Keines der meistweggeworfenen Bücher seiner Zeit. Herbert Rosendorfer „Letzte Mahlzeiten“


„Verzeichnis aller Henkers-Mahlzeiten“ lautet die Aufschrift des Quarthefts, das Rosendorfer zufällig, so gibt er es im Vorwort preis, bei den Recherchen zu einem Roman fand. Der Schreiber, Bartholomäus Ratzenhammer, letzter königl. Bayr. Henker, verzeichnete darin die 17 Henkersmahlzeiten, die er selber den hinzurichtenden Delinquenten zubereitete. Seit einer Schulaufführung der Komödie Caseicuros, in der Ratzenhammer einen Koch spielte und Szenenapplaus für das Wenden eines Omeletts bekam, hatte Ratzenhammer die Liebe zum Kochen nicht mehr losgelassen. So brachte er den Eingeborenen einer mikronesischen Insel die europäische Küche nah und entwickelte durch Einbeziehung lokaler Zutaten – die Bewohner waren Kannibalen – etwas, das heutzutage als Fusion Kitchen bezeichnet wird.

Der vorliegende Band versammelt die Biografien der 17, die zwischen 1901 und 1925 vom königl. bayr. Henker hingerichtet wurden. Es sind schillernde Biografien, auf die der Leser stößt. Da ist der unglückliche Fall des Prof. Dr. Petronius Schlotterweiß, des Autors von „Die knostische An-Kritik unmorphischer Lauthälse. Eine Betrachtung der epileptischen Empirie“ – eines der meistweggeworfenen Bücher seiner Zeit. Und sein Hauptwerk, die Spärlicht-Trilogie, wog so gewaltig, dass darunter sein Lehrstuhl zusammenbrach. Schlotterweiß wurde Opfer einer tragischen Verwechslung. Seine Verteidigungsrede vor Gericht war brillant, allerdings so unverständlich, dass die Richter sie für ein Geständnis hielten. Geköpft wurde er am 22. April 1902, nachdem er an der Henkersmahlzeit herumgemäkelt hatte.

Nicht alle Verurteilten starben unverdient, Ylfreda Hirschler, die Erfinderin der Mittelmajuskel und schuld daran, dass das Auge permanent von Worten wie SchriftstellerInnen beleidigt wird, wurde zurecht wegen schwerer Sprachmisshandlung hingerichtet.

Mitunter kam es zu Begnadigungen, so sprang der Verpackungskünstler Jurtik Dschassakosak, gen. Messias, dem Tod von der Schippe. Er hatte einen Panzerkreuzer aus der Flotte Wilhelm II. (samt Kaisers Lieblingshund Odin) verpackt und an die Engländer verkauft. Eine Viertelstunde vor der Hinrichtung erreichte ihn die Begnadigung, mit der Bedingung, den Panzerkreuzer wieder auszupacken.

Die 17 Biografien sind ein großer Spaß. Auf äußerst  skurrile Art lädt Rosendorfer dazu ein, die Figuren zu entschlüsseln, mal mehr, mal weniger offensichtlich ist, wer für einen Delinquenten Pate gestanden hat. „Letzte Mahlzeiten“ ist ein Absurditätenkabinett, das bei näherer Betrachtung so absurd gar nicht erscheint. Der Wahn- und Unsinn des kulturellen und politischen Lebens wird von Rosendorfer auf die Spitze getrieben. Und er bleibt dabei so charmant, dass ihm diejenigen, die sich wiedererkennen, nicht so recht bös sein können.

Real sind die Rezepte der Henkersmahlzeiten, die jedes Kapitel beenden. Sie wurden aufbereitet von Herbert Hintner, seit vielen Jahren im Besitz eines Michelin-Sterns.

Letzte Mahlzeiten

Die Aufzeichnungen des königlich bayrischen Henkers Bartholomäus Ratzenhammer

Mit alten Rezepten, neu interpretiert von Herbert Hintner und historischen Portraitfotografien aus der Bibliothek des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum
Gebunden mit Schutzumschlag,
144 S., 13,5 x 21 cm

ISBN 978-3-85256-529-3

€ [D/A] 19,90 / € [I] 18,80 / sFr 30,50

Erschienen im Folio Verlag

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2 Gedanken zu “Keines der meistweggeworfenen Bücher seiner Zeit. Herbert Rosendorfer „Letzte Mahlzeiten“

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