Über die Leserezension2010 von Lovelybooks


Der Wettbewerb zur besten Leserezension des Jahres auf Lovelybooks ist beendet, am Montag werden die Sieger verkündet. Eigentlich habe ich mit dieser Plattform nicht viel zu schaffen, zu unterschiedslos wird dort Gutes und Schlechtes gleichermaßen abgefeiert. Und bevor das Argument kommt, dass Geschmäcker halt verschieden seien: Nein, es gibt objektive Qualitätskriterien, die unabhängig von dem, was gern unter Geschmack, also Gefallen, verallgemeinert wird, funktionieren.

Aber eitel genug, um – nach Anfrage – in einer Jury zu sitzen, bin ich dann doch und sowieso der Meinung, das mein qualitatives Urteil jeder Jury zu Zierde gereicht.

325 Rezensionen, in drei Kategorien, wurden eingereicht, in äußerst unterschiedlicher Qualität. Es gab dort eine kleine Anzahl von wirklich guten Beiträgen, einige gute und vieles, was nicht den Anforderungen entspricht, die an eine Rezension zu stellen sind. Vieles ging über eine Empfehlung nicht hinaus, vieles bestand aus einer „Tolles Buch, weil ich musste viel lachen, weinen, sonst was“-Argumentation. Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden. Der Wettbewerb trägt aber nun das Wort Rezension im Titel. Und rezensieren bedeutet eben mehr als nur „Meine Meinung“. Es bedeutet auch, einen Text auf Kriterien wie Handlungsaufbau oder sprachliche Mittel zu untersuchen und daraus eine Bewertung abzuleiten. Dabei ist es völlig unerheblich, ob es sich um einen Fantasyroman, einen Historienschinken oder um Literatur im engeren Sinn handelt.

Ich hatte mir erhofft, auf Rezensionen zu Büchern, von denen ich genau weiß, dass ich sie niemals lesen werde, zu stoßen, von denen ich hätte sagen können, dass sie sich kritisch (und kritisch meint nicht zwangsläufig negativ) mit dem Text auseinandersetzen. Solche Rezensionen habe ich aber nicht entdecken können. Schade.

Aber schlussendlich blieben ein paar Rezensionen übrig, die, mit ganz unterschiedlichen Herangehensweisen, selbst vor dem kritischsten Auge bestehen können. Dafür hat es sich gelohnt.

Und drei davon sind dann auch auf die Shortlist gelangt. Der Sieger steht bereits fest, ich kenne ihn noch nicht, weiß aber, wem ich die Daumen drücke.

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Shortlist Deutscher Buchpreis 2010


Die nominierten Romane (in alphabetischer Reihenfolge):

  • Jan Faktor, Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag (Kiepenheuer & Witsch, März 2010)
  • Thomas Lehr, September. Fata Morgana (Carl Hanser Verlag, August 2010)
  • Melinda Nadj Abonji, Tauben fliegen auf (Jung und Jung Verlag, August 2010)
  • Doron Rabinovici, Andernorts (Suhrkamp Verlag, August 2010)
  • Peter Wawerzinek, Rabenliebe (Galiani Berlin, August 2010)
  • Judith Zander, Dinge, die wir heute sagten (Deutscher Taschenbuch Verlag, September 2010)

„Loveboat“ und Quietscheentchen. Elizabeth Lunday: Die grossen Künstler und Ihre Geheimnisse


In schönster Pulp-Aufmachung kommt diese ungewöhnliche Kunstgeschichte daher, die den Untertitel „Inklusive der Skandalgeschichten, die Ihnen Ihr Kunstlehrer immer verschwiegen hat.“ trägt. Garniert wird das Ganze mit bewusst reißerischen Illustrationen von Mario Zucca. Da schreit es „Im Bett mit Frida Kahlo“ vom Cover, das auf Krawall getrimmt ist. Unwillkürlich fragt man sich: Was soll das? Elizabeth Lunday, Journalistin aus Texas, hat ein etwas anderes kunstgeschichtliches Werk geschrieben. 35 Künstler werden portraitiert, von Jan van Eyck bis Andy Warhol, deren Biographie das eine oder andere pikante Detail aufweist. Edvard Munch fühlte sich ständig von Geheimpolizisten verfolgt, Michelangelo stank, Frida Kahlo musste ihren Mann Diego Rivera zum Baden überreden, er stieg nur in die Wanne, wenn diese mit Kinderspielzeug gefüllt war und Caravaggio war in einen Mord verwickelt. Die Details werden in den einzelnen Kapiteln mit Freude abgehandelt. Aber eben nicht nur dies. Jedes Kapitel ist zugleich auch eine kurzweilige, fundierte Einführung in das jeweilige Schaffen und liefert einen Einblick in dessen kunsthistorische Bedeutung. „Wo bleibt die Ernsthaftigkeit?“, mag der eine oder andere rufen. Kunst ist nicht (nur) ernst, Kunst soll begeistern. Vielleicht bietet der vorliegende Band manchem Interessierten nichts Neues, neue Erkenntnisse sind hier nicht zu erwarten. Dies ist aber auch nicht das Anliegen. Lunday trägt Informationen zusammen, komprimiert sie. Das Frida Kahlo eine Affäre mit Trotzki hatte, ist hinlänglich bekannt. Aber das Andy Warhol eine Gastrolle im „Loveboat“ übernahm? Die Form des Schundheftes ist bewusst gewählt, denn „Die grossen Künstler und ihre Geheimnisse“ ist ein ideales Buch, um Jugendliche (Weihnachten naht und Sie suchen bestimmt noch Geschenke, oder?) und Menschen, die nicht direkt im Museum zuhause sind, an die Kunst heranzuführen. Und für alle anderen ist ein großes Lesevergnügen, ein Buch, das immer mal wieder aufgeblättert werden kann, um ein oder zwei Kapitel zur Erbauung zu lesen. Ich jedenfalls hatte viel Freude. Im Herbstprogramm findet sich ein weiterer Band dieser Reihe, „Die grossen Filmregisseure und ihre Geheimnisse“.

