Thriller und Gesellschaftspanorama. Giancarlo De Cataldo „Romanzo Criminale“


„Politthriller“ ist der Roman untertitelt. Und dies ist auf der einen Seite vollkommen korrekt, greift auf der anderen Seite aber doch zu kurz. „Romanzo Criminale” erfüllt alle Voraussetzungen für einen anständigen Thriller. Der Spannungsbogen zieht sich von der ersten bis zur letzten Seite, der Roman ist ein echter Pageturner. Über einen Zeitraum von rund 15 Jahren, von Mitte der Siebziger bis Ende der Achtziger, wird die Geschichte einer römischen Bande von Kleinkriminellen erzählt, die sich innerhalb kurzer Zeit zu gewichtigen Figuren der Organisierten Kriminalität entwickeln, die im Bereich Prostitution ebenso mitmischen wie sie recht schnell den Drogenmarkt in Rom kontrollieren. Um ihren Gründer Libanese sammeln sich zahlreiche Charaktere, die De Cataldo durchaus präzise zeichnet. Gegenpart ist Kommissar Nicola Scialoja, anfangs idealistisch, später zunehmend desillusioniert und immer stärker in das System eingebunden. Eine Stärke des Romans sind die Graustufen, mit denen die Figuren beschrieben werden. Gut und böse verwischen, jede einzelne Figur ist nicht durchweg unsympathisch oder sympathisch. Scialoja zeigt immer wieder menschliche Abgründe auf, das kriminelle Personal trägt immer wieder auch Züge, die beim Leser Empathie hervorrufen. Im Laufe der Handlung wird viel gestorben und gemordet, auch Libanese wird zu einem relativ frühen Zeitpunkt getötet. Die Handlung bleibt dadurch lebendig, ständig treten Figuren auf und wieder ab. Und letztlich stellt der Leser fest, dass es keine Helden gibt. Mit dem Aufstieg der Bande beginnt auch ein Wechselspiel mit Politik und Mafia. Jeder versucht jeden für seine Zwecke einzuspannen, die Grenzen zwischen stattlicher Ordnung und kriminellen Strukturen existieren nicht. Um ihre geschäftlichen Interessen durchzusetzen, werden Beamte, Richter und Journalisten bestochen, staatliche Organe benutzen die Kriminellen hingegen, um eigene politische Interessen durchzusetzen. In „Romanzo Criminale“ werden die realen politischen Verhältnisse Italiens als Folie für die Romanhandlung benutzt. Und an dieser Stelle ist der Roman dann auch mehr als ein Politthriller. De Cataldo arbeitet als Richter an einem römischen Gericht, er kennt die Verhältnisse. Und er schreibt einen Roman, der auch ein gewaltiges Gesellschaftspanorma ist. Es wird ein Bild einer Gesellschaft beschrieben, deren demokratische Strukturen sich auflösen. Die 1970er und 1980 in Italien waren geprägt von Terror, linkem und rechten. Die Ermordung Aldo Moros und der Bombenanschlag auf den Hauptbahnhof von Bologna sind Fixpunkte, Ereignisse, die bis heute nicht zur Gänze aufgeklärt sind. Die Verstrickung staatlicher Stellen und Organisationen in kriminelle Machenschaften nahm zu und zog sich durch nahezu die gesamte Parteienlandschaft. De Cataldos Roman ist Fiktion und Schlüsselroman zugleich. Und am Ende ist nichts zu Ende, die Protagonisten wechseln, die Methoden ändern sich. Wie auch in der Realität. Die Aufdeckung der kriminellen Aktivitäten und die folgende Auflösung der Democrazia Cristiana zu Beginn der 90er machte den Weg frei für das System Berlusconi.

Übersetzt wurde Romanzo Criminale von Karin Fleischanderl. Gelegentlich schimmert durch, dass Frau Fleischanderl Österreicherin ist, die eine oder andere Redewendung verrät es.

Ergänzend und erklärend hätte dem Roman ein kurzer Abriss über die historischen Eckdaten und Ereignisse gut getan. Vieles aus der jüngeren italienischen Geschichte dürfte dem Leser aus dem deutschsprachigen Raum nicht zwangsläufig präsent sein und so lenken Schlagworte wie Ustica kurzfristig von der Lektüre ab.

Man will sich aber nicht ablenken lassen. Romanzo Criminale ist ein packender, fesselnder Roman.

