„Ich sah keine Chancen bei Suhrkamp mehr.“ Wolfgang Welt veröffentlicht wieder einen Roman darüber, wie es ist, Wolfgang Welt zu sein.


welt„Doris hilft“ ist der vierte Roman Welts.
Eigentlich sind die Romane von Wolfgang Welt keine Romane, es sind schonungslos ehrliche Innenansichten, das Leben aus der Sicht von Einem, der immer knapp am Erfolg vorbeigeschlittert ist. Leben, geprägt von psychischen Erkrankungen und der Suche nach Erfolg, sei es literarisch oder beim anderen Geschlecht.
Wolfgang Welt ist ein Verlierer.
Er ist Mitte 50, wohnt bei seinen Eltern, arbeitet seit fast 30 Jahren als Nachtportier, seit 1991 im Schauspielhaus Bochum.
Als Musikjournalist in den 80ern einer der Wegbereiter der Popliteratur, Autor für Magazine wie Sounds und Musikexpress. Eine psychische Erkrankung führt dazu, dass Welt sich für J.R. Ewing hält und in der Psychiatrie landet. Die Stationen seiner journalistischen Karriere, die Musikszene der 80er im Ruhrgebiet und das Abgleiten in den Wahnsinn beschreibt er in seinen ersten Romanen, die unter dem Titel „Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe“ 2006 in einem Band bei Suhrkamp als Taschenbuch erschienen sind. Wolfgang Welt schreibt in einer unprätentiösen Sprache, stilistische Feinheiten sucht man vergebens. Zum Glück, möchte man sagen, Inhalt und Sprache passen zusammen wie Arsch auf Eimer.
„Doris hilft“ setzt da ein, wo „Licht am Ende des Tunnels“ aufhörte. Wolfgang Welt wird aus der Psychiatrie entlassen und versucht, im Leben zurechtzukommen. Kaum aus der Psychiatrie entlassen, holte ich mir auf meiner Mansarde einen runter. Trostloser kann ein Roman kaum beginnen, kein Vergleich zum Beginn seines ersten Romans, dessen Entstehungs- und Veröffentlichungsgeschichte „Doris hilft“ schildert. „Peggy Sue“ wird ungleich verheißungsvoller eröffnet, Etwa zwei Jahre nach unserer ersten Begegnung machte mir Sabine am Telefon Aussicht auf einen Fick, allerdings nicht mit ihr selber, sondern mit ihrer jüngeren Schwester.
Als Musikjournalist fasst er nicht mehr richtig Fuß, der Zug ist für ihn abgefahren. Er beginnt, als Nachtwächter bei einer Sicherheitsfirma zu arbeiten, ein anspruchsloser, langweiliger Job. Welt ist damit zufrieden, es kommt regelmäßig Geld. Sein Studium schmeißt er.

Durch Kontakt zum Suhrkamp-Lektor Müller-Schwefe nährt sich die Hoffnung, mit seinen Erstling dort veröffentlichen zu können. Einen Psychiatrie-Roman hatte Suhrkamp noch abgelehnt, mit „Irre“ von Rainald Goetz hatten sie den schon im Programm. Aber es kommt, wie es kommen muss, sein Förderer verlässt Suhrkamp für ein Jahr. Der Neue wollte wahrscheinlich mit den Projekten seines Vorgängers nichts zu tun haben, besonders, wenn sie so eigentümlich und wenig suhrkampesk waren wie mein Roman, und nach ein paar Wochen erhielt ich dann auch eine freundliche Absage von Dr. Weiss.

„Peggy Sue“ erscheint irgendwann im Konkret-Literatur-Verlag, es werden ein paar hundert Exemplare verkauft, Welt kauft schließlich bei Zweitausendeins fünfzig Restexemplare für je 5 Mark selber.
Willi Winkler bittet ihn, einige Rezensionen für die Zeit zu schreiben, Welt wähnt sich bereits als Zeit-Kritiker, da wechselt Winkler zum Spiegel und wieder war es nichts.
Die Erfolglosigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch die Existenz des Autors. Seine Werke will niemand lesen und die Frauen wollen keinen Sex mit ihm. In Abständen kommen Schübe seiner psychischen Erkrankung zurück, Welt hält sich mal für Vater Beimer, mal für Stevie Wonder. „Doris hilft“ endet da, wo auch der Vorgänger endete, in der Psychiatrie.

Was macht den Reiz von Welts Werk aus?
Zum einen ist es der gnadenlose Umgang mit sich selbst. Welt öffnet sich dem Leser, er legt einen emotionalen Striptease hin. Er schert sich nicht darum, dass er dabei eine tragisch-komische Figur abgibt. Der Autor Wolfgang Welt flüchtet bei der Beschreibung der Figur Wolfgang Welt niemals in eine Distanz, durch die das Bild verschwimmen könnte und weichgezeichnet würde. Er ist fast brutal sich selbst gegenüber, retouchiert nichts, seine Bücher sind geprägt vom völligen Verzicht auf Eitelkeit.

Selten in der Literatur konnten man einen Autor so intensiv beim Scheitern beobachten. Und doch, er gibt nie wirklich auf. Er ist ein Getriebener, ohne dass er mitunter weiß, wovon er getrieben wird. Die Zielstrebigkeit aber lässt er vermissen und dies macht ihn einfach sympathisch.
„Doris hilft“ ist kein Roman mit depressiver Grundstimmung. Der Autor heischt niemals nach Mitleid, er ist gelegentlich wütend auf sich selbst, ohne in Weinerlichkeit zu verfallen. Über weite Strecken ist es ein Roman, der äußerst vergnüglich zu lesen ist, wozu auch der bisweilen flatterhafte Erzählstil beiträgt.

Wolfgang Welt ist aber auch ein Erzähler, der das Ruhrgebiet, mit all seinen Veränderungen, Umwälzungen und Problemen zum Thema gemacht hat. Liebevoll erzählt er von der untergehenden Welt der Arbeitersiedlungen, von den Typen, die diese Welt geprägt haben. Bei ihm hat es nichts Klischeehaftes, wenn er über Fußball und Bier schreibt, von Trinkhallen und den Menschen, die dort zu finden sind. Und es malt ein Sittenbild des Literatur- und Musikbetriebs der 80 Jahre, dies allein ist schon Grund genug, Wolfgang Welt zu lesen.

welt-buddyRund 3000 Exemplare hat der Verlag von „Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe“ verkauft, zu wenig, um vom Schreiben leben zu können. Dass er überhaupt bei Suhrkamp erscheint, Ich sah keine Chancen bei Suhrkamp mehr. schreibt er an einer Stelle des Romans, ist der Fürsprache von Peter Handke zu verdanken. Bemerkenswert deshalb, weil es vermutlich kaum zwei Autoren gibt, die gegensätzlicher sein könnten.

Mit „Doris hilft“ nun ein neuer Versuch, endlich den Erfolg zu bekommen, den er verdient. Aber vermutlich, und dann auch irgendwie passend, wird wieder kaum jemand merken, dass Wolfgang Welt ein großer Erzähler ist. Es passt ins Gesamtbild, dass man am Suhrkamp-Stand auf der Leipziger Buchmesse kein Exemplar des Romans erblicken konnte. Sei es drum, für rund 24 EUR bekommt man das Gesamtwerk eines einzigartigen Autors, dessen Romane einen Großteil der aktuellen Bestseller qualitativ locker in die Tasche stecken. Kaufen!

Wolfgang Welt: Doris hilft

Suhrkamp Taschenbuch, 8,50 EUR

Wolfgang Welt: Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe

Drei Romane

Suhrkamp Taschenbuch, 15 EUR


Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s