Das Rauschen der Diskurse. Wolfgang Frömberg „Spucke“


Dereinst galt »Spex« als führende Musikzeitschrift, deren Themen weit jenseits des Mainstreams lagen. Autoren wie Diedrich Diederichsen machten »Spex« zu einem einflussreichen theoriebildenden und debattenstiftenden Blatt, das untrennbar mit der Entwicklung der Popliteratur verbunden war. 2006 beschloss der Inhaber Alexander Lacher den Umzug des Magazins von Köln nach Berlin, dem sich die gesamte Redaktion widersetzte, die daraufhin entlassen wurde. Wolfgang Frömberg war letzter Literaturredakteur vor dem Umzug. In »Spucke« erzählt er, nur wenig verklausuliert, so wird aus »Spex« (auch Verleger Markus Hablizel schrieb für »Spex«) »Spucke«, aus Wolfgang Frömberg wird Walter Förster, von dieser Zeit. Und dreht dabei noch mal am ganz großen diskursiven Rad.

Die eigentliche Handlung ist schnell erzählt. Journalist in finanziellen Dauerschwierigkeiten, pendelt zwischen diversen Lokalitäten. Wir erfahren von seiner Tochter, von zahlreichen Wohnungen, in denen er lebte, von einem London-Aufenthalt und von seinem Vater. Das alles wird in Rückblenden und Einsprengseln in anekdotischer Form erzählt.

Eigentlich aber ist »Spucke« eine Reflexion und Abrechnung einer Ära, die mit Sigmar Gabriels Ernennung zum »Popbeauftragten der Bundesregierung« ihr Ende fand. Meta-Ebene folgt auf Meta-Ebene, die Diskurse rauschen. Es geht um die Nation, um Blumfeld, um das Aufgreifen von Pop durch den herrschenden Diskurs, es geht ums große Ganze, um das, was mal war, was ist und wie es hätte werden können. Lacan trifft auf Bret Easton Ellis und Marcel Bayer auf Lou Grant. »Spucke« ist ein blitzgescheiter Roman, dessen ständige Gedankenwirbel den Leser fordern. Walter Förster versucht im Laufe des Romans immer wieder, Roland Barthes »Lust am Text« zu lesen, aber ständig hält ihn etwas davon ab. Der Aufsatz von Barthes trifft im Kern die Aussage, dass sich der Leser dem Text vollständig hingeben muss. Hingeben muss man sich auch »Spucke«. Man wird es nicht bereuen.

Wolfgang Frömberg
Spucke
Roman
Hablizel Verlag
ISBN 978-3-941978-00-3
224 Seiten
14,90 EUR
28,00 CHF

Erschienen bei Hablizel

Leseprobe

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