Bachmannpreis 2009 – Der zweite Tag, Teil 1


Bachmannpreis 2009 – Der zweite Tag, Teil 1

Der Vormittag.

1. Linda Stift (auf Vorschlag von Karin Fleischanderl): Die Welt der schönen Dinge

Der Text beschreibt das Innere eines Flüchtlingstransporters. Von Schleppern in einem LKW zusammengepfercht berichtet die Erzählerin von Enge, vom Verlust jeglicher Intimsphäre. Dies geschieht teilweise sehr detailliert, alles verdichtet sich. Der der Text bleibt unbestimmt, wenn es um die Gründe geht, die Menschen dazu treiben, ihre Heimat zu verlassen und unter Lebensgefahr eine neue zu suchen. Linda Stift packt da in einer Aufzählung alles rein, was jedem von uns auch einfallen würde.

Und dies ist auch das Problem des Textes. Sein Inhalt ist sehr ambitioniert, aber leider macht dies noch keinen guten Text aus. Ich nehme der Erzählerin nicht ab, dass sie in einer durchaus kunstvollen Sprache erzählen kann. Und grundsätzlich ist mir der Text viel zu politisch korrekt, er hat keine Ecken und Kanten, keine Brechungen. Er ist vorhersehbar und, ich mach jetzt mal den Spinnen, das hab alles schon mal gehört. Zuletzt auf einem Poetry Slam von einer jungen Hobbyautorin. Deren Text war auch nicht schlechter.

Zur Jurydiskussion kann ich hier nichts sagen, ich hab mich erst später zugeschaltet.

2. Ralf Bönt (auf Vorschlag von Meike Feßmann): Der Fotoeffekt

Ein Auszug aus einer Novelle. Eine an Kehlmanns „Vermessung der Welt“ erinnernde Doppelbiographie zweier Wissenschaftler, Michael Faraday und Heinrich Hertz. Erzählt wird aus der Sicht eines Phonons eines Teilchens im Schall. Neben den Forschungsgegenständen der beiden Physiker dreht sich der Text um die Auswirkungen, die der Umgang mit Quecksilber bei beiden hinterließ. Anders aber als bei Kehlmann sind die beiden Protagonisten nicht wirklich Zeitgenossen, die gemeinsame Lebenszeit beträgt nur 10 Jahre.

Die Erzählperspektive ist interessant, aber nicht so ganz überzeugend. Inhaltlich aber ist „Der Fotoeffekt“ durchaus vielversprechend.

Die Jurydiskussion zeigte, dass sich im Laufe des Wettbewerbs zwei Blöcke gebildet haben. Auf der einen Seite Spinnen, Feßmann, Mangold und Sulzer (positives Echo auf den Text) und Fleischanderl, Keller und Jandl (waren aus unterschiedlichen Gründen nicht begeistert) auf der anderen.

3. Karl-Gustav Ruch (auf Vorschlag von Paul Jandl): Hinter der Wand

In Tagebuchform hält der Ich-Erzähler die Geschehnisse in einem Mietshaus (vermutlich in Barcelona) fest. Als Beobachtungsmotiv dienen ihm Geräusche aus der Wand. Zunächst äußerst präzise beschreibt er Tagesabläufe einzelner Bewohner anhand der Geräusche, die sie verursachen. In die bekannten Geräusche mischt sich ein unbekannter Laut, den der Erzähler nicht zu deuten vermag. Im Versuch, die Ursache zu finden, wandeln sich seine präzisen Schilderungen immer mehr ins Spekulative, am Ende nimmt die Erzählung groteske Züge an.

Ein sehr gelungener Text, sprachlich vor allem in den Passagen, die detaillierte Abläufe schildern, durchaus stark. Der fließende Wandel hin ins Unbestimmte ist stimmig und narrativ konsequent. Einer der bisher besten Texte.

Die Jury war nicht ganz so begeistert, Mangold fand den Text und seine Umsetzung trivial, Spinnen hat mal wieder alles schon gelesen, Jandl verteidigte ihn natürlich.

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