Klein, aber vom Feinsten. Indie-Verlage im deutschsprachigen Raum: asphalt & anders


asphalt & anders wurde 2009 in Hamburg gegründet. Stefan Mayr und Nico Schröder, die beiden jungen, nebenberuflichen Verleger, wollen speziell der Literatur einen Platz geben, die die Stadt als Lebensraum in allen Facetten beleuchtet. Die Stadt als Motiv durchzieht die Veröffentlichungen (mit einer Ausnahme) in unterschiedlicher Form. Die Stadt als alles verschlingendes Monster oder Fluchtpunkt – so unterschiedlich die Deutungen, so unterschiedlich auch die Textarten des Verlagsprogramms. Mehr dazu auf der Verlagswebseite.

Stefan Petermann „Der Schlaf und das Flüstern“

Pola kann die Zeit anhalten. Genauer: Sie kann die Zeit verlangsamen und Geschehnisse verändern. Janek weiß von Polas Fähigkeit. „Der Schlaf und das Flüstern“ erzählt die Geschichte der beiden, deren Schicksal sich miteinander verknüpft, abwechselnd aus der Perspektive von Pola und Janek. Beide sind Waisenkinder, Pola lebt bei ihrer Großmutter, ihre Eltern kamen bei einem Unfall ums Leben, Janek wohnt bei Adoptiveltern, im Ort Lange Sömme kreuzen sich ihre Wege. Als Charaktere könnten sie am Beginn der Geschichte kaum unterschiedlicher sein, sie die Introvertierte, er der Laute, Gewalttätige. Pola erscheint als perfektes Opfer für Janek, doch mit ihrer Gabe weiß sie sich zur Wehr zu setzen. Aus dem sadistische Züge tragenden Jungen wird durch Polas Manipulation ein schüchterner Außenseiter. Bis er Polas Achillesferse entdeckt; denn nach jedem Zeitanhalten versinkt sie in eine Erschöpfungsphase, während der sie anfällig für Einflüsterungen ist. Unausweichlich treiben beide auf ein furioses Finale zu. Sehr ruhig beginnt der Roman, verträumt fast, doch bereits nach wenigen Seiten ahnt der Leser, dass er es hier mit einem Roman zu tun hat, der realistische Konventionen sprengt, der sich geschickt zwischen unterschiedlichen Genren bewegt, Tempowechsel vorlegt und der seine Vorbilder im magischen Realismus hat. Scheinbar aus der Zeit gefallen ist der Ort Lange Sömme mit seinen Bewohnern. Und über allem weht ein Duft von Kamille. „Der Schlaf und das Flüstern“ gehört zu den eigenwilligsten Debütromanen der letzten Jahre. Der 1978 geborene Stefan Petermann spielt mit den Erwartungen des Lesers und schafft es, diesen immer wieder zu überraschen und mit seinem Mix aus poetischer Sprache und schräger Story zu begeistern. Neben seinem Romandebüt erschien auch der Erzählband „Ausschau halten nach Tigern“ bei asphalt & anders.

Stefan Petermann

Der Schlaf und das Flüstern

Roman Gebunden, 272 Seiten

18,90 € [D] ISBN: 978-3-941639-02-7

Marco Dzebro „Dorian“

Dorian berichtet in Postkarten über den Zeitraum von einem Jahr aus New York. Jede Karte beginnt mit den Worten „Meine Stadt ist …“, gefolgt von Vergleichen, die tief aus der Kiste geholt sind, auf deren Schild Lebensfreude durchgestrichen ist. Da kommt schnell der Verdacht auf, dass es sich der Autor da recht einfach gemacht hat. Und tatsächlich wird der Leser diesen Verdacht zu Beginn der Lektüre nicht los.

„Meine Stadt ist ein Gedicht namens Hass“, lautet der erste Satz. In dieser Tonalität geht es weiter. Wenn es Untertitel und Klappentext nicht bereits verraten würden, man käme ziemlich schnell darauf, dass die Postkarten vom Scheitern und von Verlorensein berichten.

„Meine Stadt ist deine Adoptivtochter, die beim Duschen jedes Mal vergisst, die Tür zu schließen, bevor sie sich wie eine billige Schlampe schminkt, um mit ihren Freundinnen in der Disco an abgestandenem Bier und abgestandenen Typen zu lutschen.“

Kein Lichtblick, nur Verkommenheit, ausgebreitet auf rund 170 Seiten, in kurzen Absätzen, „Meine Stadt ist …“ Das nervt, so meint der Leser und will das Buch weglegen. Eine Seite noch. Und etliche Seiten später stellt er fest, dass er das Buch immer noch in der Hand hält. Denn von Seite zu Seite verfällt er dem Sprachrhythmus, der stärker und stärker zum Tragen kommt, der eine Sogwirkung entfaltet. Und das ist konsequent, ist es doch der Sog der anonymen Stadt, der Dorian verschlingt, am Ende ist er verschwunden. New York wird zur austauschbaren Oberfläche, die Karten könnten ebenso aus London, Paris, Berlin oder Tokio stammen. Die Großstadt als Gebilde, in der der Einzelne verschwindet, untergeht. Dorian ist ein sehr eigenwilliger Roman, vielleicht ist es auch gar kein Roman. Es ist eine Sammlung von Miniaturen, die böse und traurig sind, voller gewaltvoller, makabrer Sprachbilder.

„Meine Stadt ist die von allen begeistert aufgenommen Fleischbrockensuppe des Cateringauftrags, zu dessen Gelingen das Hochzeitspaar, welches seit mehreren Stunden nicht mehr gesehen wurde, einen großen Teil beigetragen hat.“

Und aus dem anfänglichen Verdacht ist ein düsteres Vergnügen geworden, auf das einzulassen sich unbedingt lohnt.

