Indie-Verlage: Corso


Reisebücher jenseits des klassischen Reiseführers, anspruchsvoll, optisch und haptisch ein Genuss – mit diesem Anspruch gründete Rainer Groothuis vor wenigen Jahren in Hamburg den Corso Verlag. 2010 wurde auf der Frankfurter Buchmesse das erste Programm präsentiert. Die Reaktionen waren voll des Lobes. Zu den Autoren und Herausgebern zählen unter anderem Martin Mosebach, Ilma Rakusa, Matthias Politycki, Elke Heidenreich und Andreas Altmann. Auch Walter Benjamin und Aby Warburg sind im Programm vertreten. Die Reihe CORSOfolio widmet sich mit jedem Band einer Stadt. Ein „Gastgeber“ verbindet Texte, Reportagen und Fotografien zu einem städtischen Panorama. Andere Bände beschäftigen sich mit Themen wie Trampen oder dem Reisen mit Büchern.

Trotz medialer Beachtung geriet der Verlag in diesem Jahr in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Im April wurde das vorläufige Insolvenzverfahren angeordnet – allerdings ist dies nicht gleichbedeutend mit dem Aus. Sämtliche Bücher sind erhältlich, die nächste Zeit entscheidet darüber, ob es für den Verlag ein tragfähiges Sanierungskonzept geben wird. Zu wünschen wäre es.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Adriaan van Dis „Unter den Dächern aus Zink. Paris, ein ABéCédaire

 

 

 

Adriaan van Dis‘ ABéCédaire ist ideale Einstimmung, perfekter Begleiter und stimmungsvolle Nachlese Van Dis bewegt sich im Dazwischen durch Paris. Er ist kein Fremder mehr, aber auch kein Einheimischer. Seine Streifzüge und Beobachtungen werden durch Schwarz-Weiß-Fotografien ergänzt. Er berichtet von Begegnungen mit einem Clochard, begibt sich in die Banlieue, beschreibt eine Toilette an der Madelaine – „Der Parkettboden ist ein Juwel der Intarsienkunst, die Bleiglasfenster sind Art nouveau, das Kupfer des Schuhputzthrons verspricht höchsten Glanz, und all das wird bewacht von einer feudelschwingenden Matrone. Zu schön zum Pinkeln, eigentlich eher ein Ort, um sich die Nase zu putzen“. Das Alphabet beginnt bei A & Z, Aussicht auf Zinkdächer, der Kreis schließt sich bei Z & A, Zink und anderes. Es sind die kleinen Momente, das Abseitige, die dieses Buch so lesenswert machen. Jenseits der ausgetretenen touristischen Pfade und manchmal mitten drauf erlebt der Leser ein Paris, das romantisch, traurig, nachdenklich, hart und wundervoll zugleich ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Pier Paolo Pasolini „Rom, andere Stadt“

Annette Kopetzki und Theresia Prammer haben für diesen Band Tagebuchaufzeichnungen, Gedichte und Geschichten ausgewählt, die Pasolini in vor allem in den fünfziger und sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts verfasst hat. Pasolini beschreibt „Das Rom der Gauner“, unternimmt Streifzüge in die Umgebung, beobachtet den Alltag.

Es sind Bruchstücke, Beobachtungen, die zusammen ein Bild der Stadt ergeben, die Pasolini Heimat war, die es ihm nicht leicht machte und in der er, der Skandalregisseur, Gesellschaftskritiker, Linke und Homosexuelle, 1975 ermordet wurde. Und so kann das im Band enthaltene Interview mit Pasolini, das er „Il Messaggero“ 1973 gab, als Vorahnung gedeutet werden. Wenn Rom sich verändert hat, extrem zum Schlechten verändert hat, ist das nicht die Schuld der Stadt. Diese Veränderung entstand nicht in dieser Stadt, sie ist Teil eines Verfallsprozesses, der die gesamte italienische Gesellschaft betrifft. […] Ja, eine totale Ablehnung, sodass ich mir sogar ein Plätzchen auf dem Lande gekauft habe, wo ich wahrscheinlich in Zukunft leben werde.“ Zwei Jahre später wird die Pasolinis Leiche am Strand von Ostia gefunden.

Trotzdem sind die Texte Zeugnis einer Liebe zur Ewigen Stadt. Begleitet werden sie von Fotografien von Herbert List.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Reise meines Lebens

Annette Pehnt reist 1986 nach Belfast – „Ich finde Krieg nicht geil, ich will ihn abschaffen. Aber dazu muss ich ihn sehen“ -, Wilhelm Genazinos Tochter verschwindet am Strand in Südfrankreich, Sibylle Lewitscharoff beschreibt einen Trip auf einem Frachtschiff den Amazonas entlang. „Die Reise meines Lebens“ führt nach Paris, auf die Philippinen, nach Tibet und Kairo und Stuttgart. Schriftsteller und Zeit-Autoren erinnern sich an Reisen, die sie prägten. Allein Thomas Kapielski erinnert sich nur ungern an seine Reisen, „Meine wenigen, belanglosen Erlebnisse auf solchen Gramreisen reichen hin, die Menschheit und mich dauerhaft zu beschämen.“ Vor einem Trip nach Sarajevo, Geburtsstadt seiner Frau, legt er sich eine schusssichere Weste („Schutzklasse 4 zu 480 Euro). Auf die Reaktion der Frau – „Spinnst du?! Da schießt schon seit Jahren, seit über 10 Jahren keiner mehr! Und wo ist eine Weste für mich und das Kind?“ schweigt er betreten. Am Ende des Bandes hat sich der Leser vielleicht in der einen oder anderen Situation wiedererkannt, gewiss aber die Lust verspürt, die nächste Reise zu planen. Und sei es die Reise nach Hause.

 

Unter den Dächern aus Zink. Paris, ein ABéCédaire

Adriaan van Dis

Hardcover mit Schutzumschlag, Fadenheftung

96 Seiten mit vielen Fotografien.

Format 17 x 24 cm, Druck in Duotone.

ISBN 978-3-86260-027-4

EUR 19,90 | EUR(A) 20,60 | sFr. 30,50

 

Rom, andere Stadt

Pier Paolo Pasolini

Hardcover mit Schutzumschlag, Fadenheftung

112 Seiten mit vielen Fotografien

Format 17 x 24 cm, Druck in Duotone

ISBN 978-3-86260-001-4

EUR 24,90 | EUR(A) 25,70 | sFr. 37,90

 

Die Reise meines Lebens

Hrsg. Von Stefanie Flamm und Dorothee Stöbener

Hardcover mit Schutzumschlag, Fadenheftung,

128 Seiten mit zahlreichen Fotos.

Format 17 x 24 cm, vierfarbiger Druck.

ISBN 978-3-86260-009-0

EUR 19,90 | EUR(A) 20,60 | sFr. 30,50

 

Alle Bücher auf

http://www.corso-willkommen.de zu bestellen.

Advertisements