Autoren lesen auf zehnseiten.de


Auf zehnseiten.de lesen Autoren genau 10 Seiten aus ihrem aktuellen Werk. Die Lesungen dauern zwischen 15 und 20 Minuten. Bisher sind unter anderem  Norbert Niemann, Thomas Meinecke, Thommie Bayer und Franzobel mit selbstgewählten Auszügen vertreten. Die Videos sind bewusst schlicht gehalten, aber von hoher Qualität, das Design der Seite lenkt nicht vom Wesentlichem – Text und Autor – ab.  Die Seite existiert seit Herbst 2008, jede Woche kommt eine neue Lesung hinzu.

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Irgendwie nett. Daniel Kehlmanns „Ruhm“


kehlmann1Daniel Kehlmann kann es. Er versteht sein Handwerk, er hat ein Gespür für raffinierte Plots und seine Texte sind von einer Leichtigkeit, die selten zu finden ist.
„Ruhm“ besteht aus neun kunstvoll ineinander verwobenen Geschichten, in denen sich Realität und Phantasie verflechten. Da ist der Mann, der aus Versehen die Mobilfunknummer eines bekannten Schauspielers bekommt und für einen kurzen Augenblick am Telefon dessen Identität annimmt, da ist der Schauspieler, der auf einmal keine Anrufe mehr bekommt. Ein Bestsellerautor, der mit esoterischen Geschwafel international erfolgreich ist, schreibt einen Brief, in dem er sein ganzes Werk negiert – schöner Seitenhieb auf Herrn Coelho – und eine Krimiautorin verschwindet auf einer Reise in Zentralasien. Ein weiterer Autor schlachtet das Leben ihm nahe stehender Menschen aus und eine Ärztin einer Hilfsorganisation hat genau davor Angst.
Immer wieder mischt sich ein allmächtiger Autor, nennen wir ihn Daniel Kehlmann, in das Leben seiner Figuren ein, Fiktion wird zur Wirklichkeit, Wirklichkeit zur Fiktion.
Es stört auch nicht wirklich, dass man den Figuren recht teilnahmslos begegnet, Zuneigung oder Abscheu stellt sich nicht ein. Dazu sind sie gelegentlich zu überzeichnet, vor allem der Nerd Mollwitz ist bloße Karikatur.
Alles zusammen ergibt rund 200 Seiten, die, nun ja, nett sind. Und genau da liegt das Problem. „Ruhm“ ist nett zu lesen, es gibt wenig, was man an dem Buch wirklich kritisieren kann. Es ist eine kleine Mahlzeit zwischendurch, mehr als drei bis vier Stunden benötigt man nicht. Aber sie mundet nur beim Essen. Der Geschmack verfliegt schnell, man erinnert sich kurz danach schon nicht mehr daran, etwas gegessen zu haben. Und zwei Stunden später hat man wieder Hunger.

„Ruhm“ ist erschienen bei Rowohlt.

„Ich sah keine Chancen bei Suhrkamp mehr.“ Wolfgang Welt veröffentlicht wieder einen Roman darüber, wie es ist, Wolfgang Welt zu sein.


