Warum ich Homosexualität nicht toleriere


Kein Artikel, kaum eine Äußerung zum Thema Diskriminierung Homosexueller, die auf den Begriff Toleranz im Zusammenhang mit dem Umgang mit Schwulen und Lesben verzichten. Warum aber eigentlich die Aufforderung zur Toleranz? Toleranz bedeutet nichts anderes als das Dulden von Handlungen oder Ansichten, die dem eigenem Lebensbild nicht entsprechen, der Begriff hat seinen Ursprung im lateinischen tolerare, erdulden. Ich bezeichne mich als einen – nicht um jeden Preis – toleranten Menschen. Ich toleriere, dass es religiöse Menschen gibt, ich toleriere, dass es Menschen gibt, die die FDP wählen, ich toleriere, dass es Menschen gibt, die sich über Siege des FC Bayern freuen. All dies widerspricht – mehr oder weniger – meinen eigenen Ansichten, all dies sind Ansichten, denen zu irgendeinem Zeitpunkt eine Entscheidung für oder wider zugrunde lag. Homosexualität ist aber kein Entscheidungsprozess, man ist es oder man ist es nicht. Ist man es, dann lässt sich dies mit einem ganz einfachen Wort einordnen, nämlich mit dem Wort normal. Und es ist mir völlig egal, ob Horst sich zu Rainer hingezogen fühlt oder eher zu Carola, es ist mir vollkommen egal, ob Petra mit Beate glücklich ist oder mit Wolfgang oder mal mit Wolfgang und mal mit Beate. Es ist mir egal, es geht mich auch nichts an, es geht niemanden außer Horst, Rainer, Carola, Petra, Beate und Wolfgang etwas an. Es ist und bleibt, egal in welcher Konstellation, normal, es gibt keinen Unterschied darin, wie sich homosexuelle Paare im Vergleich zu heterosexuellen Paaren finden, in beiden Fällen geht es schlicht und ergreifend um Liebe und/oder körperliche Anziehung, es ist und bleibt normal. Und ein Umstand wird nicht weniger normal, weil er nur eine Minderheit betrifft. Es gibt deutlich mehr Homosexuelle als Menschen mit roten Haaren (in Deutschland geht man von einem Prozentsatz Homosexueller aus, der irgendwo zwischen fünf und zehn liegt, Rothaarige machen ungefähr zwei Prozent aus), allerdings kommt man seit Längerem eher nicht mehr auf die Idee, Rothaarige seien nicht normal. Und etwas Normales kann man nicht tolerieren, die Aussage, dass ich Schwule und Lesben toleriere, hat für mich diesselbe Aussagekraft wie „Ich toleriere, dass es Menschen gibt, die lieber Leberwurst als Salami essen.“ Es gibt bei der Tatsache, dass es Menschen gibt, die sich ihren Partner nicht im anderen Geschlecht suchen, nichts zu dulden – dieses Wort hat auch grundsätzlich etwas Herablassendes. Wenn ich sie mag, dann trinke ich mit ihnen Bier, wenn ich sie nicht mag, dann nicht. So wie ich es mit jedem anderen Menschen auch halte.

Die einzige Entscheidung übrigens, die ein Mensch, der homosexuell ist, immer noch treffen muss, ist die Entscheidung darüber, ob er dies öffentlich macht oder im Verborgenen auslebt. Und dass dies in unserer Gesellschaft so ist, ist ein Umstand, den ich auch nicht tolerieren kann. Und dies im vollen Bewusstsein der Bedeutung des Begriffs Toleranz.

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Gruppe 47 – Literatur als Event


Die Tagebücher von Hans Werner Richter und Helmut Böttigers Geschichte der Gruppe 47 liefern eine profunde Analyse der zunehmenden Verzahnung von Literatur und Medienbetrieb und belegen Hans Werner Richters immensen Einfluss auf die deutsche Nachkriegsliteratur.

