Die Nullerjahre als Fotobuch. Rainald Goetz „elfter september 2010“


Man kann in den Band elfter september 2010 ganz viel reingeheimnissen, man kann, wie Volker Weidemann in der FAZ, zum Schluss kommen, dass Goetz seinen Verlag gebeten [hat], einen schönen blauen Umschlag um das Fotoalbum mit den Bildern seiner Freunde zu binden. Eine etwas intensivere Betrachtung lohnt dann aber doch.

Chronologisch geordnet und in 3 Kapitel unterteilt, liefert Goetz seine Betrachtung des vergangenen Jahrzehnts, der Nullerjahre, ab. Erzählen in Bildform ist nicht ganz neu bei Goetz, bereits im 1999 erschienenen, von Christian Kracht herausgegebenen Band Mesopotamia. Ernste Geschichte am Ende des Jahrtausends hat Goetz eine Fotoerzählung unter dem Titel Samstag, 5. Juni 1999. Hotel Europa beigesteuert, in der sich Motive und Personen finden, denen man im vorliegenden Band wieder begegnet.

Vordergründig ist es vor allem eine Schau der Kulturschickeria. Viele Bilder zeigen bekannte Gesichter. Christian Krachts Anzüge sitzen immer perfekt, Volker Panzer mit Monokel (und Bierflasche im Bücherregal), Diedrich Diederichsen trinkt Kaffee, DJ Hell bei der Arbeit, Westbam mit Buch, wichtigste Accessoires sind Weingläser oder Bierflaschen (immer die elegante Beck’s-Flasche, niemals eine ordinäre braune Halbliterpulle). Viele der Gezeigten werden in den Bildunterschriften namentlich nicht genannt, (Er-)Kennen wird vorausgesetzt. Fixpunkt des Goetz’schen Kosmos ist Berlin, Berlin Mitte; das Gros der Aufnahmen ist in Berlin entstanden. So ist es denn auch ein Berlin-Mitte-Buch geworden, Spiegelung einer Stadt in der Stadt,  eines Soziotops, in dem sich, nimmt man die Bilder als Maßstab, junge Menschen, Schriftsteller, Intellektuelle, Medienmenschen und Künstler tummeln. Im Klappentext heißt es, in den Gesichtern wütet die Zeit. Das Wüten kann so dramatisch nicht gewesen sein, zu attraktiv erscheinen die Gesichter. Dafür fällt etwas anderes auf. Gesichter und Menschen haben sich im Lauf der Nullerjahre nicht verändert. Auf dem zweiten Bild des Bandes (Seite 11), das 2000 entstanden sein dürfte, blickt der Betrachter auf zwei junge Frauen, sich umarmend, „Die Nullerjahre als Fotobuch. Rainald Goetz „elfter september 2010““ weiterlesen

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Füttert Suchmaschine mit Akkuplotter und ihr kriegt kurzfristige Arbeitsplätze


Wenn man Suchmaschine mit Akkuplotter füttert, dann hat das zwar gar nichts mit kurfristigen Arbeitsplätzen zu tun, auch nicht mit cebit highlights 2011 oder der wm2010 gruppenübersicht. Das macht aber nichts, mit all diesen Top-Keywordkombinationen kann man richtig schon vormachen, wie supi ein Portal suchmaschinenoptimiert ist und wie toll man mit seinen Beiträgen dort rankt. Warum nur muss ich grad an die mittlerweile legendären Farbmischmaschinen denken?

Links des Tages 03.02.2011


Die Faz über die langweiligen Frühjahrsprogramme der Verlage und für die Konsequenzen aus dem Urteil zur Übersetzervergütung;

Literaturcafe über das elende Dasein von Content-Autoren;

nochmal die FAZ über das Versagen von ARD und ZDF bei der Berichterstattung aus Ägypten;

jetzt.de über den Kartellboss Joaquín Guzmán Loera (und an dieser Stelle nochmal der Hinweis auf den grandiosen Roman „Tage der Toten“ (Suhrkamp) von Don Winslow, der den mexikanischen Drogenkrieg und dessen Ursachen schildert);

Deutschlandradio Kultur über Dietz Berings „Die Epoche der Intellektuellen. 1898-2001“;

Peer Steinbrück entpuppt sich auf den Seiten des Tagesspiegel als profunder Comic-Kenner und

der Platzwart im Roten Blog über das Duell Hannover96 gegen die Radkappen und die beiden vom Rauswurf bedrohten Trainer.

