Über Industrieschreiberei und Tantenerschrecker. Matthias Zschokke: Lieber Niels


Lieber Niels ist ein unerhörtes Buch. Eine Frechheit. Kollegenbeschimpfungen – das tut man nicht. Nicht öffentlich zumindest. Und veröffentlichen sollte man sie schon mal gar nicht. Matthias Zschokkes Mail-Wechsel mit seinem Freund Niels Höpfner – dessen Antworten im Buch nicht enthalten sind – sind voll von Auslassungen der unfeinen Art.

Lese gerade: Alain Sulzer bekommt den Prix Medicis etranger […] Offenbar wird auch dort nur mit Wasser gekocht. (6.11.08)

Dein Kommentar zu Sulzer ist herrlich. […] „Schwule in der Jury …“ […] So einfach wird’s sein. (6.11.08)

Unerhört. Unerhört amüsant.

Der vorliegende Band versammelt rund 1500 E-Mails, die Zschokke zwischen 2002 und 2009 an Niels geschickt hat. Es entfaltet sich ein Tagebuch eines Schriftstellers, das durch den Verzicht auf Rücksichtnahme auf sich und andere, durch Bissigkeit, viel Unverstandenfühlen und viel Humor zum Zeugnis des Literatenalltags und des Literaturbetriebs wird. Entscheidend dabei die Form des Briefwechsels, denn obwohl die Mails von Niels fehlen, ist dieser doch Motivator, Resonanzfläche und Reibungspunkt. Der daraus entstehende Dialog in Monologform zählt unzweifelhaft zu den schönsten Leseerlebnissen des Jahres.

 

Lieber lass ich’s ganz bleiben

Matthias Zschokke gehört zur großen Schar derer, die seit Jahren im Literaturbetrieb präsent sind und doch einem größeren Lesepublikum unbekannt sein dürften, der Autor dieser Zeilen gesteht, auch lediglich den Namen mal vernommen zu haben. Der 1954 in der Schweiz geborene, seit 1980 in Berlin lebende Autor hadert damit, natürlich. Und ist Realist genug, zu wissen, dass seine Vorstellung von Literatur nicht massentauglich ist.

Habe den Bestseller-Schmitt gelesen, Monsieur Ibrahim … Klebrig, anbiedernd, einfältig. Das also schafft es auf den Markt. […] Lieber lass ich’s ganz bleiben, als so etwas vorzulegen.

Schmitt und Zschokke sind beide zum Zeitpunkt des Mail-Verkehrs Autoren des  Ammann Verlags, der im letzten Jahr aufgelöst wurde. Zschokke fühlt sich von Egon Ammann schlecht betreut, beklagt die Langsamkeit, mit der Ammann auf seine Manuskripte reagiert, ganz anders als bei der Verlags-Cashcow Schmitt. Trotzdem kann, ja will er sich nicht endgültig vom Verleger trennen, schön die Passagen, in denen beschrieben wird, wie es das Schlitzohr Ammann immer wieder schafft, seinen Autor zu besänftigen, anzutreiben.

Von der Literaturkritik fühlt er sich nicht gewürdigt – und wenn doch, dann von zweitklassigen Kritikern. Die Zeit darf ruhig verreißen, aber gefälligst Iris Radisch und nicht irgendjemand.

Keinesfalls soll hier aber der Eindruck entstehen, Lieber Niels sei eine 760-seitige Jammertour. Zschokke besitzt die Eigenschaft – und hierin unterscheidet sich Lieber Niels deutlich Raddatz‘ Tagebüchern, die sich bei der Lektüre als Vergleich aufdrängen -, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Und gar so schlecht ergeht es dem Autor dann auch nicht. Es lässt sich schon irgendwie aushalten in diesem Literaturbetrieb. In den Zeitraum des Mail-Wechsels fallen längere Stipendienaufenthalte in Budapest, Amman und New York, Zschokke ist regelmäßig zu Gast auf champagnervernichtenden Empfängen und den einen oder anderen Preis gibt es auch.

Gleichwohl, geben wir es zu, lesen wir gern die vernichtenden Urteile, etwa über Philip Roth.

