„Wer als Pilger nach Jerusalem kommt, muss über drei wertvolle Gaben verfügen – Glaube, Geduld und Geld. Die wundersamen Irrfahrten des William Lithgow. Hrsg. von Roger Willemsen


„Wenn das Streben nach Glück unser Leben beherrscht, erschließen uns vielleicht nur wenige unserer Handlungen soviel über die Dynamik dieser Suche – mit all ihrer Inbrunst und ihren Paradoxien – wie die Reisen, die wir unternehmen. […] Nur selten jedoch wird bedacht, dass das Reisen philosophische Probleme aufwirft, […] deren Betrachtung in bescheidenem Maße zum Verstehen dessen beitragen könnte, was griechische Philosophen mit dem schönen Begriff der eudaimonia, der Entfaltung der Persönlichkeit, bezeichneten.“ So schreibt Alain de Botton im Kapitel „Über Erwartungen“ seines, lesenswerten, Buches „Die Kunst des Reisens“ (S.Fischer). In Bezug auf William Lithgow, dessen Reiseberichte aus dem frühen 17. Jahrhundert erstmals auf Deutsch vorliegen, kann man de Bottons Einlassungen getrost vergessen.

William Lithgow, Schneider aus Schottland, war einer der großen Reisenden seiner Zeit. Neben mehreren kleineren Reisen unternahm er zwischen 1609 und 1621 drei große Reisen, die ihn auf drei Kontinente – Europa, Asien, Afrika – führten und deren Beschreibungen mare im bibliophilen Band „Die wundersamen Irrfahrten des William Lithgow. Herausgegeben von Roger Willemsen.“ veröffentlicht hat.

Als Reisender war er ein Solitär.

Das Leben hat ihm übel mitgespielt, dem tapferen Schneiderlein aus South Lanarkshire. Dereinst stimmte er vor dem Fenster der Angebeteten ein Liebeslied an, sehr zum Missfallen ihrer Brüder. So sehr zum Missfallen, dass sie ihm beide Ohren abschnitten. (In einer anderen Version waren es die Brüder seiner Verlobten, nachdem Lithgow bei körperlicher Ertüchtigung mit eben nicht seiner Verlobten erwischt wurde). So ganz belegt ist dies zwar nicht – Lithgows Lebensumstände vor seinen Reisen liegen im Dunkeln -, liefert aber doch eine in der Geschichte des Reisens wohl einmalige Begründung für seine erste Reise nach Palästina und Ägypten. Der Weg dorthin führte durch das Osmanische Reich, dort trug man Turban und selbiger gestattete es, den Verlust der Ohren zu verbergen.

Lithgow ist ein genauer Beobachter, die Beschreibung von Landschaften und Orten ziemt präzise und detailreich. Fast akribisch werden Stadtmaße und Häuseranzahl notiert, Bauwerke und Ruinen beschrieben, geschichtliche Hintergründe benannt. Allerdings sehr selektiv. Unbeeindruckt widmet er der Akropolis in Athen grad mal einen Halbsatz, auch die Alhambra wird kurz mal erwähnt, man war halt da. Dieses Da-gewesen-sein prägt die Reisebeschreibung. Lithgow ist eine Art sehr früher Tourist, er geht – im Wortsinn, den größten Teil des Landwegs geht er zu Fuß – dorthin, wo Touristen auch heute noch hingehen, eben weil man, wenn man schon mal in der Nähe ist, dort auch gewesen sein muss. Und er kauft, auch hier ganz Vorläufer des heutigen Touristen, Souvenirs, lässt sich unzählige Urkunden und Dokumente ausstellen, die belegen sollen, dass er da und dort gewesen ist. Hingelaufen, angeguckt, abgehakt. Stets beklagt er sich über habgierige Einheimische und über die wuchernden Eintrittspreise und Gebühren, die ihm allerorts abgeknöpft werden. „Wer als Pilger nach Jerusalem kommt, muss über drei wertvolle Gaben verfügen – Glaube, Geduld und Geld. Glaube, um alles, was man in und außerhalb von Jerusalem sieht, ernst zu nehmen; Geduld, um die Schmähungen der Ungläubigen zu ertragen; und Geld, um die vielen Eintrittsgelder und Gebühren, die hier und überall in der Stadt verlangt werden, bezahlen zu können.“ Trotzdem sammelt er fleißig Orte und Länder. Seine dritte Reise, die ihn nach Irland und Spanien führt, begründet er damit, dass er alle Länder Europas bereisen wolle und ihm eben Spanien und Irland noch fehlen. Echte Neugier drückt sich anders aus, hier ist jemand unterwegs, der das Reisen als Pflicht sieht, ohne jemals zu erläutern, weshalb er sich diese Pflicht auferlegt. Auch wenn er die Beschreibung seiner ersten Reise mit dem Wunsch beginnt, stellvertretend für alle Daheimgebliebenen Zeugnis abzulegen, mag man ihm dies nicht wirklich glauben. Trotz allem sind die Beschreibungen eine erkenntnisreiche Chronik des frühen 17. Jahrhunderts, auch wenn einige Kritiker mutmaßen, die Tatsache, dass der Text bisher nicht übersetzt wurde, liege darin begründet, dass Lithgow ein Vorfahr Münchhausens gewesen sei und die Irrfahrten reine Fiktion. Im Nachwort bestreitet Willemsen dies und es ist kein Ansatz erkennbar, dem zu widersprechen.

