Büchertipps für untern Weihnachtsbaum 3


Böse: „Äh … was machst du da eigentlich? The essential David Shrigley“

David Shrigleys Zeichnungen und Fotografien sind tiefschwarzhumorig, teils unglaublich komisch, teils grausam und mitunter auch unglaublich grausam-komisch. Aus den Bildern und Worten des schottischen Künstlers spricht eine Weltsicht, die sämtlichen Unbilden mit Fatalismus begegnet. Aber wenn man die Welt schon nicht ändern kann, dann kann man ihr wenigstens den Spiegel vorhalten – eigentlich weniger den Spiegel vorhalten, eher den ausgestreckten Finger. Und was die Welt – und wir auch – da zu sehen bekommt, ist wenig schmeichelhaft, immer böse, immer komisch, nachdenklich machend, absurd, tiefgründig. „Bloody Swans“, Figuren, denen alles am „Arsch vorbei“ geht, „Zertritt die Eier, bevor sie schlüpfen“. Mit wenigen Worten liefert Shrigley präzise Pointen zu seinen Zeichnungen, die sich gängigem Gefallen entziehen, wie Gekritzel wirken sie oft.

Erwähnte ich eigentlich bereits, dass es ein wahnsinnig komisches Buch ist, bei dem einem das Lachen aber von Zeit zu Zeit im Halse stecken bleibt? Dann jetzt: Äh … was machst du da eigentlich?“ ist ein wahnsinnig komisches Buch, bei dem einem das Lachen aber von Zeit zu Zeit im Halse stecken bleibt!

Oder, um den Klappentexte, von Shrigley selbst verfasst, zu zitieren: Dies ist ein wirklich gutes und sehr interessantes Buch. Bitte kaufen Sie es. Danke sehr.

Erschienen bei Eichborn.

Melancholisch: Jochen Schmidt „Weltall. Erde. Mensch.“

Jochen Schmidt ist ein Zweifelnder, der sich mit den alltäglichen Absurditäten auseinandersetzt, mit dem stetigen Kampf, darüber nicht zu verzweifeln. Jochen Schmidt ist ein guter Autor, und so vermag er es, seinen täglichen Kampf in Texte zu kleiden, die warmherzig, humorvoll und melancholisch sind. „Weltall. Erde. Mensch“ versammelt Lesebühnentexte, Zeitungsartikel, Comics und Bildergeschichten aus den letzten Jahren. Kleine Kunstwerke, die sich mit seinen Todesängsten auseinandersetzen, das Fußballgucken mit Freunden beschreiben oder eine (fiktive) Unterhaltung zwischen Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow und seiner Mutter wiedergeben – „Dirk, warum lasst ihr eigentlich nur Jungs in eurer Band mitspielen? Oder findet ihr keine Mädchen, die Lust haben? Soll ich die Heike mal fragen, das ist die Tochter von meiner Fußpflegerin, die singt im Kirchenchor.“

Und die ideale Gutenachtgeschichte schreibt er auch gleich noch ins Buch rein, ideal, weil so langweilig, dass man garantiert einschläft.

Ein erstklassiges Lesevergnügen, und wie bei allen Büchern von Voland & Quist liegt dem Buch eine CD bei, auf der Jochen Schmidt einige Texte vorträgt.

Erschienen bei Voland & Quist

Klug: Alexander Osang „Im nächsten Leben. Reportagen und Portraits“

Die zumeist im Spiegel erstmals erschienenen Reportagen des vielfach ausgezeichneten Journalisten und Romanautors Alexander Osang erzählen alle vom Neubeginn, vom Wechsel, von zweiten Chancen. Sie berichten von dem Mädchen aus Thüringen, dass in den USA zur Pornodarstellerin wurde und die, aufgrund einer Zystenentfernung, kurzfristig einen Dreh absagen musste. Bei diesem Dreh steckte der männliche Darsteller ihren Ersatz mit HIV an, mit dem Virus hatte er sich kurz zuvor in Brasilien angesteckt.

Angela Merkels zögerlicher Weg in die Politik, der 1989 begann, wird nachgezeichnet; deutsche Rentner auf der vergeblichen Suche nach Glück in Thailand portraitiert. Die Reportagen sind schnörkellos, prägnant, nie vorführend und doch auch bewertend. Osang benutzt Sprache gekonnt, um mit wenigen Sätzen Charakterstudien zu entwerfen, die entwaffnend treffend sind. Der Spannungsbogen der einzelnen Texte ist präzise konstruiert, Journalismus klassischer Schule.

„Im nächsten Leben“ zeugt davon, dass der inflationär verwendete Begriff „Qualitätsjournalismus“ nicht nur Floskel sein kann. Leider viel zu selten.

Erschienen im Ch. Links Verlag.

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Ein Gedanke zu “Büchertipps für untern Weihnachtsbaum 3

  1. Schöne Büchertipps! Ich kann jedem nur empfehlen, auch zu Jochen Schmidt Lesungen zu gehen – sie sind ein Erlebnis. Im Berliner Roten Salon verteilte er , ganz der rührende Gastgeber 😉 Gummibärchen und reichte ein Gästebuch rum (auch eine Form des Crowdsourcings) und natürlich ist er einfach extrem unterhaltsam. Mein absoluter Favorit ist die „Lesung“ des Tocotronic-Texts, der – natürlich – gesungen wird…

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