welt„Doris hilft“ ist der vierte Roman Welts.
Eigentlich sind die Romane von Wolfgang Welt keine Romane, es sind schonungslos ehrliche Innenansichten, das Leben aus der Sicht von Einem, der immer knapp am Erfolg vorbeigeschlittert ist. Leben, geprägt von psychischen Erkrankungen und der Suche nach Erfolg, sei es literarisch oder beim anderen Geschlecht.
Wolfgang Welt ist ein Verlierer.
Er ist Mitte 50, wohnt bei seinen Eltern, arbeitet seit fast 30 Jahren als Nachtportier, seit 1991 im Schauspielhaus Bochum.
Als Musikjournalist in den 80ern einer der Wegbereiter der Popliteratur, Autor für Magazine wie Sounds und Musikexpress. Eine psychische Erkrankung führt dazu, dass Welt sich für J.R. Ewing hält und in der Psychiatrie landet. Die Stationen seiner journalistischen Karriere, die Musikszene der 80er im Ruhrgebiet und das Abgleiten in den Wahnsinn beschreibt er in seinen ersten Romanen, die unter dem Titel „Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe“ 2006 in einem Band bei Suhrkamp als Taschenbuch erschienen sind. Wolfgang Welt schreibt in einer unprätentiösen Sprache, stilistische Feinheiten sucht man vergebens. Zum Glück, möchte man sagen, Inhalt und Sprache passen zusammen wie Arsch auf Eimer.
„Doris hilft“ setzt da ein, wo „Licht am Ende des Tunnels“ aufhörte. Wolfgang Welt wird aus der Psychiatrie entlassen und versucht, im Leben zurechtzukommen. Kaum aus der Psychiatrie entlassen, holte ich mir auf meiner Mansarde einen runter. Trostloser kann ein Roman kaum beginnen, kein Vergleich zum Beginn seines ersten Romans, dessen Entstehungs- und Veröffentlichungsgeschichte „Doris hilft“ schildert. „Peggy Sue“ wird ungleich verheißungsvoller eröffnet, Etwa zwei Jahre nach unserer ersten Begegnung machte mir Sabine am Telefon Aussicht auf einen Fick, „„Ich sah keine Chancen bei Suhrkamp mehr.“ Wolfgang Welt veröffentlicht wieder einen Roman darüber, wie es ist, Wolfgang Welt zu sein.“ weiterlesen

Stapel ungelesener Bücher. Update 4


Neuzugänge in den letzten beiden Wochen:

Frederick Taylor: Die Mauer (Siedler)

Matthias Frings: Der letzte Kommunist (Aufbau)

Thomas Kapielski: Mischwald (edition suhrkamp)

Ralf Rothmann: Feuer brennt nicht (Suhrkamp)

Sigrid Damm: Friedrich Schiller (Insel)

Renatus Deckert: Die Nacht, in der die Mauer fiel (Suhrkamp Tb)

Ingo Schulze: Handy (Berlin Verlag)

Jonathan Littel: Die Wohlgesinnten (Studienausgabe, Berlin Verlag)

Ketil Bjornstad: Vindings Spiel (Suhrkamp Tb)

diverse Kataloge diverser Verlage, die im Zuge der Buchmesse eingetroffen sind

Auf dem Stapel:

Kandinsky: Das druckgrafische Werk (Wienand)

Ketil Bjornstad: Der Fluß (Insel)

Peter Crane: Wir leben nun mal auf einem Vulkan (Weidle)

Hanne Kulessa: Der Große Schwarze Akt (Weidle)

Raymond Federmann: Pssst! Geschichte einer Kindheit (Weidle)

Chuck Palahniuk: Das letzte Protokoll (Goldmann)

Ian Flemming: James Bond jagt Dr. No (Heyne)

Hanns-Josef Ortheil: Die Nacht des Don Juan

Ursula Krechel: Shanghai fern von wo (Jung & Jung)

Edo Popovic: Kalda (Voland & Quist)

Plutarch: Die großen Griechen und Römer, Bd. 1 (Wunderkammer)

Dietmar Dath: Dirac (Suhrkamp)

Donald Windham: Dog Star (Lilienfeld)

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften

Nick Hornby: A long way down

Markus Werner: Am Hang

Peter Handke: Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos

Lewis Carroll: Sylvie und Bruno

runter vom Stapel, in “Bearbeitung”:

Jonathan Littel: Die Wohlgesinnten (Studienausgabe, Berlin Verlag)

William Butler Yeats: Irlands Königreich der Schatten (Jung & Jung)

Wolfgang Welt: Doris hilft (Suhrkamp Tb)

Christoph Brech: Rom (Wienand)

Irgendwo hier befinden sich die ungelesenen Bücher:

bibliothek1

Ein Monat ununterbrochen Einkaufszentrum. Thalhofer/Mensing: [13TERSHOP]