Mit 16 Teilnehmern begann ein bedeutendes Kapitel der westdeutschen Nachkriegsliteraturgeschichte. Zwischen dem 6. und 7. September 1947 versammelten sich am Bannwaldsee bei Füssen junge, unbekannte Autoren auf Einladung von Hans Werner Richter, um zu lesen und zu diskutieren. Die meisten Teilnehmer des ersten Treffens dürften heutzutage nur noch einigen Wenigen geläufig sein, allenfalls Wolfdietrich Schnurre ist noch einem breiteren Publikum ein Begriff. Auch wenn dieses erste Treffen noch nicht absehen ließ, dass die Gruppe 47 – der Name entstand nach diesem ersten Treffen – zu der Institution werden würde, die sie im Laufe der 20 Jahre ihres Bestehens wurde, kristallisierten sich bereits hier die ungeschriebenen Spielregeln heraus, die bis zum Ende Bestand haben sollten. Der Vortragende darf die geäußerte Kritik nicht erwidern, die Kritik hat ausschließlich den vorgetragenen Text zum Gegenstand.

Helmut Böttiger beleuchtet nun mit seiner umfassenden Gesamtdarstellung die Ursprünge der Gruppe 47, liefert eine profunde Analyse der zunehmenden Verzahnung von Literatur und Medienbetrieb und zeichnet die Nachwirkungen auf.

Ein Ursprung der Gruppe lässt sich in den USA finden. Im Kriegsgefangenenlager Fort Kearney unweit New Yorks erschien im Zeichen der Reeducation erstmals die Zeitschrift Der Ruf, die sich dem „sozialistischen Humanismus“ widmete. An ihr arbeiteten unter anderem Hans Werner Richter, der ebenfalls an der ersten Tagung teilnehmende Walter Kolbenhoff sowie Alfred Andersch. Andersch war es, der als Herausgeber der 1946 neu gegründeten Zeitschrift, die ebenfalls unter dem Namen Der Ruf in München erschien, Richter als Redakteur engagierte. Bald fungierte auch Richter als Herausgeber, bevor nach acht Monaten die Zeitschrift auf Betreiben der amerikanischen Zensurbehörde verboten wurde.

Aus dem nicht verwirklichten Plan Richters, eine Nachfolgezeitschrift ins Leben zu rufen, entstand dann die Idee der Gruppe 47. Anfangs zweimal im Jahr, später dann jährlich versammelten sich Autoren und zunehmend auch Kritiker und Verleger, um Positionen der deutschen Gegenwartsliteratur auszuleuchten. Ging es in der Anfangszeit vor allem um die Bestimmung des eigenen Standortes, mit der sich die Autorengeneration der Kriegsheimkehrer auseinandersetzte, um die Abgrenzung zur literarischen Sprache und den Themen der Nazijahre, entwickelten sich die Tagungen nach und nach zu dem, was heutzutage den Begriff Literaturbetrieb kennzeichnet.

Böttiger_Gruppe 47

Aufschlussreich das Kapitel, das Böttiger den Kritikern widmet. Vor allem Marcel Reich-Ranicki, Walter Jens und Hans Mayer, aber auch Walter Höllerer und Joachim Kaiser wurden zunehmend zu den dominierenden Protagonisten der Tagungen und traten seit den späten 50er Jahren als „geschlossener Block“ auf, der selbstbewusst in der ersten Reihe Platz nahm. Böttiger zitiert und ergänzt ausführlich Martin Walsers Brief an einen ganz jungen Autor, in dem Walser (dem Böttiger in leicht süffisantem Ton bescheinigt, das Tragische an seiner Laufbahn sei, dass dieser Text zu seinen besten gehöre) das sich bietende Schauspiel unnachahmlich beschreibt. Sebastian Haffners Dokumentation über die Gruppe 47 (in Auszügen hier zu sehen) verdeutlicht die zunehmende Selbstinszenierung der Kritiker. Dies stieß auf Widerwillen der Autoren, vor allem Reich-Ranicki wurde zur Projektionsfläche der Abneigung, es gab Bestrebungen seitens von Autoren wie Wolfgang Hildesheimer, ihn nicht mehr zu den Tagungen einzuladen; Richter widerstand dem allerdings.