Wo andere Reisende angetrieben wurden von Neugier, Entdeckergeist, Bildungshunger, speist sich Lithgows Antrieb zum reisen aus – nichts. Aus nichts außer vielleicht dem unbedingten Willen, alles und jeden so recht abscheulich zu finden.

Der Leser begegnet einem wahren Misanthropen, einem, der Griesgrämigkeit zur Perfektion verholfen hat.

Hier liegt der Reiz, der die Beschreibung seiner Abenteuer auch heute noch ausmacht. Lithgow liefert Pauschalurteile am laufenden Band. Und seine Urteile sind vor allem eins: bitterböse. Als Anglikaner sind ihm die Papisten Feindbild, keine Gelegenheit wird ausgelassen, die katholische Kirche und deren Würdenträger zu geißeln. Bei seiner Ankunft in Venedig wohnt er der öffentlichen Verbrennung eines Mönches bei, der 15 Nonnen geschwängert haben soll. Dieses Schauspiel lässt sich Lithgow nicht entgehen, die anschließende Quartiersuche beschreibt er mit den Worten „hungrig, aber zufrieden“. In Genf hört er von der bevorstehenden Hinrichtung eines Pfarrers, der drei Frauen und deren Töchter schwängerte. Auch da will er dabei sein, nimmt dafür extra den Umweg nach Dijon in Kauf. „So viel zur Keuschheit der katholischen Priester, die zwar nicht heiraten  dürfen, dafür aber allen erdenklichen Abscheulichkeiten, besonders der Sodomie, frönen, und dies nach Lust und Laune und mit schöner Regelmäßigkeit.“

Lithgow gibt sich puritanisch, gleichwohl: sexuelle Ausschweifungen und Unkeuschheit interessieren ihn schon. Unter dem Deckmantel der Anprangerung ergeht er sich durchaus in Beschreibungen von sexuellen Praktiken. Und wieder ganz pauschal unterstellt er ganzen Städten oder gar Volksgruppen, Anhänger ‚abnormer’ Laster zu sein.

Er wettert gegen das Papsttum, spottet über katholische Traditionen und wünscht, Englands Papisten müssten, ähnlich wie die Juden in Rom, rote Mäntel und gelbe Hüte tragen, um sie von „den wahren Christen“ unterscheiden zu können. Nicht nur Antipapist, auch Antisemit, Antimuslim, ja eigentlich Antialles ist er. Die Iren führen „ein noch roheres und primitiveres Dasein als der unzivilisierte Araber, der götzendienerische Turkmane oder der den Mond anbetende Carmei“, und die Franzosen, nun ja, die taugen auch nichts.

