Pulp vom Allerfeinsten. Tony O’Neill: Sick City


Es gibt Romane, die schreien auf jeder Seite nach einer Verfilmung. Sick City von Tony O’Neill ist einer dieser Romane. Und als mögliche Regisseure hat man Tarantino, Rodriguez oder Terry Gilliam vor Augen.

Jeffreys Lover, ehemaliger Cop des LAPD und Jeffreys Sugar Daddy, liegt tot im Bett. Junkie Jeffrey ist von der Situation zunächst überfordert, eigentlich ist er den ganzen Roman über überfordert. Im Safe findet er Bargeld, ein bisschen Heroin, eine Knarre und eine Filmdose. Die entpuppt sich als das große Los, enthält sie doch einen Pornofilm, gedreht im Haus von Sharon Tate und unter heftigem Einsatz einiger Mitglieder von Hollywoods Schauspielerelite.

Zusammen mit Randal, Filmproduzentensohn und zwischen Exzess und erzwungenem Entzug pendelnd, sucht Jeffrey einen Käufer für den Film. Man ahnt es, die Sache gerät zum Höllentrip, die beiden Junkies verlieren zusehends die Kontrolle über das Geschehen. Bald entspannt sich in allerschönster Trash-Manier ein Chaos aus Gewalt, Sex und Drogen. Mit dabei: Randals bigotter Bruder, Dealer, ein scheinheiliger Betreiber einer Entzugsklinik, Sammler von ganz speziellen Raritäten, arme Schweine und brutale Säcke.

Rüde Sprache, stakkatoartige Dialoge, aberwitzige Situationen, dazu die kongenialen Illustrationen von Michel Cassarramona machen Sick City zu einem wahren Pageturner.

Unter der Oberfläche scheint immer wieder die Sympathie durch, die O’Neill seinen beiden Hauptfiguren entgegenbringt. Einst selber Drogenkonsument, hat er Figuren geschaffen, die, bei allem Unverständnis, dass bei allen herrschen muss, die keine vergleichbaren Erfahrungen gemacht haben, auch wenn sie ganz unten sind, versuchen, ihre Würde zu bewahren. Dass sie dabei scheitern müssen, dass sie es auch ahnen, nimmt ihnen nichts. Sie sind nicht weniger am Arsch als alle anderen auch, in ihrer Sucht nur ein wenig ehrlicher als der Rest des verkorksten Figurenensembles. Hier erinnert Sick City an Naked Lunch und Trainspotting, O’Neill entsagt sich jegliche Bewertung.

O’Neill ist ein Pulp-Stück gelungen, dass im Spiel zwischen rasanter Action und kunstfertigem, glaubwürdigem Stil seinesgleichen sucht. Ein Leseabenteuer, nichts für Weicheier.

Sick City ist der dritte Roman von Tony O’Neill, und der erste, der auf Deutsch vorliegt. Erwähnenswert – wie bei allen Büchern des jungen Schweizer Verlags Walde & Graf – die Aufmachung. Das Cover mit schönem Prägedruck und sämtliche im Text vorkommende Markennamen im Original-Schriftzug.

Tony O’Neill

Sick City

  • 328 Seiten
  • 14,0 x 21,5 cm
  • gebunden
  • Übersetzt von Stephan Pörtner

ISBN 978-3-03774-023-1
34.00 CHF / 24.95 EUR [D] / 25.60 EUR [A]

Erschienen bei Walde & Graf

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3 Gedanken zu “Pulp vom Allerfeinsten. Tony O’Neill: Sick City

  1. Das klingt ja super! Zumal ich gerade sehr auf Thriller in L.A. und alles was irgendwie nach Film Noir oder hardboiled-Fiction klingt, stehe. Teuer ist es aber. Mal sehen, ob die englische Ausgabe günstiger zu haben ist…

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    • Ich kann nachvollziehen, dass knapp 25 EUR erst mal abschrecken. Auf der anderen Seite bekommst du in diesem Fall nicht nur inhaltlich einen überzeugenden Roman, sondern ein Buch in die Hand, das auch als Objekt überzeugt und mit viel Liebe zum Detail hergestellt ist.

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  2. Ja, das stimmt, ist natürlich ein Argument. Aber ich lese im Zweifel dann auch doch lieber im Original. Aber den Verlag habe ich mir mal notiert, die Ausgaben klingen ja sehr, sehr ästhetisch. Und sie bringen ja bestimmt auch mal eine deutsche Erstausgabe heraus (oder ein Buch in einer der vielen, vielen Sprachen, die ich nicht spreche ;).

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