Nachgereichtes Debüt einer großen Erzählerin. Alice Munro „Tanz der seligen Geister“


„Ich finde, ich brauche ein Büro“, verkündet die namenlose Ich-Erzählerin ihrer Familie. Ein Büro als Ort zum Schreiben, denn, so das Eingeständnis, „ich bin Schriftstellerin“, geplagt noch von Zweifeln, aber selbstsicher genug, um einen Büroraum in einem Einkaufszentrum anzumieten. Schnell stellt sich die Schattenseite des vermeintlichen Ruheorts heraus: der Vermieter Malloy. Aufdringlich, zuerst gar nicht bösartig, eher lästig verehrt er der Mieterin Zimmerpflanzen, Teekessel und andere Dinge, die sie nicht benötigt, die sie nicht haben möchte. Von der Ich-Erzählerin abgewiesen – nicht körperlich, diesbezüglich gibt es keine Annäherungsversuche – wird Malloy misstrauischer. Er schnüffelt im Büro, er setzt Gerüchte über seine Mieterin in die Welt, er zeiht sie der Beschmierung der Toilette. Die Erzählerin zieht aus. Der Rahmen der Erzählung „Das Büro“, einer von 15 in diesem Band versammelten, ist damit abgesteckt. In diesem Rahmen aber befindet sich die Selbstaufwertung eines (weiblichen)Schriftsteller-Ichs, die Emanzipation, das vorerst Scheiternde, das aber nur vorübergehend ist, so deutet es sich an. Ich weiß nicht, inwieweit die Erzählung autobiographisch geprägt ist, aber an dieser Stelle erlebt der Leser auch die ersten Schritte der Kanadierin Alice Munro in der Welt der Literatur. Es sind große Schritte, beeindruckend wirken die Erzählungen trotz geringem Umfangs und den vordergründig wenig dramatischen Plots. „Tanz der seligen Geister“ erschien 1968 als Debüt Alice Munros, eine bedeutendsten Autoren Kanadas, und ist jetzt erstmal in der Übersetzung von Heidi Zernig auf Deutsch zugänglich. Ein Debüt, dass bereits viel von der großen Kunstfertigkeit Munros besitzt, deren Erzähltechnik auf die große Geste, das Überladene, das Sentimentale verzichtet. Der Stoff findet sich im Leben in der Provinz, abseits der großen Themen, im kleinen Leben, in den Alltäglichkeiten, immer wieder im Scheitern. „Tanz der Geister“ ist aber auch eine Sammlung von Erzählungen, die Reifeprozesse zum übergeordneten Thema haben, das Verstehen, das Lernen. Die Protagonisten sind überwiegend jung und auf der Suche nach ihrem Stand in der Welt, einer Welt, die vom Mief der Fünfziger- und frühen Sechzigerjahre geprägt ist. Distanziert betrachtet Alice Munro die Welt und doch führt diese Distanzierung nicht zu einer Distanzierung durch den Leser. Der wird herein gezogen in den Sog von Munros Erzählungen, die trotz des mittlerweile beachtlichen Alters von einer Frische sind, die eben wahre Literatur auszeichnet. Und so bleibt ein nachgereichtes literarisches Debüt, das vollkommen ohne Patina erkennen lässt, welch große Erzählerin Alice Munro bereits in jungen Jahren war.

Alice Munro

Tanz der seligen Geister

Fünfzehn Erzählungen
Aus dem Englischen von Heidi Zerning
Deutsche Erstausgabe
Originaltitel: Dance of the Happy Shades
384 Seiten. Leinen mit Leseband
€ [D] 23.90 / € [A] 24.60 /
SFr. 39.90 (UVP)
ISBN 9783908777557

Erschienen bei Dörlemann.

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