In einigen Passagen der Übertragung wurden die schlimmsten Auswüchse von Lithgows Ausfällen  etwas zurückgenommen, es bleibt aber eine immerwährende Schimpftirade. Fast möchte man glauben, dass er die Beschwerlichkeiten des Reisens einzig auf sich nimmt, um sich davon zu überzeugen, dass es am nächsten Ort noch verwerflicher zugeht.

Als Reisender ist er zumeist allein unterwegs – er war wohl auch niemand, mit dem man gern unterwegs war -, begleitet nur von einheimischen Führern, die nur eins im Sinn haben: ihn zu betrügen oder auszurauben. Finden sich doch zeitweise Begleiter, dann sterben diese zumeist recht schnell eines wenig erfreulichen Todes. Reisen im 17. Jahrhundert war ein gefährliches Unterfangen und so wird Lithgow mehrfach ausgeraubt, von Piraten überfallen oder droht zu verhungern und zu verdursten. Aber während ringsum fleißig gestorben wird, erweist sich der tapfere Schotte als wahres Stehaufmännchen, nichts und niemand vermag es, ihn aufzuhalten. Wenn von drei Menschen der rechte und der linke von Pfeilen durchbohrt wurden, man kann sicher sein, Lithgow stand in der Mitte.

Unbeirrt setzt er seinen Weg fort, ohne Freude, aber zäh und mit festem Willen.

Auf seiner letzten Reise gerät er in Spanien in die Fänge der Inquisition, nachdem er irrtümlich für einen englischen Spion gehalten wurde. Dies ist der grausamste Teil seiner Abenteuer, er wird über Wochen gefoltert. Die Folterungen beschreibt er in all ihrer Drastik und liefert damit eines der wenigen Zeugnisse, die von Überlebenden bekannt sind.

Schwer gezeichnet kehrt er nach England zurück und versucht, eine Entschädigung für seine Qualen zu bekommen. Vergeblich, nachdem er am englischen Hof eine Prügelei mit dem spanischen Botschafter anzettelte, landet er für einige Wochen im Gefängnis. Frustriert zieht sich Lithgow zurück und beginnt, seine Abenteuer aufzuzeichnen. Natürlich nicht, ohne im Vorwort an die Leser nochmals einen Rundumschlag zu liefern und den Kritikern mit auf den Weg zu geben, er zücke seine Feder nicht für den „unverbesserlichen Dummkopf“, sie, die verleumderischen Kritiker, ließen sich ungeniert über die Arbeit anderer aus, ohne von ihrem Handwerk auch nur das Nötigste zu verstehen.

Die eingangs erwähnte Entfaltung der Persönlichkeit findet nicht statt, er startet seine Reisen als Misanthrop und als Misanthrop beendet er sie auch. Vielleicht noch ein wenig verbitterter.

Franz Blei, Wiener Feuilletonist der 20er-Jahre, schrieb in einem Text – der Roger Willemsen auf William Lithgow aufmerksam machte – über das Sterben des Schotten: Wann er starb, weiß man nicht, aber dass es an einem Durchbruch der Gallenblase war, möchte man für sicher annehmen.

Aus der Griesgrämigkeit speist sich die (vom Autor sicher nicht beabsichtigte) Komik des Textes. All seinen Unzulänglichkeiten und seinem, vorsichtig ausgedrückt, schwierigem Charakter zum Trotz ist der permanent rummosernd durch die Welt ziehende Querkopf uns auch sympathisch. Als Gegenbild des idealistischen Reisenden alles dumm und doof zu finden? Geben wir es zu, man trifft auf Reisen auch heute noch ausreichend Dummes und Doofes. Und auch die Eintrittsgelder sind immer noch Wucher.

„Die wundersamen Irrfahrten des William Lithgow“ wurde übersetzt von Georg Deggerich und wird von Illustrationen von Papan begleitet.

Roger Willemsen (Hrsg.)
Die wundersamen Irrfahrten des William Lithgow
Übersetzt von Georg Deggerich
352 Seiten mit 12 farbigen Illustrationen von Papan,
gebunden mit Lesebändchen

ISBN 978-3-86648-112-1

24,00 EUR

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