Zugleich aber befand sich die Literaturkritik der Zeit in einem Stadium des Richtungskampfes, Reich-Ranicki oder Joachim Kaiser lösten die bis dahin tonangebende konservative, zum Teil durch in die NS-Diktatur verstrickte Autoren verfasste Literaturkritik ab. Deren Akteure wie Friedrich Sieburg oder Hans Egon Holthusen erhoben nach 1945 die klassische Moderne zum Maßstab (vgl. dazu auch Oliver Pfohlmann; Literaturkritik der Bundesrepublik, in Anz/Basler; Literaturkritik, München 2007) und sprachen Literatur jeglichen Bezug zu aktuellem Geschehen ab. Zugleich kritisierten sie die Gruppe 47, zu der sie nie eingeladen wurden, in teils deutlichen Worten, konnten aber den Generationswechsel nicht mehr verhindern.

Mehr Spektakel

Es mag kein Zufall sein, dass das Pointen heischende Wechselspiel der Kritiker mit dem Zeitpunkt an Fahrt gewann, als die Tagungen mehr und stärker in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurden. Nachdem Günter Grass 1958 mit Auszügen aus der Blechtrommel für einen Paukenschlag sorgte, drängelten sich Verleger in den Sälen, die Autoren wurden zur Minderheit. Aber auch unter den Schriftstellern machte sich zunehmend die Gewissheit breit, dass die Teilnahme entscheidenden Einfluss auf die literarische Karriere haben konnte. Richter konnte dem Spektakel eigentlich wenig abgewinnen und fand doch keinen Weg zurück zum intimen Rahmen der Anfangsjahre. Öffentlichkeitswirksam fanden Treffen in Schweden und in den USA statt. Vor allem das Treffen in Princeton 1966 – mit Peter Handke als Fixpunkt – markiert den Punkt, an dem der Zenit überschritten wurde. Der Literaturbetrieb hatte sich als Teil der Medienkultur etabliert.

Zudem verhalf die Gruppe 47 zahlreichen Autoren zum literarischen Durchbruch, auch beim insgesamt zehn Mal verliehenen Preis der Gruppe 47 bewies sie Gespür. Unter den zehn Preisträgern, die, mit Ausnahme des Niederländers Adriaan Morriën, über die Zeiten gelesen werden, befinden sich fünf Büchner- und zwei Nobelpreisträger. Böttigers Verdienst ist es, die umfassende Geschichte und ihre Auswirkungen bis ins 21. Jahrhundert in einer anschaulichen, angenehm zu lesenden Form darzubieten. An der einen oder anderen Stelle hätte er etwas mehr auf die Konzentrationsfähigkeit des Lesers vertrauen können und sich manch Wiederholung sparen können. Mitunter schleicht sich der Verdacht ein, dass ein wenig leichtfertig ein schwarz-weißes Bild der literaturhistorischen Kontrahenten gezeichnet wurde, auch persönliche Sympathien und Antipathien sind oftmals nicht verborgen. Nichtsdestotrotz zählt Böttigers Die Gruppe 47. Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb zu den bemerkenswertesten Sachbüchern der Herbstprogramme.

Hadern mit zunehmender Radikalisierung

Hans Werner Richter_Tagebücher

In den letzten Jahren ihres Bestehens sah sich die Gruppe Angriffen ausgesetzt, die aus einer für sie ungewohnten Richtung kamen – von links. Zunächst aus der DDR, im Jahr 1966 auch offensiv durch Hans Erich Nossack und Robert Neumann in der Zeitschrift „konkret“, die der Gruppe vorwarfen, eine monopolistische Cliquenwirtschaft zu betreiben. Diese Anschuldigungen trafen Hans Werner Richter und mögen, so spekuliert Hans Dieter Zimmermann im Vorwort der Tagebücher, Anlass gewesen sein, ein Tagebuch zu beginnen. Richter hatte nie vor, Tagebuch zu schreiben, hatte 1965 gar einen Essay unter dem Titel Warum ich kein Tagebuch schreibe veröffentlicht. 1966 beginnt er aber doch mit den Aufzeichnungen, sie enden 1972. Dass sie erst jetzt an die Öffentlichkeit gelangten, ist dem Umstand geschuldet, dass Arnulf Baring, dem Richter sie zur Aufbewahrung gab, schlichtweg deren Existenz vergessen hatte und sie erst spät und durch Zufall wiederfand. Dominik Geppert und Nina Schnutz haben sie herausgegeben und mit einem äußerst umfangreichen Anhang versehen.