Marco Dzebro

Dorian Ein Scheitern in Postkarten

Taschenbuch, 176 Seiten 12,90 € [D], 13,30 € [A], 23,90 CHF (Schweiz: unverb. Preisempfehlung)

ISBN: 978-3-941639-04-1

Eine kurze Empfehlung: Selim Özdogan „Ein Glas Blut

Der Prosaband des 1971 in Köln geborenen Selim Özdogan versammelt Kurz- und Kürzesttexte, in denen sich der Autor als einer präsentiert, der zum Erzählen einer Geschichte nicht viele Worte benötigt. Die Geschichten drehen sich um die ewigen Themen der Suche nach dem Platz im Leben und der Liebe. Özdogan bedient sich dabei verschiedener Sprachmittel, von lyrischen Ansätzen („Erinnern“) bis zu Sprachspielereien voller Komik („Foethes Gaust“). „Ein Glas Blut“ ist ein Buch, das an beliebiger Stelle aufgeschlagen werden kann, in dem man sich festlesen oder häppchenweise vergnügen kann.

Alle Bücher sind im Onlineshop von asphalt & anders erhätlich.

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Joe Brainards Erinnerungen sind auch unsere eigenen. Joe Brainard „Ich erinnere mich“


Mit Ich erinnere mich erscheint das vielleicht liebenswerteste Buch des Herbstes

Joe Brainard gehörte in den sechziger Jahren zur New Yorker Künstlerszene – der New York School -, seine Werke bewegen sich im Einflusskreis der Pop Art, er zeichnete Comicstrips und fertigte Bühnenbilder. Als Literat erlangte er dann 1970 mit I remember Aufmerksamkeit, zwei weitere Teile folgten in den darauffolgenden Jahren.

Nach mehr als 40 Jahren wird die ungewöhnliche Autobiographie von Joe Brainard dem deutschsprachigen Leser erstmals zugänglich macht.

Auf den ersten Blick wirkt der Text verwirrend.

Ich erinnere mich an rosarote Zuckerwatte und das klebrige Gefühl danach.

Ich erinnere mich, dass ich plötzlich darauf achtete, „wie“ ich meine Zigarette in Homo-Bars hielt.

Ich erinnere mich, dass ich versuchte, ein Pflaster mit einem einzigen Ruck abzureißen.

Die Struktur ist vordergründig einfach. „Ich erinnere mich …“ – Mit diesen Worten beginnt jede der rund 1500 Miniaturen.

„Ich erinnere mich“ entzündet aber schnell ein Feuerwerk der Erinnerungen, das keiner Chronologie oder thematischer Einordnung gehorcht, keine durchgehende Handlungsebene besitzt. Und doch ergeben die einzelnen Erinnerungsstücke ein Bild eines jungen Mannes, das klarer und figürlicher ist, als es manch Autobiographie in klassischer Textform zu zeichnen vermag. Die Entdeckung seiner Homosexualität hat dabei gleichberechtigt neben Erinnerungen an Familie, an Fernsehshows und Filme oder an Gerüche und Geschmäcker Platz. Nichts in seinen Erinnerungen scheint geschönt und doch zieht sich eine Leichtigkeit durch das Buch, das voller Wärme, Komik und Lebensfreude steckt.

Ich erinnere mich an das Schokohäschen-Problem: Wo fängt man an?

Ich erinnere mich, dass ich in Laubhaufen sprang, und an den Staub, oder was immer dabei aufgewirbelt wurde.

Ich erinner mich an ein Mädchen in Dayton, das mir „beibrachte“, was man mit der Zunge macht. Wie sich aber herausstellte, war es definitiv das, was man nicht mit seiner Zunge machen sollte. Es hätte tatsächlich schlimme Folgen haben können (Ersticken).

„Ich erinnere mich …“ sind aber auch die Worte, die den Leser mit seinen eigenen Erinnerungen konfrontieren. Brainards Gedankenkosmos ist nicht nur seine eigene Biographie, es ist die Biographie von uns allen. Jeder wird zahlreiche Momente entdecken, die die eigenen sein könnten. Beim Lesen schweifen die eigenen Gedanken permanent ab, zurück in die eigene Vergangenheit. Dabei ist die geografische Distanz – Brainards Erinnerungen führen zurück nach  Tulsa, Boston und New York, meine nach Dessau, Leipzig und Hannover – vollkommen unerheblich.

Ich erinnere mich, dass ich die Eiswürfelbehälter bis obenhin mit Wasser füllte und dann, ohne etwas zu verschütten, zum Kühlschrank zurückzutragen versuchte. Daran erinnere ich mich. Und daran, wie unpraktisch das eigentlich war, weil der Einsatz niedriger als der Eiswürfelbehälter war und deshalb das Eis zu einem Block zusammengefroren war, den man nur schwer auseinanderbrechen konnte. Und ich erinnere mich, dass wir damals einen Kühlschrank mit Holzverkleidung besaßen, und dass …

Paul Auster, der das Vorwort beisteuerte, schreibt über das kleine Meisterwerk: Es ist eines der seltenen Bücher, die einen ein Leben lang bereichern. Es ist eines der Bücher, die niemals ausgelesen sind. Ich erinnere mich kann immer wieder an einer beliebigen Stelle aufgeschlagen werden, der Leser wird aufs Neue überrascht. Von Joe Brainards Welt und von seiner eigenen.

Joe Brainard – Ich erinnere mich

208 Seiten
12,5 x 18,0 cm
Mit einem Vorwort von Paul Auster
gebunden
Übersetzt von Uta Goridis

ISBN 978-3-03774-040-8
20.00 CHF / 14.95 EUR [D] / 15.40 EUR [A]

Erschienen bei Walde & Graf