Ohne weiteres auf derselben Stufe wie Shakespeare. Die Wodehouse-Gesamtausgabe der Edition Epoca


Die Antwort auf die Frage nach dem Buch, das man auf eine einsame Insel mitnähme, muss wohl überlegt sein. Nicht, dass man jemals in die Verlegenheit käme, sich tatsächlich entscheiden zu müssen. Einsame Inseln erreicht man zumeist, die Literatur- und Fernsehgeschichte lehrt es, in Folge misslicher Umstände und ich bin sicher, weder Robinson Crusoe noch Gillegan oder Mary Ann hatten sich diese Frage vorher gestellt und das EINE Buch eingepackt. Lassen wir also mal kurz außer Acht, dass einen der Inselaufenthalt unvermittelt treffen wird und man wahrscheinlich durch eine Laune des Schicksals in diesem Moment, warum auch immer, nur einen Roman von Gabriele Wohmann einstecken hat.

Welches Buch also mitnehmen? Den Zauberberg oder doch lieber Moby Dick? Vielleicht den Ulysses – auf einer einsamen Insel hat man dann Zeit und keine Ausrede mehr, ihn nicht endlich doch mal zu lesen – oder den Mann ohne Eigenschaften? Dante oder Pynchon, Goethe oder Shakespeare?
Über Shakespeare schrieb ein anderer englischer Autor einmal: Shakespeares Sachen unterscheiden sich von den meinen, was aber nicht unbedingt heißt, dass sie minderwertig sind. Und weiter: Ich glaube auch nicht, dass mir je sehr viel Besseres als der Falstaff gelungen ist.
Letztlich gesteht er Shakespeare zu: Ich würde ihn ohne weiteres auf dieselbe Stufe wie Wodehouse stellen.

Der da Shakespeare und Wodehouse auf eine Stufe stellt, wurde 1881 als Pelham Grenville Wodehouse geboren. Den größten Teil seines Lebens verbrachte er in den USA, in den 30er Jahren zog es ihn aus steuerlichen Gründen nach Frankreich. Während der deutschen Besetzung wurde er in Oberschlesien interniert. Die oberschlesische Landschaft würdigte er mit dem Satz „Wenn das Oberschlesien ist, wie muss dann erst Unterschlesien aussehen?“. Wodehouse ließ sich darauf ein, für einen deutschen Propagandasender zu arbeiten. Die daraufhin, nach Kriegsende, in Großbritannien stattfindende Debatte, veranlasste Wodehouse, dauerhaft in die USA überzusiedeln und Mitte der 50er auch die amerikanische Staatsbürgerschaft anzunehmen.

Und doch blieb er einer der Autoren, die das Bild von England prägten. Natürlich handelt es sich dabei nicht um ein reales England, es ist ein England, von dem man glauben möchte, es hätte es gegeben. Man findet es auch bei Jerome K. Jerome und in den hierzulande nahezu unbekannten Lucia-Romanen von E.F. Benson.
Das England, das Wodehouse konstruiert, kennt weder soziale Gegensätze noch Verbrechen. Armut bei Wodehouse bedeutet, dass „Tuppy“ Glossop auf das falsche Pferd gesetzt hat und die nächsten drei monatlichen Zuwendungen dem Buchmacher zufließen. Der Gipfel der Kriminalität besteht darin, einem Bobby den Helm zu klauen oder ein versehentlich am falschen Ort gelandetes Sahnekännchen in Kuhform durch einen nächtlichen Einbruch wieder dem ursprünglichen Besitzer zurück zu eignen.

Das Leben findet zwischen dem Drones Club und Blandings Castle oder Steeple Bumpleigh statt.
Im Drones Club vertreibt sich der Junggeselle von Welt die Zeit zwischen mittäglichem Frühstück und abendlichen Lustbarkeiten, die in aller gebotenen Keuschheit stattfinden, bei denen aber Trinkfestigkeit, wenn nicht Voraussetzung, so doch zumindest hilfreich wäre. Es ist ein schönes Leben, dass Bertram Wooster, Roberta Wickham, Gussie Fink-Nottles, Lord Emsworth und alle anderen führen könnten, alle wären glücklich und zufrieden, wenn nicht missliche Umstände wie eine ungewollte Verlobung immer wieder zu Irrungen und Wirrungen führen würden. Es sind nicht gerade dunkle Gewitterwolken, die dann am Horizont aufziehen, eher Cumuluswolken, die sich kurz vor die Sonne schieben.

Wodehouse entfaltet in jedem seiner Romane aufs neue einen weitverzweigten Plot, in dem sich aus einer kleinen Gegebenheit, gleichsam dem Flügelschlag des Schmetterlings, das prächtigste Chaos entwickelt. Es ist eigentlich unmöglich, die Handlungsfäden eines Wodehouse-Romans einigermaßen prägnant wiederzugeben. Nachdem man ganz kurz und knapp die erste A4-Seite vollgeschrieben hat, stellt man fest, dass man mindestens noch ein, zwei weitere Handlungsstränge vergessen hat, und gibt auf. Die zentralen Elemente wiederholen sich sowieso permanent. Butler Jeeves hilft Bertram Wooster aus sämtlichen Verlegenheiten, in die sich der herzensgute, aber nur mittelmäßig mit Intelligenz gesegnete Junggeselle bringt. Lord Emsworth sorgt sich um die Kaiserin von Blandings, seine preisgekrönte Sau, wird dabei aber ständig gestört, ja sogar mit schöner Regelmäßigkeit in Panik versetzt, da Schweineentführung zum unverzichtbaren Repertoire der Handlung gehören.
Mulliner hingegen versorgt alle, die nicht schnell genug das Angler’s Rest verlassen, mit Geschichten über seine umfangreiche Verwandtschaft. Und natürlich bekommt jeder am Ende den- oder diejenige, die er verdient oder entgeht der Ehe mit dem- oder derjenigen, die er nicht verdient. Der Reiz liegt in den Wegen, die zum glücklichen Ende führen.

