Klassenkampf im Literaturbetrieb. Hubert Winkels „Kann man Bücher lieben?“ und Daniel Kehlmann „Lob. Über Literatur“


Vor einigen Jahren sorgte Hubert Winkels mit einem Beitrag in der Zeit für einiges Aufsehen und für Kontroversen. Unter dem Titel Emphatiker und Gnostiker unternahm Winkels den Versuch, eine – seine – gnostische Sichtweise der Literaturkritik gegen die Leidenschaftssimulanten und Lebensbeschwörer, die Emphatiker, in Stellung zu bringen. Hier diejenige Kritik, die zuallererst das sprachliche Kunstwerk meint, die im Wissen genießt und mit analytischen Mitteln. Dort diejenigen, die eben das nicht ertragen. Hier die Zeit und Hubert Winkels (stellvertretend für viele andere), dort Übervater Marcel Reich-Ranicki, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, der Spiegel und Elke Heidenreich.

Vereinfacht: Fernsehen gegen Feuilleton, ein Kampf gegen den ökonomischen Bedeutungsverlust des klassischen Feuilletons. Es ist kein Geheimnis, dass eine Rezension in der Süddeutschen oder der Zeit nur noch wenig Einfluss auf die Verkaufszahlen eines Buches hat. Der Auftritt von Rainald Goetz in der Harald Schmidt Show hat mit Sicherheit mehr zum Verkauf von loslabern beigetragen als die Besprechungen in den fünf klassischen überregionalen Zeitungen. Und schon längst gilt die Brigitte als eins der wichtigsten Druckerzeugnisse für das Ankurbeln der Verkäufe.

Dies kann man beklagen, und dies zu Recht. Nur führt die Klage ebenso wenig zu einem Ziel wie eine erregte Grabenziehung. Auch wenn Winkels dann doch scheinbar versöhnlich für mehr Empathie bei den Gnostikern und mehr Gnostik bei den Emphatikern plädiert: Der vorliegende Band liefert Zeugnis von den Gründen, die zum beklagten drohenden Verlust der Deutungshoheit durch die Vertreter der reinen Kritiklehre führt.

Aber der Reihe nach. Winkels Buch trägt den Titel „Kann man Bücher lieben? Vom Umgang mit neuer Literatur“ und versammelt neben dem erwähnten Zeit-Artikel weitere andernorts erschienene Rezensionen, Essays, autobiographische Einsprengsel und Porträts. Interessant die Einblicke in das Leben eines hauptberuflichen Literaturkritikers, in das Preisverleihungswesen und die Kritikerschelte. Angenehm die autobiographischen Beiträge, die sich Fragen widmen, die sich jedem stellen, der von Büchern umgeben ist. Wie ordne ich die Bibliothek? Warum müssen Bücher so verdammt schwer sein? Warum ist das Regal eher zu Ende ist als die einzusortierenden Bücher? Und warum habe ich damals den riesigen Stapel ungesehen angeschleppt? Hier zeigt sich Winkels als charmanter Erzähler, der wenig Gnostisches an sich zu haben scheint. Emphatisch auch sein Porträt von Thomas Kling, mit dem ihn eine Freundschaft verband.

Der zweite Teil des Bandes versammelt – geographisch geordnet – Rezensionen aus den letzten Jahren. Und dieser zweite Teil verdeutlicht denn auch, warum Winkels Befürchtung, die Gnostiker könnten auf dem Rückzug sein, nicht von der Hand zu weisen ist. Gnostiker sind, so schreibt er, zwei Absätze in der Zeitung […] lang spröde, und mehr als einmal ertappt man sich beim Gedanken: Wenn es denn nur zwei Absätze wären.

Textanalyse muss nicht derart langweilig daherkommen, Literaturkritik – wie auch immer man sie denn nun benennt – muss nicht dröge sein, und durch die Anhäufung verstärkt sich dieser Eindruck. Vielleicht war die Aneinanderreihung keine sonderlich gute Idee, zumal das verbindende Element lediglich in der Herkunft der Autoren zu finden ist.