Elizabeth Lunday
Die großen Künstler und Ihre Geheimnisse
Mit Zeichnungen von Mario Zucca
Übersetzt von Stephan Pörtner
303 Seiten
70 zweifarbige Abbildungen
Paperback

ISBN 978-3-03774-011-8
32.00 CHF / 19.95 EUR

Erschienen bei Walde & Graf

Das Leben der Boheme. Michel Georges-Michel: Die von Montparnasse


Paris, Montparnasse zu Beginn der Zwanziger Jahre. Der Hügel auf dem linken Seine-Ufer ist Sammelpunkt der internationalen Boheme. In den Cafes treffen sich Künstler wie Picasso, Schriftsteller wie Hemingway, Nutten, wohlhabende Ausländer auf der Suche nach Unterhaltung, erfolgreiche und erfolglose Gestalten gleichermaßen. Michel Georges-Michel, 1883 geboren, 1985 gestorben, war selbst Teil der Szene. Aus seinem Vorhaben, „das Leben der Maler unserer Generation, die in einer für die Kunst neuen Umgebung Neues versucht haben“ zu portraitieren, so schreibt er in der Vorbemerkung, entstand ein Roman. Ein Roman, der ein beeindruckendes Zeugnis der Pariser Kunstszene abliefert, der lustvoll die Rauschzustände, in denen Kunst geboren wird, beschreibt und das Elend der zu Lebzeiten Glücklosen artikuliert. Amadeo Modigliani war einer der glücklosen Künstler, denen zu Lebzeiten der Erfolg verwehrt blieb. Georges-Michel schrieb keinen biografischen Roman, seine Hauptfigur Modrulleau ist aber eine Art Ebenbild des Italieners Modigliani, auch wenn der Autor vorgibt, die Figur Modrulleaus aus verschiedenen realen Figuren zusammengesetzt zu haben. Modrulleau, fast mittellos, wird durch einen Kunsthändler ausgebeutet, malt Bilder für ein lächerliches Gehalt. Zwischen dunklem Atelier, Cafes und karger Wohnstätte verbringt er seine Tage und Nächte, getrieben von der Suche nach neuen Darstellungsmöglichkeiten. An seiner Seite die aufopferungsvolle und duldsame Geliebte, im Roman Haricot-Rouge genannt, angelehnt an Jeanne Hébuterne. Der ausbleibende Erfolg und die zunehmende Verelendung führen zu einem tragischen Ende. Verschuldet stirbt Modrulleau. Seine Werke erzielten unmittelbar nach seinem Tod hohe Preise. „Die von Montparnasse“ setzt einer einzigartigen Zeit ein Denkmal. Georges-Michel hat einen feinen Blick für das Leben der Boheme, mit all den Höhepunkten und Abgründen. Zentraler Punkt des Romans ist das (noch heute existierende)Cafe „Rotonde“, in dessen stetiger Veränderung bereits die Ahnung vom Ende dieser Epoche angedeutet wird. Hier wird diskutiert, gesoffen, gestritten, Geld geschnorrt und geträumt. Drinnen und draußen tobt das Leben und Georges-Michel zeichnet dies meisterhaft nach. Erstmals auf Deutsch wurde dieser Roman im Jahr 1931 veröffentlicht, liegt dieser atemlos zu lesende Roman in der Übersetzung von Marcus Seibert nun wieder vor und darf wiederentdeckt werden. Und vielleicht bekommt der Leser eine Ahnung davon, wie sich die ‚Pest von Montparnasse’ ihre Opfer suchte: „Eine nicht bekämpfbare seuchenartige Sehnsucht nach diesem Ort, der im Augenblick einer der interessantesten des Erdballs ist.“

Michel Georges-Michel
Die von Montparnasse
Ein Roman über die Grossstadtbohème
Mit Illustrationen von Léonard
Foujita, einem Glossar
sowie einer editorischen Notiz
Aus dem Französischen von
Marcus Seibert
(Die Originalausgabe erschien
1924 unter dem Titel «Les
Montparnos» bei Fayard.)
231 Seiten
10 einfarbige Abbildungen
15 ˣ 21 cm, gebunden

ISBN 978-3-03774-002-6
32.00 CHF / 19.95 EUR

Erschienen bei Walde & Graf