 

 

 

Glücksfall für das Genre. Hilary Mantels historischer Roman „Wölfe“


Der historische Roman als Genre ist ein Tummelplatz von Belanglosigkeiten, Dutzendware nach Schema F verfasst; ein Genre, in dem Huren wandern und die Feuerbraut feuert, in dem es  von tugendhaften, emanzipierten Jungfrauen und heldenhaften Jungmännern wimmelt, platte Charaktere und wieder aufgewärmte und kopierte Plots – kurz: Es ist ein Genre des Grauens; und da sind die meist scheußlichen Cover nicht mal einbezogen.

Selten, sehr selten findet sich in diesem Brei etwas wirklich Lesenswertes.

Hilary Mantels „Wölfe“ ist einer dieser seltenen Romane, der sich nicht um die selbst abgesteckten ästhetischen Grenzen und vorgefertigten Plotfade des Genres kümmert.

In dem 2009 mit dem Booker Prize – wichtigster Literaturpreis Großbritanniens – ausgezeichneten Roman wirft Mantel ein neues Licht auf die Figur Thomas Cromwell.

In der englischen Geschichtsschreibung und den darauf basierenden literarischen und filmischen Umsetzungen, zuletzt in der – sehenswerten – Serie „Die Tudors“, ist Thomas Cromwell die Verkörperung des skrupellosen, intriganten, eiskalten Machtmenschen, unter dessen Federführung die katholische Kirche in England durch die Suprematsakte zerschlagen wurde, die Klöster enteignet und zerstört wurden. Er war treibende Kraft bei der Durchsetzung der Suprematsakte, durch die Heinrich VIII. Oberhaupt der anglikanischen Kirche werden konnte, Grundlage für die Scheidung von Katharina von Aragon und die Hochzeit mit Anne Boleyn.

Als Nachfolger von Lordkanzler Thomas More fällt in seine Amtszeit die Verurteilung und Hinrichtung Thomas Mores, des Autors von „Utopia“, die Cromwells und Mores Bild für die Nachwelt prägten. More, der den Eid verweigerte, der ihn verpflichtet hätte, die Scheidung Heinrichs und die Legitimität der Nachkommen aus der Ehe mit Anne Boleyn anzuerkennen, ging in die Geschichte als aufrechter Märtyrer ein, wird heiliggesprochen, vergessend, dass er sich während seiner Amtszeit durchaus Mitteln wie Folter und Hinrichtungen bediente, um das Ausbreiten der Reformation in England zu verhindern. Cromwell hingegen galt seinen Zeitgenossen als der Sendbote des Teufels, ein Bild, für dessen Überlieferung zeitgenössische Geschichtsschreiber sorgten.

„Wölfe“ – im Original „Wolf Hall“, hervorragend übersetzt von Christiane Trabant – wagt sich an die Zerstörung des überlieferten Bildes, deutet fast radikal – aber nachvollziehbar – um.

Im ersten Kapitel begegnen wir dem sehr jungen Cromwell, der von seinem Vater, einem Bierbrauer, brutal verprügelt wird, von zu Hause wegläuft, ein Schiff besteigt und England verlässt. Seine niedere Herkunft unterscheidet Cromwell von anderen Höflingen Heinrich VIII., als „Emporkömmling“ fügt er sich nur schwer in die höfischen Gegebenheiten ein. Immer wieder wird er von Selbstzweifeln geplagt, die er nach außen verstecken muss. Nach der Rückkehr nach England wird Cromwell erfolgreicher Advokat.

Der eigentliche Erzählstrang setzt 1527 ein, Cromwell ist seit einigen Jahren Sekretär von Lordkanzler Wolsey. Sein Aufstieg beginnt mit dem Fall Wolseys – Heinrich wirft ihm vor, durch sein Tun die Erlaubnis des Papstes zur Scheidung mit Katharina zu verhindern – 1529, Cromwell wird zum großen Gegenspieler Mores.

Bei Hilary Mantel aber entpuppt sich Thomas More als selbstgerechter, „Glücksfall für das Genre. Hilary Mantels historischer Roman „Wölfe““ weiterlesen

Links des Tages 01.02.2011


Die NZZ über das Intime in der Literatur;

Wolfgang Herrndorf in der FAZ darüber, dass Literatur kundenfreundlicher ist als Malerei;

Iris Radisch in der Zeit über die Schwierigkeiten, die das „Monster“ Celine immer noch bereitet;

Druckfrisch vom letzten Sonntag zum Ansehen (unter „Videos“);

Thomas Hummitzsch auf Glanz & Elend über über Esther Kinskys „Banatsko“ und über die Auszeichnungen beim Comicfestival in Angoulême und

Irrlichterkette mit 15 Tipps für Blogger mit normalem Ego.