Es drängt sich der Eindruck auf, dass wir es hier mit Kritik zu tun haben, die lediglich für die happy few, für Germanisten und Komparatisten und für die Kritikerkollegen verfasst wurde. Das ist diskursives Kreisen um sich selbst, unter Abschottung und Verteidigung der Grenzen zum gemeinen Leser.

Wenn man an Literaturkritik aber einen Anspruch als Mittler zwischen Autor und Leser stellen mag, dann wird dieser Anspruch verfehlt.

Anders da Kehlmanns Lob, das den schlichten Untertitel Über Literatur trägt. Auch dies ein Band mit vorab veröffentlichten Rezensionen, Preisreden, Poetikvorlesungen. Und anders als dem in erster Linie Kritiker, in zweiter Erzähler Winkels gelingt dem Erzähler Kehlmann die begeisterte (sowie begeisternde) Vermittlung, wenn auch nicht Literaturkritik. Mag sein, dass der Vergleich beider ungerecht ist, die sprachlichen Mittel von Kehlmann überragen. Aber ein Satz wie Ich möchte aus dieser Kautele, dieser einschränkenden oder auch Tür und Tor öffnenden Vorbemerkung auch gleich eine Eingangsfeststellung destillieren, also einem Satz, der nahezu ausschließlich dazu dient, das in ihm verwendete Fremdwort zu erklären, wird man bei Kehlmann vergebens suchen.

Unbekanntes oder wenig Gängiges findet sich nicht im Band, das unterscheidet ihn dann doch von Winkels, die Auswahlkriterien schienen: berühmt und tot, Nobelpreisträger oder Stephen King gewesen zu sein, darunter tut er es nicht. Einzige Ausnahme und zugleich schönster Text (auch weil in ihm ein Loblied auf P.G. Wodehouse gesungen wird) ist die Laudatio auf Max Goldt, der nicht tot (gottseidank), keinen Nobelpreis hat und auch nicht Stephen King ist.

Kehlmanns Betrachtungen über Shakespeare, Thomas Mann, Kleist, über Bernhards Holzfällen oder über Becketts Prosa zeugen von literarischen Vorlieben, die man vorsichtig mit konservativ beschreiben könnte. Vollends zum Konservatismus tendiert Kehlmann in seiner wütenden Absage auf das Regietheater, gehalten zur Eröffnung der Salzburger Festspiele, in der in Anlehnung an seinen Vater (Regisseur) den Regisseur als Diener des Autors betrachtet.

Trotz allem macht das Lesen Freude. Es steht außer Frage, dass Winkels Kehlmann wohl zu den Emphatikern zählen würde. Die Gnostiker aber täten gut daran, sich sprachlich etwas emphatischer zu geben. Denn keine Frage, die Literaturlandschaft braucht Gnostiker. Allerdings nicht um sich selbst willen. Sie sollten alles daran setzen, sich nicht selbst abzuschaffen.

Hubert Winkels

Kann man Bücher lieben? Über den Umgang mit neuer Literatur.

392 Seiten, gebunden
Euro (D) 24,95 | sFr 35,90 | Euro (A) 25,70

ISBN: 978-3-462-04237-5

Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch

Daniel Kehlmann

Lob. Über Literatur.

Hardcover, 192 S.
18,95 €
ISBN: 978-3-498-03548-8

Erschienen bei Rowohlt

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Ein Gedanke zu “Klassenkampf im Literaturbetrieb. Hubert Winkels „Kann man Bücher lieben?“ und Daniel Kehlmann „Lob. Über Literatur“

  1. Interessanter Vergleich. Ich habe Winkels‘ Grabenziehung bis heute nicht verstanden und finde solche Etiketten wenig erhellend. Seine geschriebenen Kritiken fand ich immer sehr hermetisch (ich habe lange keine mehr gelesen). Man ahnt seine Belesenheit, aber irgendwie traute er sich nie richtig aus seiner „gnostischen“ Deckung – und erzählte lieber ausufernd den Inhalt des Buches.

    Zu Kehlmann: Ich vermute, dieses Buch soll ihn endgültig als Instanz im Betrieb etablieren. Anders ist es nicht zu erklären, warum man sich so mit Thomas Mann oder Kleist beschäftigen soll. Seine Regietheater-Polemik fand ich damals wie heute richtig.

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