Giancarlo De Cataldo: Romanzo Criminale

Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl

Gebunden mit Schutzumschlag, 575 S., 13,5 x 21 cm

ISBN 978-3-85256-508-8

€ [D/A] 24,90 / € [I] 23,60 / sFr 42,90

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Warum tut er sich das an? – „Die Vorleser“


Warum tut sich Ijoma Mangold das an?

Gut, das ZDF bezahlt vermutlich recht anständig. Aber wie hoch muss die finanzielle Entschädigung sein, um es hinzunehmen, von einer selbstgefälligen Schriftstellerdarstellerin regelmäßig vor großem Publikum – naja, so viele Zuschauer sind es zwar nicht, aber trotzdem – wie ein Schuljunge abgebügelt zu werden? „Ihr Intellektuellen“ raunzt es da süffisant beim Namen Proust, um gleich, Frau Fried ist ja auch Journalistendarstellerin, investigativ nachzufragen, ob denn der Herr Mangold tatsächlich die ganze „Suche nach der verlorenen Zeit“ gelesen habe? Ist ja schließlich echt ein dickes Werk.

Kommt jemand mit einem dicken Buch in die Sendung, dann ist für Frau Fried grundsätzlich Skepsis angebracht, Detlev Buck musste sich ebenfalls fragen lassen, ob er denn wirklich die komplette Mao-Biographie (Chang/Halliday) – sind ja schließlich knapp 1000 Seiten – gelesen habe. Dass er trotz dieser Anmaßung blieb, sie elegant ignorierte, ehrt ihn.

Aber dieses „ihr Intellektuellen“ lohnt doch eine nähere Betrachtung. Wie elegant demonstriert Frau Fried da, dass sie doch eine von uns, eine aus dem Volke ist. Sie weiß, was normale Menschen lesen wollen, sie ist schließlich, ihre Bescheidenheit verbietet es aber, es explizit zu erwähnen, Bestsellerautorin, der die NZZ dereinst gute Chancen bescheinigte, Hera Linds Thronfolgerin zu werden. Sie kennt sich also aus in Sachen Literatur, da kann Ijoma Mangold – kein Bestseller bisher, nur stellvertretender Feuilletonchef der ZEIT und Mitglied der Bachmannpreis-Jury- natürlich nicht gegenhalten.

Deshalb weiß sie auch, dass der gemeine Leser keine Bücher lesen will, die sich gängigen Erzählstrukturen und eingetretenen Pfaden im Handlungsaufbau entziehen. Solche Bücher findet Frau Fried zumeist nicht so toll, da stört sie bei Enquist, dass ihr seine Motivation verschlossen bleibt, da er, leider leider, vergessen hat, sie im Text einfach und verständlich zu erklären. Anne Weber mochte sie auch nicht. Das ist, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, ihr gutes Recht. Wie schön könnten „Die Vorleser“ sein, wenn mit Argumenten um Literatur gestritten würde (Und wenn man nicht gefühlt 20 Bücher in knapp 30 Minuten durchpeitschen würde.) .

Leider sind Mangold und Fried unterschiedlich bewaffnet. Aber um gleich klarzustellen, wer in der Sendung das Sagen hat, beginnt Frau Fried ihre Erwiderung auf Mangolds Lobesworte zu „Luft und Liebe“ mit dem Satz „Ich fürchte, du irrst dich!“ Schon klar, sie wurde schließlich mal als Hera Linds Thronfolgerin in Stellung gebracht, er – und alle anderen Kritiker (=Intellektuelle, pfui) – die Anne Weber auf die Shortlist zum Preis der Leipziger Buchmesse setzten, können da argumentativ nicht mithalten. Mangolds Widerrede wird überheblich weggelächelt. Mittelmaß setzt sie als allgemein gültigen Geschmacksmaßstab über reflektierende Auseinandersetzung.

Literatur muss schließlich hübsch geschmeidig sein, bloß keine Überraschungen liefern (außer vielleicht, dass Lieschen Müller am Ende nicht Roberto, sondern Klaus erwählt) und vor allem: nicht anstrengend zu sein. Fordernde, außergewöhnliche Lektüre ist was für Intellektuelle (Igitt!)

Ulrich Noethen hatte ein nicht ganz so dickes Buch mitgebracht, deshalb bekam er nur die noch nie gestellte Knallerfrage – Wie schaffen Sie es, bei all Ihrer Arbeit überhaupt zum Lesen zu kommen?

