Warum tut er sich das an? – „Die Vorleser“


Warum tut sich Ijoma Mangold das an?

Gut, das ZDF bezahlt vermutlich recht anständig. Aber wie hoch muss die finanzielle Entschädigung sein, um es hinzunehmen, von einer selbstgefälligen Schriftstellerdarstellerin regelmäßig vor großem Publikum – naja, so viele Zuschauer sind es zwar nicht, aber trotzdem – wie ein Schuljunge abgebügelt zu werden? „Ihr Intellektuellen“ raunzt es da süffisant beim Namen Proust, um gleich, Frau Fried ist ja auch Journalistendarstellerin, investigativ nachzufragen, ob denn der Herr Mangold tatsächlich die ganze „Suche nach der verlorenen Zeit“ gelesen habe? Ist ja schließlich echt ein dickes Werk.

Kommt jemand mit einem dicken Buch in die Sendung, dann ist für Frau Fried grundsätzlich Skepsis angebracht, Detlev Buck musste sich ebenfalls fragen lassen, ob er denn wirklich die komplette Mao-Biographie (Chang/Halliday) – sind ja schließlich knapp 1000 Seiten – gelesen habe. Dass er trotz dieser Anmaßung blieb, sie elegant ignorierte, ehrt ihn.

Aber dieses „ihr Intellektuellen“ lohnt doch eine nähere Betrachtung. Wie elegant demonstriert Frau Fried da, dass sie doch eine von uns, eine aus dem Volke ist. Sie weiß, was normale Menschen lesen wollen, sie ist schließlich, ihre Bescheidenheit verbietet es aber, es explizit zu erwähnen, Bestsellerautorin, der die NZZ dereinst gute Chancen bescheinigte, Hera Linds Thronfolgerin zu werden. Sie kennt sich also aus in Sachen Literatur, da kann Ijoma Mangold – kein Bestseller bisher, nur stellvertretender Feuilletonchef der ZEIT und Mitglied der Bachmannpreis-Jury- natürlich nicht gegenhalten.

Deshalb weiß sie auch, dass der gemeine Leser keine Bücher lesen will, die sich gängigen Erzählstrukturen und eingetretenen Pfaden im Handlungsaufbau entziehen. Solche Bücher findet Frau Fried zumeist nicht so toll, da stört sie bei Enquist, dass ihr seine Motivation verschlossen bleibt, da er, leider leider, vergessen hat, sie im Text einfach und verständlich zu erklären. Anne Weber mochte sie auch nicht. Das ist, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, ihr gutes Recht. Wie schön könnten „Die Vorleser“ sein, wenn mit Argumenten um Literatur gestritten würde (Und wenn man nicht gefühlt 20 Bücher in knapp 30 Minuten durchpeitschen würde.) .

Leider sind Mangold und Fried unterschiedlich bewaffnet. Aber um gleich klarzustellen, wer in der Sendung das Sagen hat, beginnt Frau Fried ihre Erwiderung auf Mangolds Lobesworte zu „Luft und Liebe“ mit dem Satz „Ich fürchte, du irrst dich!“ Schon klar, sie wurde schließlich mal als Hera Linds Thronfolgerin in Stellung gebracht, er – und alle anderen Kritiker (=Intellektuelle, pfui) – die Anne Weber auf die Shortlist zum Preis der Leipziger Buchmesse setzten, können da argumentativ nicht mithalten. Mangolds Widerrede wird überheblich weggelächelt. Mittelmaß setzt sie als allgemein gültigen Geschmacksmaßstab über reflektierende Auseinandersetzung.

Literatur muss schließlich hübsch geschmeidig sein, bloß keine Überraschungen liefern (außer vielleicht, dass Lieschen Müller am Ende nicht Roberto, sondern Klaus erwählt) und vor allem: nicht anstrengend zu sein. Fordernde, außergewöhnliche Lektüre ist was für Intellektuelle (Igitt!)

Ulrich Noethen hatte ein nicht ganz so dickes Buch mitgebracht, deshalb bekam er nur die noch nie gestellte Knallerfrage – Wie schaffen Sie es, bei all Ihrer Arbeit überhaupt zum Lesen zu kommen?

Dann aber lieferte Ulrich Noethen ein paar Minuten Anschauungsunterricht, wie man begeisternd von einem Roman erzählen kann und dabei nicht wirkt, als hätte man seine Worte auswendig gelernt oder läse sie grad vom Teleprompter ab.

