„Wer nicht pariert, wird hart gefickt!“ Anton Waldt „Auf die Zwölf“


„Dein Scheißsaft brennt voll auf mein’m frisch rasierten Pussyalarm!“ Sagt Mandy. Tom sinniert derweil „Dürfen Veganer eigentlich schlucken?“ Willkommen in Toms Welt! Eine Welt voll im Blut-Sperma-Drogen-Rave-Rausch, mit einem Protagonisten, vor dem Eltern ihre Kinder immer gewarnt haben. Tom ist Raver, schluckt alles, was ihm in die Finger kommt, wichst ständig, und wenn er nicht wichst, dann vögelt er Typen, Bräute, Tiere – Stop, Tiere nicht, so eine Sau ist Tom dann doch nicht.

Anton Waldt, Chefredakteur von De:Bug, versammelt im vorliegenden, im Verbrecher Verlag erschienenen Band ein Best of seiner Texte, die zwischen 1998 und 2007 erschienen sind. Zuerst in „Partysan“, später dann auf den Flyern des Berghain.

Entsprechend kurz sind die – hinter aller vermeintlichen Obszönität sprachlich äußerst versierten – Texte, die den Leser in eine Welt aus Exzess entführen, die jeglicher Sinnhaftigkeit entbehrt. Im Stakkato-Ton geht es voran, atemlos rauscht Tom durch die Welt oder das, was er für die Welt hält. Und immer wieder gibt es auf die Fresse. Tom steht wieder auf. Beim Schaurammeln im Galerieschaufenster von einer Horde Serben, die „keine Schwulen, die ihre Dödel auf der Straße schwenken“ mögen, aufgemischt? „Tom steht nackt in den Trümmern der Galerie und ist immer noch geil.“ Peace, man! Im Darkroom den Lichtschalter angeknipst? „Tom hat eine gute Zeit auf der Intensivstation.“

Und das Bildungsbürgertum wendet sich angewidert ab.

Gelesen werden sollte „Auf die Zwölf“ in spärlicher Dosierung, schnell stellt sich sonst ein Anflug von Ekel ein; der verschwenderische Umgang mit Körperflüssigkeiten wirkt irgendwann klebrig.

Doch hinter der orgiastischen Fassade schimmert immer wieder das Wissen um eine verkorkste Existenz durch. Das Leben als Dauerporno ist der Versuch, das eigene Scheitern zu kaschieren. Toms Existenz balanciert permanent am Rande des Abgrunds, und auch wenn er ein wahres Stehaufmännchen ist, wabert über allem die Gewissheit, dass er eines Tages endgültig fallen wird. Bis dahin aber wird fröhlich weiter an der Selbstzerstörung gearbeitet, eine Arbeit, die weder auf die eigene Person noch auf andere Rücksicht nimmt. Mitmenschen sind nur Objekte mit Öffnungen, in die man alles mögliche reinstecken kann. Und auch Tom ist nur Objekt, jegliche Subjektivierung nichts mehr als Selbsttäuschung. Im Verlust des Subjekts, das sich in der Gemengelage der großstädtischen Clubs auflöst, schwingt ein gewisses Maß an Bitterkeit des Autors mit. Die Texte entstanden in einem Zeitraum von knapp zehn Jahren und doch bleibt der Tonfall immer gleich. Tom entwickelt sich nicht, sein Leben auch nicht. Und so bleibt eine tragisch-komische Figur, die sich der Tragik nur in wenigen wachen Momenten im Ansatz bewusst wird. Und schnell dreht sich die Spirale weiter, denn „Wer nicht pariert, wird hart gefickt!“

 

Anton Waldt „Auf die Zwölf“

128 Seiten
Broschur
13,00 € (0,00 SFr)
ISBN : 978-3-940426-56-7

Erschienen im Verbrecher Verlag

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2 Gedanken zu “„Wer nicht pariert, wird hart gefickt!“ Anton Waldt „Auf die Zwölf“

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