Büchertipps für untern Weihnachtsbaum 1


Roman des Jahres: Don Winslow „Tage der Toten“

Die Zahl der in diesem Jahr in Mexiko im Zuge der Auseinandersetzung zwischen staatlichen Organen und Drogenkartellen Getöteten geht in die Tausende. Don Winslow gibt diesem Krieg eine literarische Stimme. Mit brutalen Bildern und aus unterschiedlichen Perspektiven durchleuchtet er die Zusammenhänge und Verflechtungen mit der US-amerikanischen Politik. Als Krimi kommt das Buch daher, und es ist auch ein rasanter Plot, den Don Winslow da entwirft. „Tage der Toten“ ist aber weit mehr als das. Es ist der Blick in die Abgründe eines Landes, das als Spielball zwischen Organisierter Kriminalität und Machtinteressen des Nachbars im Norden immer stärker zu einem Schlachtfeld wird. Die Sprache ist beeindruckend, ein meisterhafter Roman!

Erschienen bei Suhrkamp

Historischer Roman: Hilary Mantel „Wölfe“

Ein Genre, dass mich eigentlich nicht interessiert. Hilary Mantel hat aber mit „Wölfe“ einen Roman vorgelegt, der wie ein Leuchtfeuer aus den seichten Belanglosigkeiten der Wanderhuren und Hebammen herausragt. Der Roman deutet die Figur von Thomas Cromwell, Lordkanzler am Hof von Heinrich VIII. um. In der Überlieferung weitgehend negativ behaftet, schreibt Hilary Mantel das Portrait eines Machtmenschen, der weniger skrupellos als eher ausgleichend wirkte, der aber als Sohn eines Bierbrauers letztlich keinen wirklichen Zugang zur höfischen Welt findet. „Wölfe“ ist ein Roman darüber, wie Macht funktioniert und dadurch, trotz des historischen Stoffs, ein hochaktuelles Buch.

Mantel eliminiert aus dem Text alles Betuliche, alles sprachlich Banale. Übrig bleibt ein Roman, der von kunstvollen Dialogen und schnelle Dialogabfolgen lebt, der ständig zwischen verschiedenen Personen wechselt. „Wölfe“ ist ein Glücksfall für das Genre, Literatur eben.

Erschienen bei Dumont

Für Zwischendurch: Holger Reichard „111 Gründe sich selbst zu lieben“

Das Buch trägt den Untertitel „Eine kleine Verbeugung vor der eigenen Großartigkeit“. Da erwartet man eine eher überflüssige Egoshow, aber weit gefehlt. Der Autor kitzelt aus dem Thema teilweise doch recht erstaunliche Facetten heraus. Wie Reichard zum Beispiel den Bogen zum Schutz der Privatsphäre oder zum Generationenkonflikt spannt, ist klug und unterhaltsam. Die 111 Kapitel eignen sich vorzüglich zum Blättern, zum immer-mal-wieder-darin-lesen und auch zum Nachdenken. Und letztlich ist unser „Selbst“ die einzige Konstante, derer wir uns in einer Welt, in der alles mit allem irgendwie zusammen hängt, gewiss sein können und die wir verstehen. „Ich hau dir in die Fresse, du haust mir in die Fresse, und wir beide wissen, warum.“

Erschienen bei Schwarzkopf & Schwarzkopf

(An dieser Stelle der Hinweis, dass ich Holger Reichard persönlich kenne, mich in meiner  Empfehlung aber nicht von Sympathie habe leiten lassen. Und einen Gefallen schulde ich ihm auch nicht)

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