Buchmesse, mal wieder


Einen neuen Besucherrekord gibt es zu vermelden. Prima. Am Sonnabend mussten teilweise die Zugänge zu den Hallen gesperrt werden, so voll war es. Ich weiß schon, warum ich immer nur an drei Tagen, nie aber am Sonnabend auf der Messe bin, obwohl man da wahrscheinlich nicht alle paar Meter über einen gelangweilten Teenager fällt, der mit seiner Klasse zum Besuch verdonnert wurde, dafür aber bestimmt ständig gegen irgendwen anders prallt, der urplötzlich vor einem stehen bleibt. Ist halt Buchmesse, ist wie immer, nur ein bisschen schlimmer war es dies Jahr schon. Verständlich, dass sich Messe und Aussteller (alle?) über mehr Besucher freuen, der Messebesuch wird für den einzelnen aber nicht erfreulicher, für das Sicherheitspersonal offenbar auch nicht, viele Klagen über, vorsichtig ausgedrückt, nur so mittel freundliches Gebaren waren zu lesen, ich hatte ja nie das Vergnügen, die deutsch-deutsche Grenze zu passieren, damals, aber es wurde gemutmaßt, dass der eine oder andere problemlos auch hätte an der Kontrollstelle in Marienborn arbeiten können.

Aber es ist halt Buchmesse, da gehen wir hin, man kann und will ja nicht anders, wenn man nicht hingeht, kann man sich ja auch nicht über unfreundliches Sicherheitspersonal und gesperrte Zugänge beschweren. Und darüber, dass SMS, Nachrichten via Twitter-DM, Whatsapp oder FB-Messenger erst Stunden später ankommen, telefonieren – netzabhängig, O2 sucks ganz besonders – nicht funktioniert. Aber es gibt WLAN, zwar nur in den Zwischengängen und in der Glashalle, aber immerhin für umme (Hallo CeBIT, ja, du hast richtig gelesen, für umsonst, nicht für 9 Euro – pro Stunde!).

Trotz allem also – ich habe schon die Unterkunft fürs nächste Jahr reserviert, denn sind wir ehrlich, ohne ein bisschen Gemecker, überfüllte Hallen, blaue Flecke vom Zusammenprallen, mangelnden technischen Kommunikationsmöglichkeiten und den speziellen „Geruch“ in Halle 2 als Resultat der Mischung von stickig-warmer Halle und hohem Anteil synthetischer Materialien in den Kostümen der Cosplayer ist die Leipziger Buchmesse nicht die Leipziger Buchmesse, und das wäre auch irgendwie doof.

Von mangelndem Selbstbewusstsein der Branche habe ich wenig gespürt, Silke Buttgereit dafür umso mehr. Wobei: „Die letzten bemerkenswerten gesellschaftlichen Umwälzungen der Welt wurden jedoch nicht durch Bücher, noch nicht einmal durch deren viel beschworene Essenz, den Content, ermöglicht und ausgelöst […] Im 21. Jahrhundert haben eindeutig nicht Bücher, sondern technische Geräte die Welt und die Idee, die wir uns von der Welt machen, verändert.“ Hm. Die These, dass Bücher im 21. Jahrhundert nicht mehr die Welt verändern, weil diese Rolle jetzt technische Geräte übernommen haben, impliziert, dass dies mal so war. Und diese These finde ich doch ziemlich steil, denn ich glaube schon, dass die Erfindung der Dampfmaschine, des Autos, des Flugzeugs, des Maschinengewehrs oder der Atombombe die Welt auch nicht unwesentlich – und sicher im stärkeren Maß als Bücher – beeinflusst haben, und das sind? Technische Geräte, würde ich mal behaupten. Dummerweise fällt mit dieser Erkenntnis dann auch die ganze Argumentationskette des Beitrags zusammen. Aber schön, mal drüber geredet zu haben. So grundsätzlich aber ist schon zu beobachten, dass auf der Messe die Behandlung der Themen elektronische Bücher und deren Formatierungs- und Bereitstellungsmöglichkeiten, Selfpublishing und dergleichen mehr viele Diskussionen und Gespräche dominiert und fast hysterisch abgehandelt wird, hingegen das Gespräch (abseits des Leipzig-liest-Programms) über das einzelne, über ein bestimmtes Buch, mehr und mehr zur Ausnahme wird. So ist es denn auch schön, Verleger zu treffen, denen die Hysterie beim Thema e-Bücher genauso auf den Keks geht wie einem selbst.*

Kommen wir also zum Wesentlichen, zu den Büchern.

