Walter Kepmpowski: Umgang mit Größen. Meine Lieblingsdichter – und andere


Wovon lebte Ernst Jünger eigentlich?

Walter Kempowskis Kollegen-Porträts

Alle Welt, heißt es, hatte am Weimarer Hof in Werther-Tracht zu gehen […] Ich habe mich gefragt, wenn es eine Tadellöser-Mode gäbe, wie die dann wohl aussähe.

Mangelndes Selbstbewusstsein plagte Kempowski beim Schreiben dieser Miniaturen offenbar nicht, auch wenn er akribisch aufzählt, welche Auszeichnungen die von ihm für die Welt zwischen 1997 und 1999 porträtierten Autoren erhielten – es schwingt häufig die unausgesprochene Frage mit, warum er, warum nicht ich?. Bei Martin Walser beansprucht die Aufzählung eine halbe Seite. Wie wenig man dem anderen den Erfolg gönnte, konnte man unlängst ja auf höchst vergnüglich-bitterböse Art in Raddatz‘ Erinnerungen nachlesen.

Der Band Umgang mit Größen. Meine Lieblingsdichter – und andere versammelt eine Auswahl der kurzen Porträts, von Hans Christian Andersen (auch einer der Dichter, deren Vornamen man in Abkürzungen zu zitieren pflegt) bis Stefan Zweig (er war reich, steinreich).

Viel Platz räumen die Anderen ein, denn freimütig bekennt Kempowski, Heinrich Mann nicht gelesen zu haben, meine wiederholten Versuche, ihm näherzukommen, scheiterten stets nach wenigen Seiten. Von Selma Lagerlöfs Nils Holgersson sind ihm nur noch wenige der Geschichten in Erinnerung. Manchmal ahnt man, dass er mit einem Autor nichts anfangen konnte, manchmal ertappt man ihn bei Schludrigkeiten. Über Agatha Christies Romane ist zu lesen: Wie Sherlock Holmes seinen Dr. Watson hatte, so ist beiden [Poirot und Miss Marple] ein Gehilfe beigegeben, Poirot hatte seinen Captain Hastings und Miss Marple einen senilen Freund. Da hat er dann offenbar Film und Roman verwechselt, denn der senile Freund Mr Stringer, gespielt von Stringer Davies, im echten Leben Ehemann von Margaret Rutherford und auch an ihrer Seite in Hotel International zu sehen, dem Film, für den Rutherford ihren Oscar bekam, ist eine Erfindung der Drehbuchautoren, die ja sowieso sehr frei mit Christies Romanen umgingen. Von den vier Rutherford-Filmen basiert lediglich 16:50 ab Paddington auf einem Miss-Marple-Roman, zwei sind Poirot-Adaptionen, Mörder ahoi hat kein Christie-Vorbild.

Seehundschnauzbart

Aber mehr als die Werke interessierten Kempowski die Autoren selber. Allerlei Persönliches fließt in die Skizzen ein, die Schüchternheit, wegen der er seine Assistentin vorschickte, um von Susan Sontag ein Autogramm zu erbitten, das einschüchternde Wesen Uwe Johnsons, wenn ihn etwas störte, wurde er grob, s a u g r o b, ich trank ein kleines Helles und er, glaube ich, zehn oder zwölf, dazu nahm er diverse Schnäpse. Bei Ernst Jünger interessierte ihn, wovon er eigentlich lebte, seine Käfersammlung, die wertvollen Bücher und die Reisen – nur durch Bücherverkauf kann er das unmöglich finanziert haben. Hatte er Vermögen, oder bekam er eine Pension?

Viel Platz räumt Kempowski Betrachtungen von Äußerlichkeiten ein. Bölls Seehundschnauzbart, überhaupt interessieren ihn Bärte, Hesses Hemdkragen über dem Jacket – für Kempowski Zeichen von Humorlosigkeit – genüsslich ergeht sich der Autor in Details, bis hin zur auch für die Thomas-Mann-Forschung neuen Frage, warum er sich seine Warze im Gesicht nicht hat entfernen lassen. Man kann sich in diesen Nebensächlichkeiten schön verlieren.

Geschickt ist Kempowski, wenn es darum geht, jeglichen Anschein von Objektivität zu vermeiden. Er versucht erst gar nicht zu verbergen, wie zuwider ihm Feuchtwanger war, in Konsalik hingegen scheint er einen Leidensgenossen entdeckt zu haben, dem – wie ihm selbst – das Ausbleiben von Ehrungen (scheinbar!) nichts ausmacht.

Nicht bloß Walter

Umgang mit Größen ist subjektiv, die Dreistigkeit, mit der Kempowski den einen oder anderen Großdichter vom Sockel holt, gilt es zu bewundern. Ebenso dreist die Verwendung von Plattitüden, etwa wenn über den Ulysses zu lesen ist: Das ist kein Buch, das man so nachmittags beim Tee zur Hand nimmt. Hört, hört! Man kann es ihm aber nicht übel nehmen, dafür ergehen sich die Texte dann doch viel zu lustvoll in Klatsch und Tratsch, dafür nimmt sich Kempowski selber auch viel zu wenig ernst. Unsereiner heißt bloß Walter!, kommentiert er den Namen Stanwix, den Melville seinem zweiten Sohn gab. Da machte er sich wieder kleiner als er war, der spät, aber nicht zu spät dann doch für sein Werk Gewürdigte. Hatte er aber gar nicht nötig.

PS: Eine kurze Nachfrage des Rezensenten beim Jünger-Spezialisten Tobias Wimbauer ergab übrigens, dass Jünger eine kleine Rente als Pour-le-Mérite-Träger bekam und die Miete für sein Haus seit 1952 nicht mehr erhöht wurde. Trotzdem wurde es in den 50er-Jahren finanziell durchaus eng, erst nach dem Wechsel zu Klett erhielt Jünger Zuwendungen, die höher als es der Verkauf seiner Bücher legitimiert hätte, waren. Später konnte der dann auskömmlich von den Verkäufen leben.

Walter Kempowski

Umgang mit Größen

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 288 Seiten, 12,5 x 20,0 cm
ISBN: 978-3-8135-0414-9
€ 19,99 [D] | € 20,60 [A] | CHF 30,90*

Erschienen bei Knaus

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