Düsteres Vergnügen. Marco Dzebro „Dorian. Ein Scheitern in Postkarten“


Nach dem Briefroman und dem E-Mail-Roman jetzt also der Postkartenroman. Marco Dzebro legt mit „Dorian. Ein Scheitern in Postkarten“ seinen ersten Roman vor.

Dorian berichtet in Postkarten über den Zeitraum von einem Jahr aus New York.

Jede Karte beginnt mit den Worten Meine Stadt ist …, gefolgt von Vergleichen, die tief aus der Kiste geholt sind, auf deren Schild Lebensfreude durchgestrichen ist.

Da kommt schnell der Verdacht auf, dass es sich der Autor da recht einfach gemacht hat.

Und tatsächlich wird der Leser diesen Verdacht zu Beginn der Lektüre nicht los.

Meine Stadt ist ein Gedicht namens Hass, lautet der erste Satz. In dieser Tonalität geht es weiter. Wenn es Untertitel und Klappentext nicht bereits verraten würden, man käme ziemlich schnell darauf, dass die Postkarten vom Scheitern und von Verlorensein berichten.

Meine Stadt ist deine Adoptivtochter, die beim Duschen jedes Mal vergisst, die Tür zu schließen, bevor sie sich wie eine billige Schlampe schminkt, um mit ihren Freundinnen in der Disco an abgestandenem Bier und abgestandenen Typen zu lutschen.

Kein Lichtblick, nur Verkommenheit, ausgebreitet auf rund 170 Seiten, in kurzen Absätzen, Meine Stadt ist … Das nervt, so meint der Leser und will das Buch weglegen. Eine Seite noch. Und etliche Seiten später stellt er fest, dass er das Buch immer noch in der Hand hält. Denn von Seite zu Seite verfällt er dem Sprachrhythmus, der stärker und stärker zum Tragen kommt, der eine Sogwirkung entfaltet. Und das ist konsequent, ist es doch der Sog der anonymen Stadt, der Dorian verschlingt, am Ende ist er verschwunden.

New York wird zur austauschbaren Oberfläche, die Karten könnten ebenso aus London, Paris, Berlin oder Tokio stammen. Die Großstadt als Gebilde, in der der Einzelne verschwindet, untergeht.

Dorian ist ein sehr eigenwilliger Roman, vielleicht ist es auch gar kein Roman. Es ist eine Sammlung von Miniaturen, die böse und traurig sind, voller gewaltvoller, makabrer Sprachbilder.

Meine Stadt ist die von allen begeistert aufgenommen Fleischbrockensuppe des Cateringauftrags, zu dessen Gelingen das Hochzeitspaar, welches seit mehreren Stunden nicht mehr gesehen wurde, einen großen Teil beigetragen hat.

Und aus dem anfänglichen Verdacht ist ein düsteres Vergnügen geworden.

Marco Dzebro
Dorian
Ein Scheitern in Postkarten
Taschenbuch, 176 Seiten
12,90 € [D], 13,30 € [A], 23,90 CHF (Schweiz: unverb. Preisempfehlung)
ISBN: 978-3-941639-04-1

Erschienen bei Asphalt & Anders

Leseprobe

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