Das ist ja ganz und gar entsetzlich! Grauenhaft. Und die ganze Welt macht diesen Beschiss mit?! […] Ich bin einmal mehr schockiert über uns Europäer, die nichts Besseres zu tun wissen, als diese Industrieschreiberei auch noch nachzuahmen. (25.4.08)

Immer wieder kommt es dabei auch zu komischen Brechungen. Wenn er über Christ Wolf schreibt,

Als ich einmal mit Christa Wolf zusammen eingeladen war, las ich vorher alle Bücher von ihr, weil ich dachte, das gehöre sich so – und starrte sie daraufhin den ganzen Abend wütend an, weil ich die Bücher so grauenvoll gefunden habe. (23.1.06), mag man sich das bildlich vorstellen.

 

Tantenerschrecker

Nicht nur mit Literatur setzt sich Matthias Zschokke auseinander. Er ist auch ein begeisterter Theatergänger, liebt die Oper. Umso weniger scheut er sich auch hier, sein Urteil kundzutun. Wenn über eine Aufführung von Jonathan Meese zu lesen ist,

Meeses Dramaturgie hatte es darauf abgesehen, seinen Tanten einen Schreck fürs Leben einzujagen. In der Aufregung hatte er aber nicht daran gedacht, dass seine Tanten in Oldenburg leben und dem Ereignis gar nicht beiwohnen konnten. So saßen da lauter Berliner, die sich zu Recht nicht gemeint fühlten, und warteten darauf, dass sich die Angelegenheit mit seinen Tanten erledigen würde (25.1.07), dann zeigt sich zugleich die Kunstfertigkeit des Autors. Charmanter kann vernichtende Kritik kaum sein.

Natürlich findet sich nicht nur Schelte, Zschokke geht es auch nicht um die Beschimpfung der Beschimpfung wegen. So findet er ehrfürchtige Worte für Wilhelm Genazino, ist ergriffen von einer Alcina-Aufführung.

Seine Kritik gilt vielmehr allgemein einem Kulturbetrieb, der den Lauten mehr Beachtung schenkt, der seinen Hausgöttern huldigt und dabei längst aufgehört hat, dies zu reflektieren. Unterstützung und Widerworte bekommt er dabei von Niels. Kulturkritik ist eine Ebene des Bandes, den man nicht darauf reduzieren darf. Lieber Niels ist auch das Protokoll einer Freundschaft.

 

In bewährter Elisabeth-Förster-Nietzsche-Manier

In Niels Höpfner hat Zschokke seinen Lebensmenschen gefunden. Der Freund motiviert, tröstet, schimpft und streitet mit ihm, er widerspricht und ist zugleich unendlich geduldig. Bereitwillig und nachsichtig besorgt er Informationen, die Zschokke nur deshalb nicht selber beschaffen kann, weil er sich beharrlich weigert, das Internet zu mehr als nur zum Verschicken von E-Mails zu verwenden – das Wort googeln benutzt er erstmals im April 2008.

Beide streiten über Alltägliches, über Politik, über Fußball, sie reden über das Älterwerden. Durch die Mails lernt der Leser auch Niels kennen. Die E-Mails wurden für den Druck, so schreibt Niels Höpfner im Vorwort, auf ihren Kern konzentriert & destilliert und manchmal auch in bewährter Elisabeth-Förster-Nietzsche-Manier gekürzt. Zu vermuten ist, dass diejenigen Passagen entfernt wurden, die von Zschokkes Lebensgefährtin (oder Ehefrau?) Ingrid handeln. Von ihr erfährt der Leser fast gar nichts, selten wird sie beiläufig erwähnt. Auch die Öffentlichmachung der eigenen Person hat ihre Grenzen.

Niels Höpfner ist auch Chronist der Arbeit seines Freundes, er hat ein Buch über ihn geschrieben und betreut die Internetseite über Matthias Zschokke, die uns optisch in das Netz der Neunziger zurückführt. Und Niels ist Initiator des Bandes. Die Mails waren nicht zur Veröffentlichung bestimmt, bis Höpfner eines Tages diese gesammelt an Zschokke schickte mit der Bemerkung, dass daraus doch ein Buch zu machen sei. Lieber Niels, danke dafür!

 

Matthias Zschokke: Lieber Niels

764 Seiten
Einband: gebunden, Schutzumschlag
Format: 14,0 x 22,2
ISBN: 978-3-8353-0909-8

Erschienen im Wallstein Verlag

Leseprobe

 

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