Frühling


Ich will endlich wieder bei 20 Grad im Straßencafe sitzen und mir neben einer Mutter mit Kind eine Zigarette anzünden. Und auf ihren empörten Blick will ich wieder freundlich lächelnd auf den schönen Nichtrauchbereich hinweisen. Innen. Und auf ihre Bemerkung, dass das ja total rücksichtslos dem Kind gegenüber sei, will ich wieder antworten, dass dies nicht stimme, denn sonst hätte mir das Kind das ja gesagt, es sein denn, es wäre ein besonders dummes Kind, dass sich nicht selber äußern kann, aber ich glaube, dumm ist nicht das Kind und überhaupt hätte sich noch nie ein Kind über eine angezündete Zigarette beschwert. Dann wird sie wütend und geht, ich bin fröhlich und zünde mir die nächste Zigarette an. Ach Frühling, beeil dich!

Keine Lust auf Wirtschaftswunder. Ralph Dohrmanns Debütroman „Kronhardt“


kronhardtAuf rund 920 Seiten mal eben die gesamte bundesrepublikanische Geschichte abhandeln, dazu noch die große Weltgeschichte und ein paar Ausflüge zurück ins Kaiserreich und zu den Nazis. Man kann nicht behaupten, dass es Ralph Dohrmann mit seinem ersten Roman klein angehen lassen hat. Das Ergebnis ist allerdings nur in Teilen gelungen.

Als einziger Erbe eines Bremer Stickereiunternehmens wird Willem Kronhardt in den frühen fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts geboren. Sein Vater starb früh während einer gemeinsamen Bootsfahrt, Willem hat dies nie verwinden können. Seine geschäftstüchtige, kontrollbesessene Mutter heiratet den Bruder des Vaters, gemeinsam richten sie Willems Erziehung auf die spätere Übernahme der Firma aus. Bereits in der Grundschule wird Willem dazu verdonnert, mit Kindern zu spielen, deren Eltern nützlich fürs Geschäft sind, seine Kreise soll der Junge in der Bremer Upperclass ziehen. Da passt es nicht ins Erziehungskonzept von Mutter und Stiefvater, beide noch in der Gedankenwelt und im Vokabular der Zeit, in der die Stickerei eifrig Hakenkreuze stickte, dass Willem so gar keine Ambitionen zu einer Karriere im Wirtschaftswunderland hat, lieber mit seinem nicht standesgemäßen Freund Schlosser die Umgebung, später auch die Frauen erkundet. Willem entwickelt im Laufe der Zeit eigene Mechanismen, um sich Freiräume zu schaffen, indem er sich scheinbar mit den Erwartungen arrangiert, diese aber immer wieder unterläuft. Eigentlich Naturwissenschaften studieren wollend, nimmt er ein Betriebswirtschaftsstudium auf, sein eigentliches Engagement gilt aber der einen oder anderen Affäre. Mit Schlosser verbringt er einige Zeit in Berlin – wir befinden uns mittlerweile am Ende der 60er Jahre –, er lernt das Leben in einer Kommune kennen. Allerdings sind ihm extreme Ansichten suspekt und zu anstrengend, Willem strebt eine Existenz als Oblomow des 20. Jahrhunderts an, ohne dessen tragische Züge freilich. Da passt es auch ganz gut, dass sich Willems Zeugungsunfähigkeit herausstellt, was ihn von der Pflicht der Nachkommenschaft befreit. In Barbara findet er seine kongeniale Frau fürs Leben, sie bringt den Ehrgeiz mit, die Geschäfte des Familienunternehmens den sich wandelnden Anforderungen anzupassen und sie prosperieren zu lassen. „Kronhardt“ lässt sich auch als Kapitalismusgeschichte der BRD lesen. Willem Oblomow hingegen richtet sich bequem in einer Halbtagsexistenz als Firmenerbe ein, während er den Rest des Tages überwiegend auf dem Sofa liegend mit der Lektüre naturwissenschaftlicher Magazine verbringt. All dies spielt sich vor dem Hintergrund der bundesdeutschen Geschichte ab, die immer wieder ins Leben der Protagonisten rein drückt. Zudem ist es ein Sittenbild der unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, flankiert von zahlreichen Personen, die zwischen Karikatur, Typen und Charakteren wechseln, wichtigen und weniger wichtigen. Sie tauchen auf, viele verschwinden ebenso schnell wieder und selbst Schlosser fliegt ab nach Mexiko und ward nie wieder gesehen.

Hätte Ralph Dohrmann seinen Roman nach reichlich 500 Seiten beendet, „Keine Lust auf Wirtschaftswunder. Ralph Dohrmanns Debütroman „Kronhardt““ weiterlesen

Buchmesse, mal wieder


Einen neuen Besucherrekord gibt es zu vermelden. Prima. Am Sonnabend mussten teilweise die Zugänge zu den Hallen gesperrt werden, so voll war es. Ich weiß schon, warum ich immer nur an drei Tagen, nie aber am Sonnabend auf der Messe bin, obwohl man da wahrscheinlich nicht alle paar Meter über einen gelangweilten Teenager fällt, der mit seiner Klasse zum Besuch verdonnert wurde, dafür aber bestimmt ständig gegen irgendwen anders prallt, der urplötzlich vor einem stehen bleibt. Ist halt Buchmesse, ist wie immer, nur ein bisschen schlimmer war es dies Jahr schon. Verständlich, dass sich Messe und Aussteller (alle?) über mehr Besucher freuen, der Messebesuch wird für den einzelnen aber nicht erfreulicher, für das Sicherheitspersonal offenbar auch nicht, viele Klagen über, vorsichtig ausgedrückt, nur so mittel freundliches Gebaren waren zu lesen, ich hatte ja nie das Vergnügen, die deutsch-deutsche Grenze zu passieren, damals, aber es wurde gemutmaßt, dass der eine oder andere problemlos „Buchmesse, mal wieder“ weiterlesen