Bachmannpreis 2009 – Der erste Tag


Der erste Tag ist vorüber, die ersten fünf Autoren haben gelesen.

1. Lorenz Langenegger (auf Vorschlag von Alain Claude Sulzer): Der Mann mit der Uhr

Ein ziemlich dröger Beginn mit der Geschichte eines Mannes, Viktor, der in einer dunklen Hinterhofwohnung lebt, eher Einzelgänger, aber mit Freundin, Angst davor für einen Sonderling gehaltzen zu werden. Einen Job hat er nicht, obwohl er sich darum bemüht. Er sitzt gern auf Bänken auf  dem Spielplatz oder dem Friedhof sitzt. Dort trifft er einen Mann, der Zeit totschlägt, bis eine Entscheidung zu seiner beruflichen Karriere gefällt und ihm per Telefon mitgeteilt wird. Um die Aufregung zu unterdrücken, beginnt dieser Mann, Viktor von seinem (unspektakulären) Privatleben zu erzählen. Nach einer Stunde erhält er den Anruf mit dem positiven Bescheid und verschwindet grußlos.

Das alles ist dröge, stilistisch nicht auf der Höhe, mit hölzernen Dialogen. So richtig punkten kann er damit bei der Jury nicht, man könnte das Urteil vielleicht zusammenfassen: So lala.

Schwacher Auftakt.

2. Philipp Weiss (auf Einladung von Karin Fleischanderl): Blätterliebe

Ein Text über das Schreiben von Texten. Oskar, Autor, kommt mit Krämpfen und Übelkeit in die Notaufnahme. Der Arzt ermutet Überempfindlichkeit – typisch Künstler. Seine Freundin Simone, Kindergärtnerin, wacht auf, ohne zu wissen, wo Oskar ist, ist wütend und liebt ihn zugleich. Schlussendlich ist die Ursache von Oskars Beschwerden der am Abend vorher beendete Text, der als Mageninhalt im Beutel landet.

Stilistisches Element des Textes sind ständige Wiederholungen. Der Text kreist dadurch um sich selbst, ist verkünstelt. Das ist grundsätzlich noch kein Anlass zur Kritik. Aber Weiss nervt, er entnervt den Zuhörer und auch beim Selberlesen wird er nicht besser. Der Text wirkt wie eine handwerkliche Stilübung, deren Resulat nochmals überarbeit werden sollte.

Die Jury ist auch hier noch relativ zahm, Lob und Kritik halten sich etwa die Waage, aber so richtig begeistern kann sich außer Frau Fleischanderl keiner.

3. Karsten Krampitz (auf Vorschlag von Hildegard Elisabeth Keller): Heimgehen

Quasi der Gegenpol zu Weiss. Beim Text handelt es sich um einen Auszug aus einer Novelle. Es ist eine Geschichte, die in der DDR angesiedelt ist. Rückblickend erinnert sich Ulrich Schwenke, Pfarrer in Rente, an Benno Wuttke, einen Penner, der in den kleinen Ort  und über die Freikirche mit Schwenke in Berührung kommt. Der Text beginnt mit einer Gegendarstellung, die darauf hinweist, dass Schwenke kein Stasispitzel war. Ebenfall gleich zu Beginn erfahren wir, dass Wuttke sich öffentlich verbrannt hat. Autor Krampitz hat ein Buch über Oskar
Brüsewitz veröffentlicht, einen Pfarrer, der sich in den 60er Jahren im Vogtland aus Protest verbrannt hat. Somit ist die Richtung des Textes klar. Der Text lebt von der Unklarheit über die Rolle Schwenkes. Dies bleibt auch offen.

Es ist ein angenehm ungekünstelter Text, der am Rande auch theologische Fragen berührt. Krampitz versteht es, lebendige Sprache auf das Papier zu bringen und begeistert das Publikum auch durch seinen Vortrag. Er hat aber das Problem, das Textauszüge häufig haben. „Heimgehen“ lässt zuviel ahnen, in sich aber ist er nicht rund. Auf die fertige Novelle darf man aber durchaus gespannt sein.