Auffallend viele zufriedene Gesichter. Bei Salis ging Thomas Meyers „Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse“ ziemlich steil, Stefan Weidle hatte mit Wsewolod Petrows Die Manon Lescaut von Turdej“ und Carl Nixons „Rocking Horse Road“ im letzten halben Jahr gleich zwei Titel, deren fast hymnischen Rezensionen sich auch in den Verkaufszahlen widerspiegelten, Voland & Quist wollten über den Absatz von „Alois Nebel“ und „Das Buch Dietmar“ auch nicht klagen. Großes Thema war das umfangreiche und überaus ambitionierte erste Programm von Metrolit, wo unter anderem Peter Graf (vormals Walde & Graf) für das Graphic-Novel-Programm verantwortlich ist. Das Ganze findet unter dem Dach von Aufbau seine Heimat, wo jetzt ja auch Die andere Bibliothek und Blumenbar ihren Platz gefunden haben. Im Metrolit-Trubel ging dann aber das erste Blumenbar-Programm so ziemlich unter. Ein viel beachteter Metrolit-Titel ist das Spex-Buch. Spex-Redakteur war auch Markus Hablizel, der nach einer kleinen Pause (keinen lohnenswerten Titel gefunden und umständlich suchen wollte er auch nicht) mit zwei Neuerscheinungen am Start war. Neben der in für Hablizel ungewöhnlicher Aufmachung und illustriert erschienenen zweisprachigen Erzählung „Skogtatt“ von Ulrike Serowy ist auch der zweite Roman von Wolfgang Frömberg, ebenfalls lange Jahre für Spex schreibend, erschienen, „Etwas Besseres als die Freiheit“. Mare wartete unter anderem mit einer schönen vierbändigen Strindberg-Ausgabe auf, bei Matthes & Seitz hatte die von Judith Schalansky herausgegebene Reihe Naturkunden Premiere, bei Binooki war man in Feierlaune, weil man den Förderpreis der Kurt Wolff Stiftung gewonnen hatte, zu Recht übrigens.

Bei anderen Verlagen konnte man nicht so genau erkennen, mit welchen Titeln sie nach Leipzig gereist sind, so bei der Frankfurter Verlagsanstalt. Ein 1×1 Meter großes Kabuff, Bücher an den Wänden drapiert und immer vier Leute, die direkt vor den Wänden saßen, mehr oder wenig grimmig schauten und so erfolgreich verhinderten, dass ihre schönen Bücher durch Anfassen schmutzig wurden.

Demnächst landen auf meinem Schreibtisch diverse Jean-Paul-Biographien, Jochen Schmidts „Schneckenmühle“, die Neuübersetzung von Upton Sinclairs „Öl“ und noch einige andere Bücher mehr und warten auf die Rezension.

Und sonst so?

Als hätten Holger Reichard und Karsten Weyershausen nicht schon genug Stress, haben wir sie Donnerstagabend erst mal in die falsche Richtung geschickt, als sie auf dem Weg zum Hotel Seeblick waren (immer noch keine Zimmer und kein See weit und breit, dafür immer noch die besten Burger der Stadt, Tegernseer Hell aus der Flasche – Frank Krings, der am Sonnabend, als wir zum zweiten Mal dort waren, als Überraschungsgast von Stefanie Bamberg auftauchte, trank aber Ur-Krostitzer, später gesellten sich auch noch Leander Wattig und Johannes Haupt zur Runde – und Punkt zehn werden die Aschenbecher auf die Tische gestellt), es war aber dann doch noch ein toller Abend.

Toll auch die Visitenkarten von Wibke Ladwig, die ihre richtigen Visitenkarten vergessen und dann auf der Fahrt nach Leipzig kurzerhand welche selbst gezeichnet hatte. Karla Pauls Frisur sah nicht so schlimm aus, wie sie selber glaubt, Elisabeth Dietz (ed) vom Bücher Magazin ist nach eigenen Angaben vollkommen ungeeignet für den Schwertkampf, ansonsten aber guter Laune. Gute Laune bzw. so was wie Nettsein wurde auch mir gelegentlich bescheinigt, wenn auch immer mit einem sehr überrascht klingenden Unterton. Keine Ahnung warum. Und zum Schluss nochmal Markus Hablizel: Der macht nicht nur gute Bücher, mit ihm (und seiner diesmal anwesenden Frau) kann man sich nicht nur wunderbar unterhalten, er hatte auch einen Kühlschrank am Stand. Und in dem befand sich bestes Duvel aus Belgien! Danke dafür!

* Es wird mittelfristig natürlich mehr Menschen geben, die wie Kathrin Passig ausschließlich elektronisch lesen, es werden sich Marktanteile verschieben, aber ich bin absolut davon überzeugt, dass e-Bücher auch in 15 Jahren das Taschenbuch nicht verdrängt haben werden, vom Hardcover mal ganz zu schweigen.

Advertisements

3 Gedanken zu “Buchmesse, mal wieder

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s