Appell für WikiLeaks


Gemeinsam haben heute Der Freitag, die tageszeitung, die Frankfurter Rundschau, Perlentaucher.de, European Center For Constitutional Rights (ECCHR), Der Tagesspiegel und die Berliner Zeitung einen Appell zum Stopp der Angriffe auf WikiLeaks veröffentlicht.

Der Appell beginnt mitArtikel 19 der Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten  Nationen

„Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.“

Jeder kann diesen Appell auf einer der Seiten der Initiatoren mitzeichnen, ich habe dies auf den Seiten der taz getan.

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Nachgereichtes Debüt einer großen Erzählerin. Alice Munro „Tanz der seligen Geister“


„Ich finde, ich brauche ein Büro“, verkündet die namenlose Ich-Erzählerin ihrer Familie. Ein Büro als Ort zum Schreiben, denn, so das Eingeständnis, „ich bin Schriftstellerin“, geplagt noch von Zweifeln, aber selbstsicher genug, um einen Büroraum in einem Einkaufszentrum anzumieten. Schnell stellt sich die Schattenseite des vermeintlichen Ruheorts heraus: der Vermieter Malloy. Aufdringlich, zuerst gar nicht bösartig, eher lästig verehrt er der Mieterin Zimmerpflanzen, Teekessel und andere Dinge, die sie nicht benötigt, die sie nicht haben möchte. Von der Ich-Erzählerin abgewiesen – nicht körperlich, diesbezüglich gibt es keine Annäherungsversuche – wird Malloy misstrauischer. Er schnüffelt im Büro, er setzt Gerüchte über seine Mieterin in die Welt, er zeiht sie der Beschmierung der Toilette. Die Erzählerin zieht aus. Der Rahmen der Erzählung „Das Büro“, einer von 15 in diesem Band versammelten, ist damit abgesteckt. In diesem Rahmen aber befindet sich die Selbstaufwertung eines (weiblichen)Schriftsteller-Ichs, die Emanzipation, das vorerst Scheiternde, das aber nur vorübergehend ist, so deutet es sich an. Ich weiß nicht, inwieweit die Erzählung autobiographisch geprägt ist, aber an dieser Stelle erlebt der Leser auch die ersten Schritte der Kanadierin Alice Munro in der Welt der Literatur. Es sind große Schritte, beeindruckend wirken die Erzählungen trotz geringem Umfangs und den vordergründig wenig dramatischen Plots. „Tanz der seligen Geister“ erschien 1968 als Debüt Alice Munros, eine bedeutendsten Autoren Kanadas, und ist jetzt erstmal in der Übersetzung von Heidi Zernig auf Deutsch zugänglich. Ein Debüt, dass bereits viel von der großen Kunstfertigkeit Munros besitzt, deren Erzähltechnik auf die große Geste, das Überladene, das Sentimentale verzichtet. Der Stoff findet sich im Leben in der Provinz, abseits der großen Themen, im kleinen Leben, in den Alltäglichkeiten, immer wieder im Scheitern. „Tanz der Geister“ ist aber auch eine Sammlung von Erzählungen, die Reifeprozesse zum übergeordneten Thema haben, das Verstehen, das Lernen. Die Protagonisten sind überwiegend jung und auf der Suche nach ihrem Stand in der Welt, einer Welt, die vom Mief der Fünfziger- und frühen Sechzigerjahre geprägt ist. Distanziert betrachtet Alice Munro die Welt und doch führt diese Distanzierung nicht zu einer Distanzierung durch den Leser. Der wird herein gezogen in den Sog von Munros Erzählungen, die trotz des mittlerweile beachtlichen Alters von einer Frische sind, die eben wahre Literatur auszeichnet. Und so bleibt ein nachgereichtes literarisches Debüt, das vollkommen ohne Patina erkennen lässt, welch große Erzählerin Alice Munro bereits in jungen Jahren war.