Dann aber lieferte Ulrich Noethen ein paar Minuten Anschauungsunterricht, wie man begeisternd von einem Roman erzählen kann und dabei nicht wirkt, als hätte man seine Worte auswendig gelernt oder läse sie grad vom Teleprompter ab.

Vielleicht schaut sich Frau Fried die Aufzeichnung ja noch mal an. Vielleicht vergleicht sie ihre mechanisch anmutende Vorstellung von Mariana Lekys „Die Herrenausstatterin“ mit Noethens Begeisterung für Miljenko Jergovic „Freelander“. Vielleicht stellt sich das ZDF irgendwann die Frage, wer auf die Idee kam, Amelie Fried mit der Moderation zu betrauen und fragt mal vorsichtig bei Ulrich Noethen an, ob er einmal im Monat Zeit habe. Und vielleicht stellt sich Ijoma Mangold auch die Frage, wie lange er sich dies noch antun möchte.

Die Sendung in der ZDF-Mediathek.

Leipziger Buchmesse 2010 – ein Rückblick


Man findet unendlich viel Interessantes beim Gang über die Buchmesse. Und vermutlich ist einem ebensoviel entgangen, weil zwischen all den Terminen und Gesprächen, den Atem- und Kaffeepausen die Zeit verfliegt und es plötzlich Sonntagabend ist. Deshalb an dieser Stelle nur einige – und nicht alle – Höhepunkte aus den Programmen der Aussteller.

Die Entdeckung

Mit seinem ersten Programm überhaupt legt der Züricher Verlag Walde & Graf die Messlatte mal eben richtig hoch an. Im liebenswert-interessanten „Wetterpropheten“ öffnet sich mit dem Muotatal eine vor allem für uns Städter reichlich unbekannte Welt. Im Buch dreht sich alles um das Vorherbestimmen des Wetters, ohne Satellitenbilder und teure Wetterstationen. Aufwändig und mit Liebe zum Detail gestaltet – eins der schönsten Bücher, das ich in diesem Jahr in der Hand hatte.

Genauso schön ist die nostalgische „Tour de Suisse“, die mittels alter Tourismusplakate, zum Teil aufklappbar, den Betrachter zu den schönsten Orten der Schweiz führt.

Mit „Die grossen Künstler und ihre Geheimnisse“ findet sich eine ungewöhnliche Kunstgeschichte im Programm, mit „Die von Montparnasse“ ist ein Roman aus den Zwanziger Jahren über die wahre Pariser Boheme wiederzuentdecken.

Besser kann ein Verlagsstart kaum sein.

Zufallsfund

Niemand mag Menschen, die mitten in vollen Gängen plötzlich stehen bleiben und mit ihrer Begleitung  ein Gespräch darüber anfangen, ob sie zuhause den Herd ausgeschaltet haben oder was weiß ich. Wirklich, liebe Imgangstehenbleiber, alle anderen können euch nicht ausstehen, auch ich nicht. Allerdings wäre ich so sicher am Stand des Vacat Verlags vorbeigelaufen.  Nachdem ich also auf zwei mittelalte Herrschaften geprallt war und es nicht weiter ging, blickte ich auf die Reihe „Potsdamer Pomologische Geschichten“. Herausgegeben von Martina Heilmeyer bieten die einzelnen Bände eine Kulturgeschichte verschiedener Obstsorten. Fundierte Beiträge werden mit historischen Abbildungen ergänzt, einige – wenige – Rezepte runden die Betrachtung ab. Die Reihe ist für den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland nominiert und dies vollkommen berechtigt.

Diesmal sei also den beiden Imgangstehenbleibern verziehen, beim nächsten Mal aber …

Der Selbstverleger

In 99 von 100 Fällen, mindestens, gibt es genau einen einzigen Grund, ein Buch im Selbstverlag herauszugeben. Es ist einfach zu schlecht für jedes anständige Verlagsprogramm. Die Resultate sind entsprechend mager und selten genügen die Bücher ästhetischen Ansprüchen.

Dies zumindest kann man den Büchern von Richard K. Breuer nicht vorwerfen.

Das Erscheinungsbild ist durchaus genehm, ein erster Blick auf den Text von „Brouille“ lässt zudem erkennen, dass der Autor sprachlich versiert ist. Ob der Roman der eine von hundert Fällen ist, wird die Lektüre zeigen, Zuversicht ist aber angebracht.

