Zerbrechliche Kampfmaschine – „Wer ist Hanna“


Hanna (Saoirse Ronan) ist das letzte Überbleibsel eines Experiments, in dem durch Genmanipulation eine Generation Supersoldaten gezüchtet werden sollte. Nach der Beendigung flieht der CIA-Agent Erik (Eric Bana) mit Hanna und ihrer Mutter nach Finnland, in die Nähe von Kuusamo. CIA-Agentin Marissa Wiegler (Cate Blanchett) tötet Hannas Mutter während der Flucht, Erik und das Kind entkommen.

Zu zweit allein im Wald wird Hanna von ihrem Vater, so glaubt sie, ausgebildet im Kämpfen, Jagen und Töten. Alles, was sie von der Außenwelt weiß, erfährt sie aus einem Lexikon, ein Buch mit Grimms Märchen ist das Einzige, was an eine normale Kindheit erinnert. Eines Tages schaltet Hanna das Ortungsgerät ein und die Jagd auf Vater und Tochter beginnt.

Regisseur Joe Wright inszeniert diese – sind wir ehrlich – ziemlich banale Story bildgewaltig und verzichtet dabei auf effektheischende Unterstützung von technischem Schnickschnack.

Dafür gibt es Bilder zu sehen, die – kongenial untermalt vom Chemical-Brother-Sound – beeindrucken, kontrastierend zueinander stehen. Vom verschneiten finnischen Wald führt der Film in ein Betongefängnis in Marokko, aus dem Hanna in bester Actionmanier und unter Zurücklassung etlicher Leichen flieht, über Spanien und Frankreich nach Berlin. Düsterkeit prägt die Aufnahmen.

Der Film findet das richtige Tempo, furiose Kampfszenen wechseln sich mit ruhigen Momenten ab, in denen Wright seine Titelheldin erwachsen werden lässt. Anrührend und komisch zugleich ist es, wenn Hannas lexikalisches Wissen von der Welt auf die Realität trifft und Hanna erfährt, was es mit einem macht, wenn man Freundschaft schließt.

Saoirse Ronan ist eine wunderbare Besetzung für die Rolle der Hanna. Blass und zerbrechlich wirkt sie und trotzdem immer unter Spannung. Zur Kämpferin erzogen, ist sie doch vor allem eins: ein junges Mädchen, das allein und trotz allem Überlebenstraining unvorbereitet ins Erwachsenwerden rast. Cate Blanchett als Gegenpart wirkt wie eine erwachsene Version von Hanna, die alles Menschliche hinter sich gelassen hat. Unvergleichlich ihr grausames Lächeln. Tom Hollander glänzt als schwuler Killer, Martin Wuttke hat einen kurzen, aber einprägsamen Auftritt. Hat man den Eindruck, dass fast alle Rollen ihren perfekten Darsteller haben, wirkt Eric Banas Auftritt austauschbar.

„Wer ist Hanna“ ist eine Mischung aus Spionagethriller, Actionfilm, Coming-of-age-Geschichte und Roadmovie. Und er ist ein Märchen. Märchenhafte Elemente allenthalben. Es beginnt fernab der Zivilisation in einem Märchenwald, das Zuhause eine Holzhütte, die jedem Hexenhaus zur Ehre gereichen würde. Treffpunkt in Berlin ist Wilhelm Grimms Haus, ein Hexenhaus im verrotteten Berliner Plänterwald. Dort findet auch der Showdown statt. Cate Blanchett als Hexe entsteigt einem riesigen Wolfsrachen.

Das Märchenhafte ist es auch, das über die eine oder andere Logiklücke hinwegsehen lässt. Hanna hat noch nie einen Lichtschalter gesehen oder bedient, kann aber kurze Zeit später problemlos im Internet nach Informationen suchen? Geschenkt, das macht den Film nicht schlechter. Überraschend ist er sowieso nicht durch die Geschichte. Überraschend ist die Umsetzung, die über 111 Minuten gehaltene Balance zwischen poetischen, kargen Bildern und Actionspektakel und die „Wer ist Hanna“ zu einem Film macht, der spielend Genregrenzen überschreitet und dabei eine ganz eigene Ästhetik findet.

 

Wer ist Hanna?

Regie: Joe Wright, UK/USA/D 2010, 111 Minuten.

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