Zur Raffinesse der Handlung, deren Konstruktion für Wodehouse eine Plackerei war, gesellt sich ein meisterhaftes Gespür für Pointen. Jede einzelne, wirklich jede, Pointe sitzt. Die Klaviatur reicht vom Schmunzeln bis zum brüllenden Gelächter und Wodehause spielt sie unnachahmlich und unerreicht. Literarische Komik, die über die Zeiten bestehen kann, funktioniert nur, wenn der Autor über einen Stil verfügt, der sich die reichen sprachlichen Möglichkeiten in der Gesamtheit zu Nutze macht. Wodehouse bediente sich der Möglichkeiten. Das Oxford English Dictionary weist 1600 Stellen nach, in denen Wodehouse die englische Sprache mit neuen Bedeutungen bestehender Worte oder Neuschöpfungen bereichert.

Im englischen Sprachraum gehört P.G. Wodehouse längst zum literaturgeschichtlichen Kanon und zu den meistgelesenen Autoren überhaupt. Deutschsprachige Leser mussten bis zur letzten Jahrhundertwende mit dem Vorlieb nehmen, was ihnen in zumeist stümperhafter Übersetzung, liebloser Aufmachung und unter derart grotesken Titeln präsentiert wurde, das man die Romane besser mit einem Konsalik-Schutzumschlag tarnte. Lediglich Rowohlt versuchte sich daran, einige Romane in etwas würdigerer Form zu präsentieren, ließ es aber bald wieder sein. Von den rund 90 Werken liegen bislang weniger als die Hälfte in deutscher Übersetzung vor.

Im Jahr 2000 begann die Edition Epoca mit der Herausgabe des gesamten Wodehouse in neuer Übersetzung. Erstmals erhielten die Romane und Erzählungen die äußere Form, die sie verdienen. Im festen Einband, die Titel in Silber gedruckt, und handlichem Format kommen die Bände daher. Die Innenseiten des Einbands sind mit floralen Motiven versehen, die Aufmachung erinnert an Poesiealben.

Neben Neuübersetzungen liegen einige Werke erstmal in deutscher Sprache vor.
Mit „Mulliner schenkt ein“ machen wir Bekanntschaft mit der illustren Gesellschaft des Angler’s Rest und werden von Mr. Mulliner unter anderem vor den Gefahren des Nichtrauchens in eindrücklicher Form gewarnt.
„In alter Frische“ ist der Einstieg in den Blandings-Zyklus und mit „Reiner Wein“ liegt die Autobiographie des P.G. Wodehouse vor, die den deutschen Untertitel „Autobiographische Abschweifungen“ trägt. In dieser erfahren wir einiges über den Autor, aber sehr viel darüber, dass das Fernsehen vor 50 Jahren auch nicht besser war, und das Rauchen stärkt und den Körper stählt.

Der silberne Glanz der Buchtitel verblasst aber gegen den Glanz der Übersetzung von Thomas Schlachter. Schlachter meinte selbst dazu: „Wenn der deutschsprachige Leser an denselben Stellen, aus denselben Gründen und in derselben Lautstärke kichert, prustet und losbrüllt wie der Leser des Originals, dann glaubt der Übersetzer seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit getan zu haben.“
Er hat. Und er tut es noch. Er muss auch. Bei rund 90 Wodehouse-Büchern und ca. 2 Neuübersetzungen pro Jahr dauert es noch etliche Jahre, bis die Gesamtausgabe vollständig ist. Insofern beruhigt es, dass Verleger Urs Kummer auf der letzten Buchmesse in Frankfurt einen äußerst fidelen Eindruck machte und auch Thomas Schlachter wirkt auf dem Autorenfoto noch ziemlich frisch.

Lobeshymnen und Liebeserklärungen an Wodehouse gibt es in schier unendlicher Zahl. Eine der schönsten stammt von Daniel Kehlmann und findet sich am Ende der genannten Bände.
Deshalb an dieser Stelle nur eins: Literatur kann vieles erreichen. Sie kann uns klüger machen, sie kann uns zum weinen oder zum lachen bringen. Literatur kann uns die Welt oder auch nur einen Teil der Welt erklären, sie kann Welten erschaffen.
Und manchmal macht Literatur einfach nur glücklich. Wodehouse lesen macht glücklich und deshalb nehme ich nicht Dante oder Musil mit auf die einsame Insel, sondern Wodehouse.
Wobei sich hier dann die nächste Frage anschließt: Welches Buch? Aber dies führte jetzt zu weit und ist weit schwerer zu beantworten als die Frage, welche seiner Romane man überhaupt lesen sollte. Die Antwort lautet: Alle!

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