„Sich die Puffen überkämmen.“ Schmidt liest Proust.


schmidt-liest-proust-coverSchmidt hat sich einen Giganten der Weltliteratur vorgenommen. Nicht weniger als die komplette „Suche nach der verlorenen Zeit“ als Lesetagebuch in einem Band. Vom 18.7.2006 bis zum 27.1.2007, jeden Tag 20 Seiten. Seine Eindrücke, ergänzt von seinen Erlebnissen in dieser Zeit, hat Jochen Schmidt täglich in seinem

Blog veröffentlicht. Im letzten Herbst erschien dann alles gesammelt und überarbeitet in Buchform. Es ist ein unglaubliches Vergnügen, dem Autor bei seiner Lektüre zu folgen. Schmidt ist ein naiver Leser, naiv nicht im Sinn von töricht, sondern eher im Sinn Schillers „ein Herz voll Unschuld und Wahrheit“. Bewusst hat er auf begleitende Sekundärliteratur verzichtet, um unvoreingenommen zu sein. Schritt für Schritt, besser Seite für Seite taucht er ein in die Welt von Prousts Romanwerk. Jeder Eintrag beginnt mit dem klassischen Inhalt eines Tagebuchs, dem Erlebten und wird mit Schmidts Gedanken zu den jeweils 20 Seiten Lektüre fortgeführt. Schmidt scheut sich nicht, sein Unwissen preiszugeben, viele Einträge sind um die Kategorie „Unklares Inventar“ ergänzt, in der Dinge wie Libertyseide oder das Kaudinische Joch aufgelistet werden. Eine weitere, für mich die schönste Kategorie ist die „Verlorene Praxis“. Ob „Mit der Geliebten von seinem Landsitz aus über Brieftauben zu korrespondieren.“, „Sich die Puffen überkämmen“ oder „Als Liebhaber magdlicher Frauenschönheit auf klug gewählten Umwegen in die kleinen Kammern der Zimmermädchen gelangen.“, hier wird ein Inventar von Handlungen der besseren Gesellschaft des Fin de siècle erstellt. „Schmidt liest Proust“ ist eines der schönsten und unterhaltsamsten Bücher über das Lesen und vermutlich das schönste Werk über Marcel Proust.

„Schmidt liest Proust“ ist erschienen bei Voland & Quist und kostet 19,90 EUR.

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