Ein feines Näschen. Posy Simmonds „Tamara Drewe“


Stonefield ist der ideale Ort, um als mehr oder weniger erfolgreicher Schriftsteller ein angenehmes Leben zu führen. Beth Hardiman hat einen Rückzugsort geschaffen, an dem die Literaten frei von den Sorgen des Alltags ihren Eitelkeiten nachgehen und sich ganz dem Schreiben widmen können. Beth entledigt sie allen Unannehmlichkeiten des Alltags, Kochen, Putzen, Waschen sollen nicht vom kreativen Schaffensprozess ablenken. Unterstützung erhält sie von Andy, von dem niemand sehr viel weiß. Andys Familie gehörte die Farm, auf der sich das Schriftstellerrefugium befindet. Der Familienbesitz musste verkauft werden, als gescheiterter Designer arbeitet Andy als Gärtner und Hausmeister.

Zu den zeitweiligen Bewohner gehören noch diverse, meist weibliche, Hobbyautoren, die dilettierend an etwas schreiben, das ein wenig in Richtung magischer Realismus geht.

Eigentlich also eine ländliche Idylle, mitten in England.

Eigentlich. Tatsächlich aber – wie sollte es auch anders sein – ist die Idylle trügerisch.

Beths Mann Nicholas, erfolgreicher Autor von Kriminalromanen, betrügt sie regelmäßig. Mit einer Mischung aus selbstgefälliger Duldsamkeit und Resignation toleriert Beth die Eskapaden, zumal Nicholas immer wieder zurückkehrt, mehr aus Eigennutz denn aus wahrer Zuneigung.

Glen Larson, Akademiker, will seinen Aufenthalt in Stonefield nutzen, um die Arbeit an seinem Roman – dem großen Roman – voranzubringen. Seine Zeit verbringt er dann aber doch hauptsächlich mit dem, was heutzutage unter dem Begriff Prokrastination subsumiert wird, also mit allem außer Schreiben.

Der Alltagstrott wird gehörig durcheinander gewirbelt, als Tamara Drewe auftaucht und in das benachbarte Haus ihrer Eltern einzieht. Tamara zog einst nach London. Dort unterzog sie sich einer kosmetischen Operation, in der ihre Knollennase gerichtet wurde. Aus der äußerlich unscheinbaren Frau wurde eine Schönheit, die als Kolumnistin Karriere machte. Und kurz nach ihrer Ankunft in Stonefield allen anwesenden Männern den Kopf verdreht.

Soweit der ziemlich konventionelle Plot – eine Bearbeitung des Romans „Am grünen Rand der Welt“ von Thomas Hardy – , an dessen Ende zwei Tote und eine Art Happy End stehen. Posy Simmonds macht daraus ein kleines Meisterwerk.

Die Autorin hat ein feines Gespür für psychologische Kammerspiele. Ihre Zeichnungen konzentrieren sich auf Wesentliches, sie wirken ruhig. Der größere Teil ist in einem blaugrau gehalten, das immer mal wieder von einzelnen Farbakzenten durchsetzt wird. Ansonsten dominieren gedeckte, warme Farben, viel Grün und Braun ist zu sehen. An Sequenzen mit drei oder vier Panels schließen sich größere Bilder an.

Im Text wechseln sich  klassische Sprechblasen mit längeren Textabschnitten, Monologen, die neben den Bildern angeordnet sind, ab. Während fast alle Figuren in der Ich-Form sprechen,  kommt Tamara Drewe nur in Ausschnitten aus ihrer Kolumne zu Wort. Alles dreht sich um sie, der Leser aber muss sie nicht hören, um zu verstehen, warum.

Das Zusammenspiel Text-Bild funktioniert, beide Elemente sind gleichberechtigt und sorgen dafür, dass der Plot an Tiefe gewinnt.

Ich will dir den besten Fick deines Lebens verpassen.

Mit reduzierten Mitteln, ohne zeichnerische Effekthascherei, verleiht die Autorin ihren Figuren Identität. Die Mimik spiegelt das Gefühlsleben wieder. Und die Gefühle aller Bewohner geraten gewaltig durcheinander. Das Unheil nimmt seinen Lauf, als Casey und ihre Freundin, zwei Teenager aus dem Dorf, von Tamaras Computer eine E-Mail abschicken, die den männlichen Empfängern verspricht: Ich will dir den besten Fick deines Lebens verpassen.

Im daraus resultierenden Chaos treten dann Emotionen hervor, die lange unterdrückt wurden und die Stonefield und seine Bewohner für immer verändern werden.

Immer wieder zielt Posy Simmonds auf die Eigenheiten der literarischen Gesellschaft und nimmt deren Protagonisten, die gleichsam als Karikaturen auch  des realen Literaturbetriebs fungieren, unter die ironische Lupe. So entsteht ein wunderbares, von feiner Tragikkomik durchzogenes Portrait einer sich intellektuell gebenden oberen Mittelschicht. Dabei wird nicht der Fehler gemacht, einzelne Figuren der Lächerlichkeit preiszugeben. Das wäre plump und dafür ist Posy Simmonds eine viel zu gute Zeichnerin und Autorin.

In ihrer Heimat Großbritannien ist sie wohlbekannt, und für ihre Arbeiten für den Guardian mehrfach als Cartonist of the Year ausgezeichnet.

„Tamara Drewe“ ist die erste ihrer Graphic Novells, die in Deutschland veröffentlicht wird, von Uli Pröfrock mit viel Feingefühl übersetzt. Und hoffentlich folgt bald Posy Simmonds Flaubert-Adaption „Gemma Bovery“. Der Leser von „Tamara Drewe“ wird darauf warten.

Posy Simmonds „Tamara Drewe“

136 Seiten, farbig, 26 x 23,5 cm, Klappenbroschur
ISBN 978-3-941099-31-9

EUR 20,00

Erschienen bei Reprodukt.

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