Die Jury ist sich nicht einig, Frau Fleischanderl bemängelt „deutsche Biederkeit“  (die sich allerdings aus dem Thema durchaus rechtfertigen lässt), Keller lobt, Mangold hofft, dass das Beste noch kommt und das Publikum schlägt sich auf die Seite des Autors.

4. Bruno Preisendörfer (auf Vorschlag von Ijoma Mangold): Fifty Blues

Ein Text über das Altern eines Psychologen, der sich der 50 nähert. Wenn er in den Spiegel schaut, dann sieht er zunächst einen Clown. Der Clown philosophiert über Gott und das Aussterben der Dinosaurier. Nach der Rasur wird der Clown wieder zum Psychologen, der über seinen Beruf nachdenkt. In diesem Zusammenhang wird vermutlich zum ersten mal in der Litertur mit den Begriffen Nilpferdgeschichten und Krokodilgeschichten hantiert.

DerText ist raffiniert, stilistisch bemerkenswert, voller (Tragik-)Komik, die mal subtil ist, mal könnten einzelne Passagen auch von Douglas Adams stammen. Die verschiedenen Perspektiven, die der Text in seinem Verlauf einnimmt, sind stimmig konstruiert. Das Highlight des ersten Tages.

Die Jury ist sich diesmal wirklich uneinig, es kommt zum ersten richtigen Disput. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die deutschen Juroren den Text mochten, Österreicher und Schweizer, mit Ausnahme von Sulzer, erwecken mit ihren Kritikpunkten den Anschein, dass sie den Text nicht verstanden haben. Vor allem Frau Fleischanderl fällt am ersten Tag mehrfach mit seltsamen Bewertungskriterien auf.

5. Christiane Neudecker (auf Vorschlag von Meike Feßmann): Wo viel Licht ist

Gewidmet ist der Text dem ‚engineer in the arts‘, Softwareentwickler und Künstler Frieder Weiss. Erzählt wird von einem Künstler, der in Hongkong eine Tanzperformance am Computer bearbeitet. Dabei werden Wärmebilder in virtuelle Schatten umgewandelt. Im Laufe der Erzählung bemerkt der namenlose Künstler Veränderungen, zuerst verzögert sich die Reaktion seines Schattens, langsam koppelt sich dieser ab. Dann wechselt die Perspektive, der Ich-Erzähler wird, ohne es selbst zu merken, sein eigener Schatten, während sich sein physisches Ich vollkommen von ihm getrennt hat.

„Wo viel Licht ist“ ist ein sehr ausgeklügelter Text. Das Spiel mit den Motiven von Licht und Schatten funktioniert. Stilistisch gibt es nichts zu kritisieren. Es ist nicht ganz klar, warum die Geschichte in Hongkong spielen muss, die Stadt ist im Text präsent, aber nicht prägend, sondern austauschbar. Und dass der Erzähler ein Mann ist, dass musste die Autorin vor der Lesung explizit verkünden, aus dem Text selber geht es nicht hervor, auch wenn eine Beziehung zu einer Frau Erwähnung findet.

Die Jury ist sich wieder mal uneins.  Die Schweizer mochten ihn und auch Herr Jandl war angetan. Frau Fleischanderl mochte den text nicht, aber außer dem von ihr vorgeschlagenen mochte sie eh keinen. Und Herr Spinnen hat, zum gefühlt fünften Mal heute, angemerkt, dass er dass alles so schon hundertmal gelesen hat und sowieso nach zwei Seiten bereits wusste, worauf die Geschichte hinausläuft.

Fazit des ersten Tages:

Qualitativ ist noch Luft nach oben, die neue Jury bleibt noch ein bisschen blass, hat allerdings mit Karin Fleischanderl ein Mitglied, über das sich trefflich streiten lässt.

Bis morgen dann!

Zusammenfassungen der Jurydiskussionen gint es bei Paperback Fighter, hier und hier.

Edit: Danke an Herrn Lettau, angehender Erfolgsautor, für das Korrekturlesen.

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