Hans Werner Richter entpuppt sich denn auch als nicht sonderlich fleißiger Tagebuchschreiber, oftmals finden sich große Lücken zwischen den einzelnen Einträgen. Privates findet sich nicht, Richters Pole waren die Politik und die Literatur. Als Richter mit den Aufzeichnungen begann, war das Ende der von ihm initiierten Gruppe 47 absehbar und Richter ringt um sein Lebenswerk. Zur letzten ‚offiziellen‘ Tagung kam es 1967 in der Pulvermühle in der Fränkischen Schweiz, Richter schwankt noch Jahre ob einer Weiterführung hin und her. Letztlich war es aber auch das politische Auseinanderdriften der Akteure, die eine Weiterführung nicht mehr möglich machten. Richter, ehemals Kommunist, dann Anhänger der Sozialdemokratie, erscheint als gemäßigter Linker, der der zunehmenden politischen Radikalisierung vieler Linker konträr entgegensteht. In der Einschätzung der politischen Gegebenheiten zeigt sich Richter als relativ unabhängiger Geist, der sich nicht scheut, Positionen zu beziehen, die der salonfähigen Meinung widersprachen.

Besonders an der Person Enzensberger arbeitet er sich in den Aufzeichnungen ab, dessen Positionen, die er vor allem im Kursbuch Nr. 15 unter dem Titel Gemeinplätze, die neueste Literatur betreffend formulierte und die gemeinhin als die Verkündung des Tods der Literatur verstanden wurden – eine Interpretation, die bei heutiger Lektüre nicht zwangsläufig standhält – ihn in Richters Augen zu einer Art Wortführer seiner Kritiker machen. In seinem Urteil ist Enzensberger literarischer Playboy. Auch andere bekommen ihr Fett weg, amüsant die doch sehr expliziten Charakterisierungen von Walser, Grass und weiteren. Und so bieten die Tagebücher auch Einblicke in und Kommentare zum Literaturbetrieb, der geprägt ist von Eitelkeiten und Missgunst. Überraschend ist dies hingegen nicht, vor allem der Leser der Erinnerungen und der Tagebücher von Fritz J. Raddatz wird sich an dieser Stelle an die Lektüre zurückerinnern. Fast vergessen ist, dass sich auch Hans Werner Richter als Literat bemühte, nicht ganz erfolglos, die Auflagen betreffend, literarische Beachtung durch ’seine‘ Autoren hingegen findet er nicht. So klingt denn auch immer wieder die Kränkung durch, die diese fehlende Akzeptanz hervorrief.

Die Tagebücher Hans Werner Richters verdeutlichen seine Position im kulturellen Leben der Zeit, die Position eines Mannes, dessen Beitrag zur Nachkriegsliteraturgeschichte im Moderieren und im – Neudeutsch – Netzwerken bestand und ohne den die deutsche Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – (be-)wertungsfrei – eine andere gewesen wäre.

Hans Werner Richter_Tagebücher

Hans Werner Richter: Mittendrin. Die Tagebücher 1966-1972; C. H. Beck, München 2012; 383 S., 24,95 Euro. Laden Sie hier eine Leseprobe herunter.

Böttiger_Gruppe 47

Helmut Böttiger: Die Gruppe 47. Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb; DVA, München 2012; 480 S., 24,99 Euro. Eine Leseprobe finden Sie hier.

Außerdem zitiert aus:

Anz, Thomas / Baasner, Rainer: Literaturkritik. Geschichte, Theorie Praxis, C.H.Beck, München 2007, 272 Seiten, 12,95 Euro. Leseprobe

 

 

Die Rezension wurde zuerst auf Diesseits.de – Das humanistische Online-Magazin veröffentlicht.