Bastelnde Preisträger

Feierstimmung am Stand von Voland & Quist, gerade mit dem Kurt-Wolff-Förderpreis gekürt. Zuvor musste aber noch gebastelt werden, da Volker Strübings „Mister und Missis.Sippi“ noch nicht aus der Druckerei kam. Die Regale wurden mit Dummies geziert, die in mühevolle Handarbeit hergestellt wurden. „Mister und Missis.Sippi“ ist das Begleitbuch zur gleichnamigen Reisedokumentation, die Ostern auf 3Sat gesendet wird. Und wenn das Buch auch  nur halb so komisch und intelligent ist wie der Vorgänger „Nicht der Süden“, dann sollte man sich den Erscheinungstermin 2. April schon mal im Kalender ankreuzen.

Was lange währt, wird gut

Mehrere Jahre haben Rene Simmen und der Salis Verlag an „Aber Simens, Schnee im August?“ gearbeitet. Das Resultat: ein Prachtband, der die reale Geschichte der Tessiner Familie Delmonico, die im 19. Jahrhundert auswanderte und eins der exklusivsten Restaurants in New York gründete, erzählt. Fakten und historische Bilder und Dokumente werden mit einer Romanhandlung vermischt. So entsteht eine ungewöhnliche Symbiose, ein Buch, in dem allein das Blättern eine Freude ist.

Wieder was gelernt

Die Mädels und Jungs in ihren Mangakostümen, seit Jahren fester Bestandteil der Leipziger Buchmesse, nennt man Cosplayer ( eine Kreation aus Costume und Player).

Dass häufig die Mädchen die knappsten Kostüme anhaben, die man am wenigsten in knappen Kostümen sehen will, weiß ich allerdings nicht erst seit diesem Jahr.

Und sonst noch so?

Einen eigenartigen, faszinierenden Mix aus elektronischer Musik und gesprochenen Texten brachten grossraumdichten aus Stuttgart auf die Bühne.

Vollkommen subjektiv: Das schönste Buch in der Ausstellung der Stiftung Buchkunst war „FabricPropio: O design da pastelaria semi-industrial portuguesa – The design of portuguese semi-industrial confectionary“

Vollkommen objektiv: Ich hatte mal wieder die falschen Schuhe an.

Zur Neuübersetzung des Simplicissimus.


Im Laufe des Studiums der Komparatistik galt es für mich dereinst, eine Lektüreprüfung abzulegen. Auf der Liste der zu lesenden Bücher befand sich auch „Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch“, der barocke Romankoloss, der in vielen Bücherregalen zu finden war, zumeist aber in jungfräulicher, d.h. ungelesener Gestalt. Eine erste, kurze Begegnung hatte ich bereits im Geschichtsunterricht, in dem die Szene des Überfalls auf den Hof der (vermeintlichen) Eltern exemplarisch für die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges stand. Ich wusste also, was ein „Schwedentrunk“ ist, mehr vom Inhalt kannte ich damals nicht. Nun galt es also, die Lektüre zu vollziehen. Damals kannte ich auch das Wort prokrastinieren nicht, ließ mich aber nicht davon abhalten, es trotzdem zu tun. Kurzum, der Tag der Lektüreprüfung rückte näher und man erkannte, dass „Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch“ mitnichten mal eben schnell noch zu lesen war. Nicht nur, weil er doch eine beachtliche Länge hat. Die Sprache war es, welche die Lektüre durchaus zäh und langwierig machte.

Lange Rede, kurzer Sinn, die Lektüre war nicht mehr zu schaffen und Spaß daran hatte man auch nicht. Also schaute ich in Kindlers Literaturlexikon, merkte mir ein paar inhaltliche Aspekte und Deutungsmöglichkeiten und hoffte, dies würde für die Lektüreprüfung reichen. Es reichte, was aber vor allem daran lag, dass die Diskussion über „Effi Briest“ in die Länge gezogen wurde, so dass für den Simplicissimus keine Zeit mehr blieb.

Dabei wäre es vermutlich geblieben, wenn nicht Reinhard Kaiser eine Übersetzung „Aus dem Deutschen des 17. Jahrhunderts“ vorgelegt hätte.

Und wie begeistert ich davon war, steht im Blog Literaturwelt.