Nachtrag zu „Zehn Punkte, an denen man eine gute Buchhandlung erkennt“


Nachdem der Beitrag innerhalb von 24 Stunden zum meistgeklickten Beitrag im Blog überhaupt wurde, an dieser Stelle noch ein paar Gedanken dazu. Selbstverständlich bin ich mir im Klaren darüber, dass eine Buchhandlung in erster Linie ein Unternehmen ist, dessen Ziel sein muss, Gewinn zu machen. Einige der Kommentare wiesen berechtigt darauf hin. Und natürlich sollte ein Buchhändler einen Kunden, der ein  allerdings wirklich selten dämliches Buch wie „The Secret“ kaufen will, nicht mit verächtlichen Blicken strafen.
Ein guter Buchhändler vermag es aber möglicherweise, dem Kunden stattdessen ein besseres Buch zu empfehlen (und die Messlatte für ‚besser’ liegt hier extrem niedrig). Und natürlich wird er auch „The Secret“ verkaufen, wenn es denn unbedingt sein muss.
Bei allen zehn Punkten auf der Liste hatte ich sowohl im Positiven als auch Negativen bestimmte Buchhandlungen vor Augen.
Keine erfüllt alle Kriterien, aber zum Glück erfüllen einige zumindest viele dieser Kriterien. Es gibt sie nämlich, die Buchhandlungen, in denen im Eingangsbereich nicht stapelweise 0815-Bestseller präsentiert werden. In denen man nicht vergebens nach gar nicht mal so ausgefallenen, aber nicht omnipräsenten Romanen sucht. In denen es tatsächlich noch ein Regal gibt, das komplett mit Lyrik gefüllt ist. Buchhandlungen, deren Schaufenster einen geradezu zwingt, den Laden zu betreten. Viele dieser Buchhandlungen arbeiten durchaus mit Erfolg. Die Connewitzer Verlagsbuchhandlung behauptet sich in bester (und damit auch hochpreisiger) Leipziger Innenstadtlage seit Jahr und Tag gegen Hugendubel. Litera in Hannover feiert im nächsten Jahr 15jähriges Jubiläum. Viele der in den Kommentaren genannten Buchhandlungen sind sicher ähnlich erfolgreich. Es mag sein, dass Großstädte da im Vorteil sind, weil die potentielle Kundschaft groß genug ist. Aber ich habe im Laufe der Zeit viel mehr Buchhandlungen verschwinden sehen, um die es nicht schade ist, weil sie versuchten, die großen Ketten mit dem üblichen Bestsellerliste-Krimi-Geschenkbuchkram zu kopieren. Letztlich habe ich diesbezüglich aber in einem großen Haus dann doch mehr Auswahl. Und wenn das von mir gesuchte Buch sowieso bestellt werden muss, dann muss ich den Laden auch nicht betreten. Dafür gibt es Amazon. Ich brauche keine Buchhandlungen, in denen es für mich nichts zu entdecken gibt, weil mir das Vorhandene entweder schon bekannt ist oder mich einfach nicht interessiert.

Und auch die großen Häuser unterscheiden sich durchaus. Ich stöbere viel lieber bei Lehmanns in Hannover als im viel älteren, ebenfalls großen Buchhaus. Natürlich werden auch bei Lehmanns die üblichen Verdächtigen im Eingangsbereich präsentiert. Aber eben nicht nur. Eine größere Auswahl an Gedichtbänden ist zumindest in Hannover nicht zu finden. Die Chance, Bücher aus kleinen Verlagen zu bekommen, ist durchaus vorhanden. Als ich vor zwei Wochen „Nicht der Süden“ von Kirsten Fuchs und Volker Strübing (Voland & Quist) suchte, hätte es das mittlerweile zu einer großen deutschen Buchhandelskette  gehörende Traditionshaus erst bestellen müssen. Lehmanns hatte es vorrätig.

Edit Januar 2012: Lehmanns in Hannover hat mittlerweile wohl eine neue Geschäftsführung, das oben geschriebene stimmt leider auch nicht mehr. Das Erdgeschoss ist mittlerweile vollgepflastert mit Krimis und historischen Romanen, Bücher, die mich interessieren, findet man nur noch in geringer Anzahl.
Ein anderes größeres Haus, Decius, hat kleinen Verlagen seit einiger Zeit mit der Literaturtankstelle die Möglichkeit eingeräumt, ihr Programm an einem zentralen Punkt zu präsentieren. Wenn man nach Toby Hoffmanns „Luftsprengen“ (zeter & mordio) oder Andreas Stichmanns „Jackie in Silber“ (mairisch) sucht, dort findet man es.
Hier liegt auch eine Verantwortung (vielleicht ein zu großes Wort) des Buchhandels. Die finanziellen Schwierigkeiten, mit denen viele kleine Verlage zu kämpfen haben, liegen nicht unbedingt darin begründet, dass die Veröffentlichungen nur wenige Leser interessieren. Vielmehr mangelt es an Möglichkeiten, das Buch und den Leser zusammenzubringen, weil es schwer ist, das Sortiment an den Buchhandel abzusetzen. Statt 95 Stephenie-Meyer-Bis(s)-Schmonzetten und 5 Exemplaren von David Signers „Keine Chance in Mori“ (salis) oder Popovics „Kalda“ (Voland & Quist) werden eben 100 Meyers und kein Signer oder Popovic bestellt.
Und derartige Läden benötige ich ebenso dringend wie einen Bäcker, der labbrige Brötchen bäckt.

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2 Gedanken zu “Nachtrag zu „Zehn Punkte, an denen man eine gute Buchhandlung erkennt“

  1. Es ist wirklich spannend zu lesen, welche Idealvorstellungen von einer „Lieblingsbuchhandlung“
    existieren. Wir versuchen in Leipzig nunmehr seit fast 20 Jahren dieses Ideal mit der Realität in Einklang
    zu bringen, was ein täglicher Kampf ist, aber uns bis zum heutigen Tage auch glücklich macht: Leser für vielleicht bislang unbekannte Bücher zu begeistern, neue Autoren durchzusetzen und gar eigene Bücher zu verlegen. Und sich dabei zu zwingen, sich selbst immer wieder neu zu erfinden.

    Und manche Kunden immer wieder zu sehen, auch wenn sie nicht mehr in der Stadt leben und doch jedes Jahr wieder zu Besuch kommen.
    Für diese Leser konstant eine Insel zu bilden, den Zeitgeist nicht ignorieren und doch zeitlos zu sein,
    gute Bücher empfehlen und gleichzeitig nicht im Elfenbeinturm sitzen.

    Die Schattenseite ist sicher, daß auch diese Unternehmung ökonomisch funktionieren muß, wenn
    man langfristig bestehen will. Wenn man also kein Lottomillionär oder dergleichen ist, muß
    man also durchhalten und kämpfen und damit leben, daß die Erhaltung eines „literarischen Feinkostgeschäftes“ wirklich sehr schwierig ist, aber sonst erfüllend sein kann.

    Sucht also in Eurer Stadt die Plätze, die sich neben den großen Ladenketten und Internetanbietern behaupten. Bestellt und kauft dort bewußt, erhaltet so die letzten unabhängigen Buchhandlungen
    und die Verlage, für die sie stehen.

    Peter Hinke
    Connewitzer Verlagsbuchhandlung Leipzig

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  2. Auch ein Hannoveraner, wie nett. Die Buchhandlungen kenne ich auch, aber ich muss gestehen, dass ich seit Jahren fast ausschließlich bei Amazon zu Hause bin. Die haben einfach die beste Auswahl an englischen (und sonst fremdsprachigen) Originalen.

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