Hollywood als unmoralische Anstalt. Kenneth Anger „Hollywood Babylon“


„Die Möglichkeiten des Films zur moralischen Erziehung und Beeinflussung sind grenzenlos. Deshalb muss seine Integrität geschützt werden“, predigte Will H. Hays 1922 den versammelten Studiobossen, und während er sprach, „grinsten die Gründungsväter des Filmlands, als müssten sie Scheiße fressen“. Als Präsident der Motion Picture Producers and Distributors of America, der Behörde zur Einstufung von Filmen, führte er einen bigotten Kampf gegen Unmoral im Film. Auf der Leinwand zeigte sein Kreuzzug zumindest eine Zeit lang Erfolg. Den Blick hinter die Leinwand zeigt Kenneth Anger.

 

Bereits in seiner Kindheit hatte der 1927 in Santa Monica geboren engen Kontakt mit Hollywood.  So spielte er als Kind in Reinhardts „Sommernachtsraum“ eine Rolle. Hat er zumindest behauptet, stimmt aber nicht, wie man heute weiß. Als Avantgarde-Filmemacher beschäftigte er sich früh mit Homosexualität als Thema und gilt als Pionier des New American Cinema. Dem Okkultismus und den Lehren Aleister Crowleys zugewandt, inspirierte Kenneth Anger Mick Jagger zu „Sympathy for the devil“.

Als Filmemacher nur einem kleinen Kreis von Cineasten bekannt, erreichte Anger ein weit größeres Publikum mit seiner zweibändigen Skandalchronik „Hollywood Babylon“.

 

Der 1. Band erschien 1959 (oder 1960 – die Jahreszahl variiert) in Paris. Einen amerikanischen Verlag fand „Hollywood Babylon“ erst 1975. Nicht, dass man es bis dahin nicht aufmerksam las, ein Raubdruck existierte bereits 1966, erhältlich in der Pornoabteilung. Zu den eifrigsten Lesern gehörten allerdings zahlreiche Anwälte und Richter, sodass schlussendlich eine bereinigte Version auf den US-Markt kam.

1985 erschien der 2. Teil der Skandalchronik.

 

Nun ist bei Zweitausendeins eine Neuauflage der beiden vergriffenen Teile in einem Band erschienen.  Ungekürzt und unbearbeitet – und zu einem Preis, der sich kaum von dem für beide Bände im Jahr 1985 unterscheidet. Die teilweise recht krude Rechtschreibung wurde ebenso beibehalten wie die nicht immer nachvollziehbaren Unterstreichungen im Text, die dem Leser häufig Rätsel aufgeben. Optisch wirkt der Textkorpus wie eine Art Hypertext, der Leser ertappt sich unweigerlich dabei, hinter den Unterstreichungen Links zu erwarten, die weiterführende Erläuterungen bieten.

 

Die Lust am Skandal, am Sex, am Tragischen bestimmt den Text. Eines der ersten Kapitel widmet sich dem Stummfilmstar Fatty Arbuckle, dessen Karriere endete, nachdem er angeklagt wurde, im Zuge einer Orgie das Starlet Virginia Rappe unter Zuhilfenahme einer Champagnerflasche zu Tode vergewaltigt zu haben. Freigesprochen kehrte „The Prince of Whales“ nie wieder auf die Leinwand zurück. Anger kommentiert dies alles in einem rotzigen, sarkastischen Ton, vergisst dabei auch nicht, zu erwähnen, dass die Souvenirindustrie ziemlich schnell eine Champagnerflasche mit den Bildern von Rappe und Arbuckle auf den Markt brachte.

Bemerkenswert, dass er keine Gelegenheit auslässt, über die skandalsüchtigen Klatschkolumnisten herzuziehen, selber aber sich genüsslich in Details ergeht, süffisant über Rappe anmerkt, sie schlief „kräftig kreuz und quer und gab ihre Filzläuse an die halbe Filmgesellschaft weiter.“ Anger ist unerbittlicher Chronist, niemand war vor ihm sicher. Chaplins Vorliebe für sehr junge Mädchen, die Affäre zwischen Marlene Dietrich – „eine fröhliche Bisexuelle mit Appetit auf möglichst viele Affären“ – mit Claudette Colbert, Grace Kelly strippend bei offenen Vorhängen, wohl wissend, dass Alfred Hitchcock aus der Ferne zusah, Joan Crawford in diversen Nacktposen, ein Foto von Carol Landis nach ihrem Selbstmord; Anger beharrt auf dem Standpunkt, dass, wer sich ins Licht begibt, damit leben muss, dass auch die Schattenseiten beleuchtet werden. So schonungslos Skandale und Skandälchen an die Oberfläche gezerrt werden, so imposant auch das Bildmaterial. Kenneth Anger hat sich durch die Archive gewühlt und dabei neben den üblichen Porträts und Szenenfotos zahlreiche Aufnahmen der Polizei veröffentlicht. Manches wirkt auch heute noch drastisch, die Bilder der verstümmelten und zertrennten Leiche von Elisabeth Short, die als The Black Dahlia in die Kriminal- und Filmgeschichte einging, sind schon schwer verdaulich.

„Hollywood Babylon“ ist die Kulturgeschichte der dunklen Seite der Traumfabrik, die für viele zum Alptraum wurde und damit auch mehr als eine pure Sammlung von Klatsch und Tratsch. Es erzählt von einer Industrie, deren Methoden im krassen Gegensatz zu dem stehen, was von ihr produziert wird, die ihre Protagonisten benutzt und weder ausspuckt. Trotz der mitleidslosen Kommentierung erzählt es vor allem davon, was Hollywood mit Menschen macht; eins der umfangreichsten Kapitel widmet sich den zahllosen Selbstmorden. Und die große Aufmerksamkeit, die die Bücher erhielten, verdeutlicht den Anteil, den die Konsumenten haben. Denn letztlich ist das heimliche Vergnügen an menschlichen Abgründen, an Perversionen, am Verfall, ein Begleitumstand, der untrennbar mit Hollywood verbunden ist. „Hollywood Babylon“ endet in den frühen Achtzigern, die nur kurz angerissen werden, das letzte Kapitel ist eine Abrechnung mit Ronald Reagan. Seit Jahren ist ein 3. Band angekündigt, das Erscheinen allerdings ist ungewiss.

Kenneth Anger „Hollywood Babylon“. Aus dem Amerikanischen von Sebastian Wolf und Benjamin Schwarz. 640 Bilder. 638 Seiten. Format 14×21 cm. Fester Einband. Erhältlich bei Zweitausendeins.de

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