Flucht ohne Wiederkehr. David Vann „Im Schatten des Vaters“


Ein Jahr in einer Hütte in der Wildnis einer Insel Alaskas. Ein Jahr, in der eine brüchige Vater-Sohn-Beziehung auf ein neues Fundament gestellt werden soll. Fischen und Jagen, um Vorräte für den Winter anzulegen, Holz hacken und trocknen, dabei sollen sich Vater und der heranwachsende Sohn wieder näher kommen. Ein großes Abenteuer eben, ein bisschen Robinson, ein wenig Jack London und Jules Verne – Stoff, aus dem gefällige Coming-of-Age-Geschichten entstehen.

Im Schatten des Vaters erzählt keine derartige Geschichte. Der Text erzählt von einer Unternehmung, die von Beginn an zum Scheitern verurteilt ist und die langsam, aber zielstrebig auf ihren entsetzlichen Höhepunkt zusteuert.

An dieser Stelle gerät der Rezensent ins Stocken, denn man kann dieses Buch nicht angemessen würdigen, ohne zu viel von seinem Inhalt zu erzählen. Deshalb: Wer mag, kann jetzt aufhören zu lesen und darauf vertrauen, dass es sich bei Im Schatten des Vaters um ein großes Buch handelt, vielleicht das beste bisher in diesem Jahr.

Jim hat mehrere verpfuschte Beziehungen hinter sich, ist unzufrieden mit seiner Arbeit als Zahnarzt und die Steuerfahndung hat bei ihm Unregelmäßigkeiten entdeckt. Zeit zur Flucht aus dem Alltag, Roy, sein Sohn, soll dabei sein Fluchthelfer sein. Widerwillig, seelisch erpresst von seiner Mutter, fügt sich Roy und begleitet den Vater. Der ist denkbar unfähig, das Leben in der Einsamkeit zu meistern. Ein Bär zerstört einen Großteil der Vorräte, der Vater stürzt und verletzt sich, das vermeintliche oder erhoffte Naturidyll ist wenig idyllisch.

Das Leben fernab der Zivilisation hat nur wenige halbwegs glückliche Momente.

Die wahre Bedrohung aber entspringt nicht der Natur. Schnell wird klar, dass Jim unter Depressionen leidet. Sein Sohn muss Nacht für Nacht das Weinen des Vaters anhören. Zur Überforderung, mehr und mehr auf sich allein gestellt den beschwerlichen Alltag zu meistern, gesellt sich ein emotionales Extrem, dem der 13-Jährige nicht gewachsen ist. Sein Vater benutzt ihn, um die Unzulänglichkeiten seines eigenen Lebens bei ihm abzuladen, in der Hoffnung, eine Art Absolution zu erhalten. Dazwischen immer wieder Phasen, in denen der Vater bemüht scheint, seine Vaterrolle zu erfüllen. Daran, dass dies Fassade ist, besteht allerdings kein Zweifel.

Das größte Opfer

In der Enge der Hütte wird Roy zudem Zeuge, wie Jim am Funkgerät ebenso verzweifelt wie vergeblich versucht, seine letzte Frau Rhoda, die er wie alle anderen auch betrog, zurückzugewinnen. Beim letzten dieser Versuche, während dem Rhoda unmissverständlich zu verstehen gibt, dass die Beziehung keine Chance mehr hat, hat Jim seine Pistole, eine 44er Magnum, in der Hand. Alles scheint auf einen Selbstmord des Vaters hinauszulaufen, die erschütternde Wendung ist aber eine andere. Jim verlässt die Hütte und drückt Roy die Pistole in die Hand. Roy sah ihm nach, bis er zwischen den Bäumen verschwunden war, und betrachtetet dann die Pistole in seiner Hand. Der Hahn war gespannt, und er konnte die Kupferpatrone sehen. Langsam löste er den Hahn, richtete die Pistole weg vom Körper, dann spannte er ihn wieder, hielt sich den Lauf an den Kopf und drückte ab.

Die Novelle – auch wenn der Verlag Roman auf den Titel schreibt, es ist eine Novelle, eine nach allen Regeln des Genres, aber der Begriff Novelle scheint offenbar gleichbedeutend mit Kassengift – ist im Original das zentrale Stück eines Erzählbandes, der unter dem Titel Legend of a Suicide erschienen ist und neben dem auf Deutsch vorliegenden Teil weitere 5 kürzere Storys enthält. In diesen erfährt der Leser vom autobiographischen Bezug zwischen Autor und Text. David Vanns Vater – ein Zahnarzt – erschoss sich, als Vann 13 Jahre alt war, während eines Telefonats mit Vanns Stiefmutter; mit derselben Waffe, mit der sich Roy im Text erschießt.

Vann lässt den Sohn im Text das größte Opfer erbringen, das denkbar ist. Indem sich Roy tötet, verhindert er den Selbstmord seines Vaters. Was sein Vater immer wieder versucht hat, zu erlangen, besaß er längst – die Liebe seines Sohnes.

Warum Suhrkamp Legend of a Suicide nicht als Ganzes veröffentlicht und dadurch dem deutschsprachigen Leser diesen Bezug vorenthält, sodass der Rückgriff auf Sekundärtexte notwendig wird, erschließt sich nicht. Keine Frage, Im Schatten des Vaters ist für sich allein ein beeindruckender Text. Nur erschließt sich die Umkehrung ebenso wenig wie die Bedeutungsebene des zweiten Teils.

Autobiographische Umkehrung

Nach dem Tod des Sohnes verpackt er dessen Überreste – der Verwesungsprozess wird durchaus plastisch geschildert – in einen Schlafsack und will sie nach Hause, zu Roys Mutter bringen, um den Sohn zu beerdigen. Da das Funkgerät in einem ersten Anfall von Trauer und Wut zerstört wurde, fehlt jeder Kontakt zur Zivilisation. Den Winter verbringt Jim am Rande des Wahnsinns in einer fremden Hütte, zerrissen zwischen Schuldgefühlen, Trauer und Vorwürfen an seinen toten Sohn. In Jims Leiden hat David Vann all das gepackt, was ihn als 13-Jährigen traumatisierte. Der Vater wird zur Projektionsfläche der eigenen Gefühle. Im Versuch, seinen eigenen Vater zu verstehen, schwingt immer wieder die Wut auf ihn mit. So wie sich der Sohn für den Vater opfert, geht auch der Vater einem bitteren Ende entgegen.

Nachdem er gefunden wird, steht der Vorwurf im Raum, er habe Roy ermordet. Wieder flieht er, und diesmal wird es eine Flucht ohne Wiederkehr.

Im Schatten des Vaters ist beeindruckende, ergreifende Literatur. David Vann zeichnet mit präziser, auf jegliches schmückendes Beiwerk verzichtender Sprache ein eindrucksvolles Bild der Natur Alaskas, stimmig in der Übersetzung von Miriam Mandelkow. Hier ist ein Autor, der durch die Lektüre von Hemingway geschult ist, der aber weit mehr als ein Epigone ist. Im Ausloten menschlicher Abgründe, in der Kunst, aus der Tragik der eigenen Biographie, wie Vann selbst sagt, something beautiful zu schreiben, zeigt sich ein Autor, von dem man sich mehr wünscht. Eine Gesamtausgabe von Legend of a Suicide wäre ein guter Anfang.

 

David Vann

Im Schatten des Vaters

Gebunden, 184 Seiten
ISBN: 978-3-518-42229-8

D: 17,90 €
A: 18,40 €
CH: 27,50 sFr

Erschienen bei Suhrkamp

David Vann liest aus Im Schatten des Vaters

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