13tershop31 Tage haben Thalhofer und Mensing im Einkaufszentrum Roland-Center in Bremen verbracht. Die Tage im Center, die Nächte im Wohnwagen auf dem Parkplatz. Als Resultat entstand dieser Band, bestehend aus Buch und einer DVD-ROM. [13TERSHOP] ist eine Auseinandersetzung mit dem Konsum, die Mechanismen und Funktionsweisen werden durchleuchtet und seziert. Die Autoren werten dabei nicht, sie liefern keine gesellschaftskritische Analyse. Vielmehr ist ihnen ein bemerkenswertes Portrait eines gewichtigen Teils unseres Alltags gelungen. Und hinter jeder Fassade finden sich kleine Geschichten und Skizzen, die es wert sind, davon zu erzählen.
Es ist ein crossmediales Projekt. Neben Texten und Fotos enthält das Buch eine DVD-ROM mit Beobachtungen und Interviews aus dem Einkaufzentrum. Florian Thalhofer ist Filmemacher und hat das Korsakow-System entwickelt. Dadurch wird es möglich, Filme nicht-linear anzuschauen. Die einzelnen Sequenzen laufen auf einem größeren Bildfenster. Daneben bekommt der Zuschauer Sequenzschnipsel und Schlagwort aufgereiht, anhand derer er sich frei durch den Film bewegen kann. Jede Aktion führt zu anderen Zusammenstellungen, jeder Zuschauer sieht einen einzigartigen Film.
Dies alles ergibt ein ungewöhnliches, faszinierendes Buchprojekt, das über die Grenzen des Mediums Buch hinausgeht. [13TERSHOP] ist bei mairisch erschienen.
Mehr Informationen, Text- und Filmproben.

Gucken wie New York. Andreas Stichmanns Erzählband „Jackie in Silber“


stichmannDieser Band versammelt 11 Erzählungen und ist zugleich das literarische Debüt des 1983 geborenen Andreas Stichmann. Beeindruckend geht Stichmann mit dem Material Sprache um, die Erzählungen entwickeln langsam, zunächst fast unmerklich einen Sprachsog, dem man nicht entrinnen kann, dem man nicht entrinnen will. Mit minimalen Mitteln lässt Stichmann in jeder Erzählung eine abgeschlossene Welt entstehen. Die Geschichten handeln von Menschen, die versuchen, in oftmals absurden Situationen zu bestehen, ihren Alltag zu meistern. Fast immer scheitern sie, aber sie scheitern mit Würde, der Autor stellt seine Figuren niemals bloß, irgendwo am Horizont ist fast immer ein Funken Hoffnung. In einer der besten Erzählungen des Bandes, „Die Blumen“ sucht der Ich-Erzähler, ein konventioneller Mann im mittleren Alter, nach menschlicher Nähe und Anerkennung. Er kümmert sich um die alte Nachbarin, geht deren Enkelin zur Hand, die ihm dafür mit Gefühlskälte begegnet, die sie als Coolness ausgibt. Charlotte zeigt ihm zwar irgendwann ihre Vagina, aber alles endet in Sprachlosigkeit und Unverständnis. Und doch, ganz am Ende stellt der Erzähler das Blumenbild fertig, an dem er seit langer Zeit arbeitet. In dieser Erzählung zeigt sich auch in besonderem Maß Stichmanns Talent zur feinen Komik. Charlotte Jensch, die Enkelin, „will offensichtlich fremd erscheinen, schlendert etwas polnisch oder isländisch umher und guckt irgendwie New York.[…] sie sagt „Reality is a believe system. Da ist es klar, dass sie vom Dorf kommt.“ Andreas Stichmann erhält für „Jackie in Silber“ im Sommer 2009 den Clemens-Brentano-Preis der Stadt Heidelberg.

Erschienen bei mairisch.

Informationen und Leseprobe