Leipziger Buchmesse 2010 – ein Rückblick


Man findet unendlich viel Interessantes beim Gang über die Buchmesse. Und vermutlich ist einem ebensoviel entgangen, weil zwischen all den Terminen und Gesprächen, den Atem- und Kaffeepausen die Zeit verfliegt und es plötzlich Sonntagabend ist. Deshalb an dieser Stelle nur einige – und nicht alle – Höhepunkte aus den Programmen der Aussteller.

Die Entdeckung

Mit seinem ersten Programm überhaupt legt der Züricher Verlag Walde & Graf die Messlatte mal eben richtig hoch an. Im liebenswert-interessanten „Wetterpropheten“ öffnet sich mit dem Muotatal eine vor allem für uns Städter reichlich unbekannte Welt. Im Buch dreht sich alles um das Vorherbestimmen des Wetters, ohne Satellitenbilder und teure Wetterstationen. Aufwändig und mit Liebe zum Detail gestaltet – eins der schönsten Bücher, das ich in diesem Jahr in der Hand hatte.

Genauso schön ist die nostalgische „Tour de Suisse“, die mittels alter Tourismusplakate, zum Teil aufklappbar, den Betrachter zu den schönsten Orten der Schweiz führt.

Mit „Die grossen Künstler und ihre Geheimnisse“ findet sich eine ungewöhnliche Kunstgeschichte im Programm, mit „Die von Montparnasse“ ist ein Roman aus den Zwanziger Jahren über die wahre Pariser Boheme wiederzuentdecken.

Besser kann ein Verlagsstart kaum sein.

Zufallsfund

Niemand mag Menschen, die mitten in vollen Gängen plötzlich stehen bleiben und mit ihrer Begleitung  ein Gespräch darüber anfangen, ob sie zuhause den Herd ausgeschaltet haben oder was weiß ich. Wirklich, liebe Imgangstehenbleiber, alle anderen können euch nicht ausstehen, auch ich nicht. Allerdings wäre ich so sicher am Stand des Vacat Verlags vorbeigelaufen.  Nachdem ich also auf zwei mittelalte Herrschaften geprallt war und es nicht weiter ging, blickte ich auf die Reihe „Potsdamer Pomologische Geschichten“. Herausgegeben von Martina Heilmeyer bieten die einzelnen Bände eine Kulturgeschichte verschiedener Obstsorten. Fundierte Beiträge werden mit historischen Abbildungen ergänzt, einige – wenige – Rezepte runden die Betrachtung ab. Die Reihe ist für den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland nominiert und dies vollkommen berechtigt.

Diesmal sei also den beiden Imgangstehenbleibern verziehen, beim nächsten Mal aber …

Der Selbstverleger

In 99 von 100 Fällen, mindestens, gibt es genau einen einzigen Grund, ein Buch im Selbstverlag herauszugeben. Es ist einfach zu schlecht für jedes anständige Verlagsprogramm. Die Resultate sind entsprechend mager und selten genügen die Bücher ästhetischen Ansprüchen.

Dies zumindest kann man den Büchern von Richard K. Breuer nicht vorwerfen.

Das Erscheinungsbild ist durchaus genehm, ein erster Blick auf den Text von „Brouille“ lässt zudem erkennen, dass der Autor sprachlich versiert ist. Ob der Roman der eine von hundert Fällen ist, wird die Lektüre zeigen, Zuversicht ist aber angebracht.

Bastelnde Preisträger

Feierstimmung am Stand von Voland & Quist, gerade mit dem Kurt-Wolff-Förderpreis gekürt. Zuvor musste aber noch gebastelt werden, da Volker Strübings „Mister und Missis.Sippi“ noch nicht aus der Druckerei kam. Die Regale wurden mit Dummies geziert, die in mühevolle Handarbeit hergestellt wurden. „Mister und Missis.Sippi“ ist das Begleitbuch zur gleichnamigen Reisedokumentation, die Ostern auf 3Sat gesendet wird. Und wenn das Buch auch  nur halb so komisch und intelligent ist wie der Vorgänger „Nicht der Süden“, dann sollte man sich den Erscheinungstermin 2. April schon mal im Kalender ankreuzen.

Was lange währt, wird gut

Mehrere Jahre haben Rene Simmen und der Salis Verlag an „Aber Simens, Schnee im August?“ gearbeitet. Das Resultat: ein Prachtband, der die reale Geschichte der Tessiner Familie Delmonico, die im 19. Jahrhundert auswanderte und eins der exklusivsten Restaurants in New York gründete, erzählt. Fakten und historische Bilder und Dokumente werden mit einer Romanhandlung vermischt. So entsteht eine ungewöhnliche Symbiose, ein Buch, in dem allein das Blättern eine Freude ist.

Wieder was gelernt

Die Mädels und Jungs in ihren Mangakostümen, seit Jahren fester Bestandteil der Leipziger Buchmesse, nennt man Cosplayer ( eine Kreation aus Costume und Player).

Dass häufig die Mädchen die knappsten Kostüme anhaben, die man am wenigsten in knappen Kostümen sehen will, weiß ich allerdings nicht erst seit diesem Jahr.

Und sonst noch so?

Einen eigenartigen, faszinierenden Mix aus elektronischer Musik und gesprochenen Texten brachten grossraumdichten aus Stuttgart auf die Bühne.

Vollkommen subjektiv: Das schönste Buch in der Ausstellung der Stiftung Buchkunst war „FabricPropio: O design da pastelaria semi-industrial portuguesa – The design of portuguese semi-industrial confectionary“

Vollkommen objektiv: Ich hatte mal wieder die falschen Schuhe an.

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5 Gedanken zu “Leipziger Buchmesse 2010 – ein Rückblick

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