriebswirtschaftsstudium auf, sein eigentliches Engagement gilt aber der einen oder anderen Affäre. Mit Schlosser verbringt er einige Zeit in Berlin – wir befinden uns mittlerweile am Ende der 60er Jahre –, er lernt das Leben in einer Kommune kennen. Allerdings sind ihm extreme Ansichten suspekt und zu anstrengend, Willem strebt eine Existenz als Oblomow des 20. Jahrhunderts an, ohne dessen tragische Züge freilich. Da passt es auch ganz gut, dass sich Willems Zeugungsunfähigkeit herausstellt, was ihn von der Pflicht der Nachkommenschaft befreit. In Barbara findet er seine kongeniale Frau fürs Leben, sie bringt den Ehrgeiz mit, die Geschäfte des Familienunternehmens den sich wandelnden Anforderungen anzupassen und sie prosperieren zu lassen. „Kronhardt“ lässt sich auch als Kapitalismusgeschichte der BRD lesen. Willem Oblomow hingegen richtet sich bequem in einer Halbtagsexistenz als Firmenerbe ein, während er den Rest des Tages überwiegend auf dem Sofa liegend mit der Lektüre naturwissenschaftlicher Magazine verbringt. All dies spielt sich vor dem Hintergrund der bundesdeutschen Geschichte ab, die immer wieder ins Leben der Protagonisten rein drückt. Zudem ist es ein Sittenbild der unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, flankiert von zahlreichen Personen, die zwischen Karikatur, Typen und Charakteren wechseln, wichtigen und weniger wichtigen. Sie tauchen auf, viele verschwinden ebenso schnell wieder und selbst Schlosser fliegt ab nach Mexiko und ward nie wieder gesehen.

Hätte Ralph Dohrmann seinen Roman nach reichlich 500 Seiten beendet, wir hätten es mit einem Bildungsroman reinster Prägung zu tun. Bis dahin bewegt sich Dohrmann in den klassischen Bahnen, ohne dabei im Epigonentum zu verharren. Der Leser hat an dieser Stelle aber weitere 400 Seiten vor sich, und es ist fraglich, ob dies dem Roman zum Vorteil gereicht. Der zweite Teil setzt zeitlich nah am Jetzt ein und entwickelt sich rasch zu einer Detektivgeschichte, die ihren Anfang nimmt, als Willem einen Anruf erhält, bei dem ihm Unterlagen zum Kauf angeboten werden, die belegen sollen, dass sein Vater nicht eines natürlichen Todes gestorben ist. Nicht willens, dem obskuren Anrufer, der sich selbst Burke nennt, Geld zu zahlen, engagiert er das Detektivduo Ramow & Ramow. Die beiden kommen als clevere Wiedergeburt von Herges Schulze und Schultze daher, bestens ausgestattet, einfallsreich im Verkleiden und unermüdlich in der Grundlagenforschung. Im Laufe der Zeit treten immer mehr Erkenntnisse zutage, die weniger erhellen als noch mehr Fragen aufwerfen. Die Spuren führen zurück ins Dritte Reich, sie führen in die Einöde der Uckermark und ins halbseidene Milieu Bremens. Das alles wirkt dann doch ziemlich überzeichnet, bald pflastert auch eine stattliche Anzahl Leichen den Ermittlungsweg. Der Firma geht es auch weiterhin gut, weltpolitische Ereignisse oder Finanzkrise haben keine großen Einflüsse auf die Entwicklung, neue Märkte und Produktionsmöglichkeiten werden erschlossen, die Angestellten, einst Streitpunkt zwischen der Elterngeneration und Barbara, leisten gute Arbeit, der zweite Teil räumt ihnen und ihren Geschichten Platz ein, was leider auch eine der hanebüchensten DDR-Stasi-Familienglück-zerstört-Geschichten einschließt. Im dritten und letzten Teil wird aufgeklärt, wie und warum Kronhardts Vater starb, und es hat seinen großen Auftritt Gustav von Wrangel. Den muss man sich als eine Art Herrenmensch vorstellen, genialer Wissenschaftler, Strippenzieher, erst in Diensten der Nazis, dann in der DDR mit engem Kontakt zur sowjetischen Führung, dabei immer Manipulator für eigene Zwecke, immer irgendwie bei sämtlichen großen Ereignissen der Nachkriegsgeschichte involviert, kurzum: eine Figur, die mit entsprechendem Äußeren einen prima Superschurken in einem Superheldencomic abgeben könnte. Die Biographie von Wrangels, dessen Bezug zur Familie Kronhardt, wird im Wechsel mit einer Hafenrundfahrt erzählt, die in eine andere Realität abdriftet, in Südamerika und schlussendlich wieder in Bremen landet. Dann ist es vorbei und man ist darüber nicht unglücklich, denn was irgendwie surreal sein soll, wird zunehmend nur noch albern. So bleibt denn ein trotz allem aber beachtliches Romandebüt. Auch in den schwächeren Teilen überzeugt Ralph Dohrmann als durchaus souveräner, sprachlich sehr versierter Erzähler. Vor allem in den Landschaftsbeschreibungen zeigt sich eine Kunstfertigkeit, die einen staunen lässt, dass dies tatsächlich ein Debüt ist. Mehr Stringenz im Plot, weniger inhaltlicher Firlefanz und wir können uns gespannt auf den zweiten Roman von Ralph Dohrmann freuen.

Ralph Dohrmann

Kronhardt

928 Seiten € 24,99 [D]

Erschienen bei Ullstein.

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2 Gedanken zu “Keine Lust auf Wirtschaftswunder. Ralph Dohrmanns Debütroman „Kronhardt“

  1. Eine schöne Besprechung, eines tolles Romans, den auch ich gerne gelesen habe. Wenn man es genau nimmt, ist „Kronhardt“ auch nicht das Debüt von Ralph Dohrmann, einige Jahre zuvor hat dieser bereits einen Band mit Kurzgeschichten veröffentlicht.

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  2. Der erste Teil endet mit dem Tod der Mutter. Zweiter und dritter Teil spielen in der Gegenwart, es fließt tagesaktuelles Geschehen wie der Arabische Frühling ein. Folgerichtig wechselt Dohrmann vom Präteritum ins Präsens. In diesen immer absurder werdenden Passagen muss Willem einsehen, dass die „Deckel drauf und Ruhe ist“-Methode irgendwann nicht mehr greift, dass längst beantwortet geglaubte Fragen plötzlich wieder virulent werden.

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