Alice Munro

Tanz der seligen Geister

Fünfzehn Erzählungen
Aus dem Englischen von Heidi Zerning
Deutsche Erstausgabe
Originaltitel: Dance of the Happy Shades
384 Seiten. Leinen mit Leseband
€ [D] 23.90 / € [A] 24.60 /
SFr. 39.90 (UVP)
ISBN 9783908777557

Erschienen bei Dörlemann.

Vergängliches Idyll. Francis Wyndham „Der andere Garten“


Englische Provinz, Dreißigerjahre des letzten Jahrhunderts. Weit weg von der großen Welt und ihren Wirrnissen befindet sich der geometrische Garten, den der Vater des Ich-Erzählers angelegt hat und in den er sich zurückzog. Eines Tages lernt der Erzähler, 13 Jahre alt, Kay kennen. Kay ist Mitte zwanzig, nicht im klassischen Sinn schön, aber erotisch, unangepasst – verheißungsvoll. Zwischen Kay und dem Erzähler entwickelt sich eine ganz eigene Beziehung, die beider Leben prägen wird; Leben, an dem einer der beiden scheitern wird. Kay wird der Bezugspunkt des Erzählers, er begleitet sie, und er wird, obwohl deutlich jünger, zunehmend zum Beschützer, fast zur Vaterfigur.

Es ist ein leichter Roman, der von der Abgeschiedenheit der ländlichen Idylle zehrt, voller liebenswert gezeichneter Figuren. Und doch schwingt etwas Vergängliches über allem, eine Ahnung vom Ende einer Epoche, die im Zweiten Weltkrieg untergehen wird, der die Provinz nicht direkt erreicht, dessen Nachwirkungen aber alles verändern. Er geht unter, der Idealzustand eines ereignisarmen Lebens, geprägt von Klatsch und vorsichtigen Amouren, der Zustand von Tagen, deren Verlauf bereits am Morgen feststeht und in denen man doch glücklich sein kann. Auch der andere Garten steht symbolisch für diese Vergänglichkeit, bereits zum Zeitpunkt der Erzählung erscheint er aus der Mode.

Kay passt nicht in diese Welt. Ihre Persönlichkeit schwankt permanent zwischen Schutzbedürftigkeit und Aufbegehren, eine Figur, die nicht auf Sparflamme brennt und die umso mehr an den Konventionen zu brechen droht. Der andere Garten wird zu einem Ort, an dem sie frei ist und an dem sie Ruhe findet. Später werden sich Kay und der Erzähler immer wieder aus den Augen verlieren und doch aneinander gebunden bleiben.

Es ist ein Roman vom Erwachsenwerden, durch Kay wächst der Erzähler zu einem Mann heran, bereit, ins Leben zu treten. Francis Wyndham schildert dies alles mit einer Leichtigkeit, die selten so zu finden ist.

„Der andere Garten“ ist ein wunderbarer kleiner Roman.

Francis Wyndham

„Der andere Garten“

Aus dem Englischen von Andrea Ott
Deutsche Erstausgabe
Originaltitel: The Other Garden
192 Seiten. Gebunden mit Leseband
€ [D] 18.90 / € [A] 19.50 /
SFr. 28.90 (UVP)
ISBN 9783908777571

Erschienen bei Dörlemann.

Büchertipps für untern Weihnachtsbaum 3


Böse: „Äh … was machst du da eigentlich? The essential David Shrigley“

David Shrigleys Zeichnungen und Fotografien sind tiefschwarzhumorig, teils unglaublich komisch, teils grausam und mitunter auch unglaublich grausam-komisch. Aus den Bildern und Worten des schottischen Künstlers spricht eine Weltsicht, die sämtlichen Unbilden mit Fatalismus begegnet. Aber wenn man die Welt schon nicht ändern kann, dann kann man ihr wenigstens den Spiegel vorhalten – eigentlich weniger den Spiegel vorhalten, eher den ausgestreckten Finger. Und was die Welt – und wir auch – da zu sehen bekommt, ist wenig schmeichelhaft, immer böse, immer komisch, nachdenklich machend, absurd, tiefgründig. „Bloody Swans“, Figuren, denen alles am „Arsch vorbei“ geht, „Zertritt die Eier, bevor sie schlüpfen“. Mit wenigen Worten liefert Shrigley präzise Pointen zu seinen Zeichnungen, die sich gängigem Gefallen entziehen, wie Gekritzel wirken sie oft.