Vielleicht schaut sich Frau Fried die Aufzeichnung ja noch mal an. Vielleicht vergleicht sie ihre mechanisch anmutende Vorstellung von Mariana Lekys „Die Herrenausstatterin“ mit Noethens Begeisterung für Miljenko Jergovic „Freelander“. Vielleicht stellt sich das ZDF irgendwann die Frage, wer auf die Idee kam, Amelie Fried mit der Moderation zu betrauen und fragt mal vorsichtig bei Ulrich Noethen an, ob er einmal im Monat Zeit habe. Und vielleicht stellt sich Ijoma Mangold auch die Frage, wie lange er sich dies noch antun möchte.

Die Sendung in der ZDF-Mediathek.

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6 Gedanken zu “Warum tut er sich das an? – „Die Vorleser“

  1. Ich fürchte, meine Antwort auf die Frage, warum Herr Mangold sich das antut, ernüchtert Sie: Weil er nur mässig besser ist. Man sehe hierzu seine Hymne auf Hegemanns Buch (und seinen Kommentar zum gleichen Thema in der ZEIT). Oder seine Bachmannpreisauftritte. Da er a priori als das intellektuelle Gegengewicht zu Fried gilt (was, wie gesagt, meines Erachtens, eine Täuschung ist), wird sein Ruf auch nicht übermässig ramponiert, was an seiner Auswahl der „drei Bücher in drei Minuten“ (auch das 1100seitige „2666“ bekam eine Gnadenimunte bei ihm) deutlich erkennbar ist. Er darf als intellektuelles Feigenblatt fungieren; diese Rolle gefällt ihm, weil kein anderer Intellektueller neben ihm sitzt.

    Ich frage mich, wieso einem das ZDF unter all den zur Verfügung stehenden Moderatoren für eine solche Sendung ausgrechnet Frau Fried antut. Die Sendung kann man nur noch ansehen, um sich an der fortlaufenden Selbstdemontage dieser Frau zu ergötzen. Gleich in der ersten Sendung empfahl sie in einer Besprechung eines Buches von Lars Gustafsson diesem einen Lektor, was natürlich köstlich ist, denn hätte es einen Lektor für Amelie-Fried-Bücher gegeben, wären diese gar nicht erst erschienen.

    Ich war sehr dafür, Frau Heidenreich zu kippen. Aber man sieht, was man stattdessen bekommt. Es geht immer noch eine Stufe schlechter.

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  2. Das Problem, das die öffenlich-rechtlichen Sender haben, nämlich die Konkurenz aus den Reihen der Privaten, müssen sie mit einer Anpassung ihrer Sendungen an das Niveau der Privatsender wieder wett machen. So scheint man zumindest zu glauben. Und da ist dann leider auch kein Platz mehr für Intellektuelle, denn der Zuschauer von heute will natürlich nicht überfordert werden, so er denn einmal zum Buch greift. Das ZDF tut seinen Zuschauern, die ohnehin ständig mit Filmen aus Reihen wie Rosamunde Pilcher (nur als Beispiel), die auch nur seichte unterhaltung sind, damit aus eigener Sicht einen gefallen. Schade.

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  3. @CrazyEddie
    Ihr Argument der Anpassung an das Privatfernsehen ziieht hier ja meines Erachtens gar nicht: Da es im Privatfernsehen keine adäquate Sendung gibt, kann man kein Niveau unterbieten. Das macht das ZDF schon ganz alleine. (Und neuerdings auch das SF mit dem „Literaturclub“.)

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  4. Ich mag solche Büchersendungen eigentlich ganz gerne, stufe ich sie einfach gleich lieber etwas weiter unten in ihrer Aussagekraft für meine Wenigkeit an und „kuck“ dann eben mal, was andere so lesen.

    Diese hier kannte ich nicht, und ich habe versucht, über die Mediathek, mich nun schlauer zu machen. Ich habe zwei Minuten geschafft.

    Als Hausmann war ich mit meinen Kindern bei vielen „U-Untersuchungen“ beim Kinderarzt. Diese hatte, den Kindern gefiel das, exakt den selben Duktus und Mimik drauf, wie hier die Moderatorin. Auch Kindergärtnerinen reden am ersten Tag etwa so.

    Verzeihung, das schaffe ich nicht lange. Auch wenn ich dann die Chance verpasse, mir eine etwas fundiertere Meinung zur Sendung zu bilden. Aber dafür bin ich echt nicht erwachsen geworden.

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