Annäherung durch Verzicht auf Authentizität – Maxi Obexers Flüchtlingsroman „Wenn gefährliche Hunde lachen


Obexer erzählt die Geschichte von Helen, einer 20-Jährigen, die sich von Lagos aus durch die Sahara nach Tanger durchschlägt, dort auf ein Boot nach Europa wartet. Nach der Ankunft in Spanien entgeht sie der drohenden Abschiebung durch erneute Flucht nach Deutschland. Dort angekommen wartet sie auf den Bescheid über Abschiebung oder Bleiberecht. Den Weg nach Deutschland rekonstruiert die Autorin anhand der Berichte zahlreicher Flüchtlinge, bei der Recherche stand ihr die Organisation „Woman in Exile“ zur Seite. Detailliert, fast dokumentarisch wird der Weg durch die Wüste beschrieben, die Gefahren durch Schlepper, die den Flüchtlingen alles abnehmen, was sie besitzen. Wer nicht immer wieder zahlt, wird zurückgelassen, verdurstet und verhungert. Frauen, auch Helen, müssen sich prostituieren, um zu überleben, im Laufe der Zeit verliert die Protagonistin jegliches Vertrauen in andere. Das Europa, das die Flüchtlinge erreichen, ist nicht das erhoffte Europa, statt Freiheit wartet wieder das Gefängnis in Form von Abschiebelagern auf sie. Helen erreicht das Gelobte Land als gebrochener Mensch, ihre Zukunft ist ungewiss.

Es gibt Romane, die man sich selbst nicht zur Lektüre ausgesucht hätte. Obexers Roman ist einer dieser. Die Nachrichten von den Tragödien, die sich Tag für Tag im Mittelmeer und auf dem Atlantik abspielen, die Bilder der Auffanglager auf Lampedusa oder in Spanien bieten genügend Stoff für schlechte Bücher, für Betroffenheitskitsch, für einen politisch korrekten, aber hölzernen Plot. Ein Stoff, der in der Reportage besser aufgehoben scheint als im Roman.

Nun kam der Roman aber doch auf den Tisch des Rezensenten. Zum Glück, denn „Wenn gefährliche Hunde lachen“ ist ein gutes Buch.

Der Roman ist eine Konstruktion aus dem Erlebten – wiedergegeben durch Dialoge und Beschreibungen – , Rückblenden und Vorstellungen von der Zukunft. Eingestreut sind Helens Briefe an ihre Familie. Die Briefe stehen im Kontrast zum tatsächlich Erlebten, sie berichtet darin, wie es hätte sein können und verschweigt oder beschönigt die Realität. Allein in Briefen an ihre Schwester wird sie offen, benutzt aber den Deckmantel einer „Freundin“, der das widerfahren ist, was ihr widerfuhr. Jeder dieser Briefe an die Schwester endet mit einem Sag ihnen, es geht mir gut.

Dieses Wechselspiel zwischen Realität und Phantasie, zwischen Erzählung und Brief, lässt den Roman an keiner Stelle ins seichte Wasser eines gut gemeinten, aber eben nicht gutgemachten Textes abgleiten.

Entscheidender für die Wirkung ist aber ein anderer Aspekt. Eine weiße Europäerin schreibt einen Roman über das Schicksal einer schwarzen Afrikanerin. Wie versetzt man sich und den Leser in die Sprach- und Gedankenwelt einer Nigerianerin, wie versucht man, Authentizität herzustellen? Wie umgeht man die Gefahr, dabei in die Kolportage, in Stereotypen zu verfallen?

Obexer greift dabei auf ein probates Mittel zurück. Sie versucht gar nicht erst, Helens Sprache und Gedanken einen Anflug von „Exotik“, von Fremdheit zu verleihen, ihre Protagonistin „afrikanisch“ – was immer dies auch bedeuten mag – erscheinen zu lassen. Die Figur der Helen ist durch und durch (mittel-)europäisch. Ihre Sprache ist die einer Frau, die in Detmold, Wien oder wie die Autorin in Brixen aufgewachsen sein könnte. Niemals hat man das Gefühl, explizit das Schicksal einer Afrikanerin zu verfolgen. Durch diesen Kunstgriff rückt Obexer die Thematik an das „Wir“. Helen ist nicht „Die“, namen- und gesichtslos, deren Flucht und Sterben man in Europa als Zeitungsmeldung wahrnimmt und schnell wieder vergisst und für deren Schicksal man sich eben doch nur am Rande interessiert. Schlimm, sicher, aber irgendwie auch weit weg. Durch die europäische Sprachperspektive macht es die Autorin dem Leser schwerer, sich auf Distanz zu halten. Annäherung durch Verfremdung, durch Verzicht auf eine vermeintliche Authentizität, die sowieso nicht gelingen kann – darin liegt die Stärke dieses Romans.

Maxi Obexer

Wenn gefährliche Hunde lachen

Roman

Transfer Bibliothek CV
Gebunden mit Schutzumschlag
168 S., 13,5 x 21 cm

ISBN 978-3-85256-555-2

€ [D/A] 22,90 / € [I] 21,70 / sFr 34,90

Erschienen bei folio

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