Erwähnte ich eigentlich bereits, dass es ein wahnsinnig komisches Buch ist, bei dem einem das Lachen aber von Zeit zu Zeit im Halse stecken bleibt? Dann jetzt: Äh … was machst du da eigentlich?“ ist ein wahnsinnig komisches Buch, bei dem einem das Lachen aber von Zeit zu Zeit im Halse stecken bleibt!

Oder, um den Klappentexte, von Shrigley selbst verfasst, zu zitieren: Dies ist ein wirklich gutes und sehr interessantes Buch. Bitte kaufen Sie es. Danke sehr.

Erschienen bei Eichborn.

Melancholisch: Jochen Schmidt „Weltall. Erde. Mensch.“

Jochen Schmidt ist ein Zweifelnder, der sich mit den alltäglichen Absurditäten auseinandersetzt, mit dem stetigen Kampf, darüber nicht zu verzweifeln. Jochen Schmidt ist ein guter Autor, und so vermag er es, seinen täglichen Kampf in Texte zu kleiden, die warmherzig, humorvoll und melancholisch sind. „Weltall. Erde. Mensch“ versammelt Lesebühnentexte, Zeitungsartikel, Comics und Bildergeschichten aus den letzten Jahren. Kleine Kunstwerke, die sich mit seinen Todesängsten auseinandersetzen, das Fußballgucken mit Freunden beschreiben oder eine (fiktive) Unterhaltung zwischen Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow und seiner Mutter wiedergeben – „Dirk, warum lasst ihr eigentlich nur Jungs in eurer Band mitspielen? Oder findet ihr keine Mädchen, die Lust haben? Soll ich die Heike mal fragen, das ist die Tochter von meiner Fußpflegerin, die singt im Kirchenchor.“

Und die ideale Gutenachtgeschichte schreibt er auch gleich noch ins Buch rein, ideal, weil so langweilig, dass man garantiert einschläft.

Ein erstklassiges Lesevergnügen, und wie bei allen Büchern von Voland & Quist liegt dem Buch eine CD bei, auf der Jochen Schmidt einige Texte vorträgt.

Erschienen bei Voland & Quist

Klug: Alexander Osang „Im nächsten Leben. Reportagen und Portraits“

Die zumeist im Spiegel erstmals erschienenen Reportagen des vielfach ausgezeichneten Journalisten und Romanautors Alexander Osang erzählen alle vom Neubeginn, vom Wechsel, von zweiten Chancen. Sie berichten von dem Mädchen aus Thüringen, dass in den USA zur Pornodarstellerin wurde und die, aufgrund einer Zystenentfernung, kurzfristig einen Dreh absagen musste. Bei diesem Dreh steckte der männliche Darsteller ihren Ersatz mit HIV an, mit dem Virus hatte er sich kurz zuvor in Brasilien angesteckt.

Angela Merkels zögerlicher Weg in die Politik, der 1989 begann, wird nachgezeichnet; deutsche Rentner auf der vergeblichen Suche nach Glück in Thailand portraitiert. Die Reportagen sind schnörkellos, prägnant, nie vorführend und doch auch bewertend. Osang benutzt Sprache gekonnt, um mit wenigen Sätzen Charakterstudien zu entwerfen, die entwaffnend treffend sind. Der Spannungsbogen der einzelnen Texte ist präzise konstruiert, Journalismus klassischer Schule.

„Im nächsten Leben“ zeugt davon, dass der inflationär verwendete Begriff „Qualitätsjournalismus“ nicht nur Floskel sein kann. Leider viel zu selten.

Erschienen im Ch. Links Verlag.

