Dekonstruktivismus im Kriminalroman. Gilbert Adair „Der Tod des Autors“


Gilbert Adair gehört zu den klügsten und einfallsreichsten Krimiautoren der Gegenwart. Seine Romane sind raffiniert konstruiert und heben sich auf intelligente Weise aus dem Krimieinheitsbrei, der vielfach die Bestsellerlisten beherrscht, ab. Mal sprengt er die Genregrenzen, mal seziert er den klassischen Kriminalroman, um daraus den klassischsten aller klassischen Kriminalromane hervorzubringen. So mixt er in „Mord auf ffolkes Manor“ (CH Beck) gleich drei Grundmotive – die von der Außenwelt abgeschnittene Gesellschaft, aus der jeder ein Motiv hat, es aber niemand gewesen sein kann, da die Leiche in einem von innen verschlossenen Raum gefunden wurde – zu einer Geschichte, die an Kunstfertigkeit selbst Agatha Christie übertrifft. Im Roman „Der Tod des Autors“ stellt Adair die Frage, wie weit ein (französischer) Literaturwissenschaftler gehen würde, um seine Verstrickung mit den Deutschen während der Besetzung Frankreich zu verschleiern. Nach dem Krieg zieht es Leopold Sfax in die USA, um einen Neubeginn zu starten. Niemand ahnt, dass Sfax durchaus aus Überzeugung in jungen Jahren zahlreiche Artikel verfasste, in denen er Partei für die Nazis ergriff. Sfax macht schnell akademische Karriere. Berühmt wird er mit einer Literaturtheorie, die er aus nur einem Grund verfasste; um sich von seinen Jugendsünden reinzuwaschen. Kern der Theorie ist der Dekonstruktivismus, der ein Loslösen der Person des Autors von dem Geschriebenen postuliert. Dem Autor wird die Kontrolle über das, was er schreibt, abgesprochen, das Schriftwerk wird autonom und kann Bedeutungen enthalten, die nicht in der Absicht des Autors liegen. Der Romantitel ist hier natürlich doppeldeutig, zum Tod im Kriminalroman kommt der deutliche Bezug zum literaturwissenschaftlichen Dekonstruktivismus, als dessen Motto eben „Der Tod des Autors“ steht. Geprägt wurde diese Begrifflichkeit von Roland Barthes, der sie als erster verwendetet und am konsequentesten diese Position vertrat. Zentraler Deuter literarischer Werke ist nicht mehr der Autor, sondern der Leser, erst durch seine Interpretation bekommt ein Werk seinen Sinn. Leopold Sfax vertritt in seiner Theorie aber auch Positionen Paul de Mans, zu dem es auch biographische Bezüge gibt. Nach dem Tod Paul de Mans, eines flämischen Literaturwissenschaftlers, der in Yale einen Lehrstuhl für Komparatistik innehatte, fand man heraus, dass de Man zwischen 1940 und 1941 antisemitische Texte in belgischen Zeitungen veröffentlichte. De Mans Theorie besagt, dass Texte sich rhetorischer Mittel bedienen, um einen logischen Aspekt zu vermitteln und dass die rhetorischen Mittel das Gegenteil von dem sagen, was der Text übermitteln will, die gegenseitige Bedingung von Blindheit und Einsicht. Aber genug der Literaturtheorie und keine Angst, es ist auch ein Roman, an dem Nicht-Literaturwissenschaftler viel Freude haben werden. Der Romantext ist auf mehreren Ebenen verteilt. An eine fiktive Biographie Sfax’ schließt sich die wahre Biographie an, eine Studentin taucht auf, um Sfax’ Biographie zu verfassen. Leopold Sfax will diese Gelegenheit nutzen, um sich endgültig von der Schuld aus seiner Vergangenheit zu befreien. Und bald gibt es auch den ersten Toten, weitere Tote folgen. Die Erzählperspektive wechselt, am Ende wird ein Toter zum Erzähler. Gilbert Adair treibt ein munteres Spiel mit dem Leser, führt ihn immer wieder auf ungeahnte Wege. Mit der „Der Tod des Autors“ gelingt Adair quasi die Quadratur des Kreises, nämlich aus Literaturtheorie und dem Spiel mit Intertextualität einen äußerst unterhaltsamen Krimi zu formen, ein großes Vergnügen.

„Der Tod des Autors“ ist erschienen bei Edition Epoca.

  • Gilbert Adair
  • Der Tod des Autors
  • Roman
  • Aus dem Englischen von Thomas Schlachter
  • Format: 13 x 19 cm, Gebunden mit Schutzumschlag
  • 154 Seiten
  • EUR 19,95, Fr. 36.-
  • ISBN 3-905513-08-0
  • 1997, Edition Epoca, Zürich
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