Büchertipps für untern Weihnachtsbaum 2


Graphic Novel: Malet/Tardi „120, rue de la Gare“

Leo Malet ist einer der großen Kriminalautoren des 20. Jahrhunderts. Seine Romane um den Privatdetektiv Nestor Burma sind meisterhafte Portraits des Lebens in Paris. Jacques Tardi hat in Zusammenarbeit mit Malet einige der Burma-Romane graphisch umgesetzt. Das Ergebnis ist eine faszinierende Einheit von Kriminalhandlung und Bildern, in denen die Welt von Nestor Burma lebendig wird. Nestor Burma trägt zahlreiche autobiographische Züge seines Autors. „120, rue de la Gare“ ist der erste Burma-Roman – und die zweite Zusammenarbeit von Malet und Tardi -, er erschien 1943. Der Privatdetektiv betritt die Bühne, nachdem er aus dem deutschen Stalag Sandbostel entlassen und fährt mit einem Zug in die nicht besetzte französische Zone. Zuvor hat ihm ein sterbender Gefangener die Adresse 120, rue de la Gare genannt. Während eines Aufenthaltes trifft Burma einen seiner Angestellten, der ihm ebenfalls die Adresse nennt, bevor er erschossen wird. Die sich daraus entspinnende Story, die nicht in Paris, sondern in Lyon spielt, ist ein rasantes Wechselspiel aus Ungewissheiten, Doppelbödigkeiten und Albträumen, von Tardi mit zahllosen bildlichen Anspielungen und Rätseln versehen. In Schwarz-Weiß gehalten lassen die Zeichnungen das triste Leben im Frankreich der frühen Vierzigerjahre wiederaufleben. „120, rue de la Gare“ ist ein anspruchsvolles und unterhaltsames Werk, ein Muss für jeden, der sich für Krimis und Graphic Novels begeistert.

Erschienen bei Edition Moderne.

Literaturzeitschrift: edit (Jahresabo)

edit ist eine Zeitschrift für junge deutschsprachige Literatur. Herausgegeben wird sie in Leipzig, sie erscheint dreimal jährlich. Jede Ausgabe versammelt Lyrik, Erzählungen, Grafiken und Auszüge längere Texte von jungen Autoren, Rezensionen, Essays. Trotz relativ geringer Auflage ist edit eine der maßgeblichen Literaturzeitschriften, vielleicht sogar die maßgebliche. Die Herausgeber haben seit 1993 ein hervorragendes Gespür für die Entdeckung begabter Autoren. Zu denjenigen, die in edit veröffentlichten, gehören Namen wie Sibylle Berg, Marcel Bayer, Georg Klein, Jenny Erpenbeck oder Thomas Lang. Jede Ausgabe ist eine Fundgrube, die Aufmerksamkeit auf talentierte Autoren richtet und die zugleich die Entwicklung der Gegenwartsliteratur verdeutlicht.

Ein Jahresabo kostet 14 EUR, zu bestellen unter http://www.editonline.de

Sprach- und Gedankenkunstwerk: Raymond Federmann/George Chambers „Penner-Rap“

Zwei Penner, Penner Eins und Penner Zwei, treffen sich und unterhalten sich. Sie unterhalten sich über das Leben, Frauen, Sex, Geschenke, Deutschland und vieles andere. Die kurzen Passagen des Buches sind subtile Betrachtungen, Sprachspiele, Kurzessays und philosophischer Gedankenaustausch. „Penner-Rap“ – erinnert nicht von Ungefähr an „Warten auf Godot“ – ist ein Sprachkunstwerk, bei dessen Lektüre man ständig auf Sätze stößt, die schön und tiefgründig zugleich sind.

Jedes einzelne der kurzen Kapitel besitzt mehr Tiefgang als das Gesamtwerk eines Coelhos. „Penner sind vielleicht Arschlöcher, aber nicht alle Arschlöcher können Penner sein.“

Erschienen bei Suhrkamp.