Arschloch? Na und! Thomas Bernhard: Meine Preise


bernhard320 Jahre nach dem Tod Bernhards erscheint dieser Band, dem ein bisher unveröffentlichtes Manuskript zugrunde liegt.

In neun Kapiteln rechnet Thomas Bernhard mit dem Preisverleihungswesen ab. Die Preise sind ihm zuwider, die Honoratioren verachtet er, das Preisgeld will er allerdings.

Den Grillparzerpreis nimmt er noch an, obwohl dieser mit keinem Preisgeld verbunden war. Und wird gedemütigt. Niemand begrüßt den Preisträger, der sich  daraufhin in die Mitte des Saales setzt, nicht auf den für ihn bestimmten Platz in der ersten Reihe. Mit einer Mischung aus Trotz und kindischem Vergnügen beobachtet er die aufkommende Hektik ob des fehlenden Preisträgers und lässt sich erst herab, seinen Platz einzunehmen, nachdem der Präsident der Akademie der Wissenschaften ihn persönlich darum bittet. Dass in der Laudatio Stücke aufgezählt werden, die er nie geschrieben hat und das die anwesende Ministerin nach der Preisverleihung „mit unnachahmlicher Arroganz und Dummheit in der Stimme: ja, wo ist denn der Dichterling?“ fragte, machte die Schmach perfekt.

Ab da dann nur noch Preise, die mit einer Preissumme verbunden waren. Am liebsten einfach nur Scheck abholen, danach noch lecker essen gehen mit dem Verleger (Julius-Campe-Preis) und anschließend das Preisgeld in einen Sportwagen investiert. So kann es gehen, da gibt es keinen Grund zur Klage, auch wenn der Sportwagen kurz darauf in Jugoslawien geschrottet wird.

Den Scheck holte er sich in Hamburg ab, eine Stadt, die Bernhard liebte. Anders Bremen, wo ihm der Literaturpreis der Freien und Hansestadt Bremen verliehen wurde. „Bremen verabscheute ich vom ersten Moment an, es ist eine kleinbürgerliche unzumutbar sterile Stadt.“ Auch Regensburg, Ehrengabe des Kulturkreises des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, „Kirchen und enge Gassen, in welchen immer stumpfsinniger werdende Menschen dahinvegetieren“ ist ihm ein Gräuel.

Skandalträchtig sind dann aber die Verleihungen, zu denen eine Rede zu halten ist. Die Verleihung des Österreichischen Staatspreises für Literatur endet mit einem Eklat. Bernhard erhält den Kleinen Staatspreis 1967. Dass es nur der Kleine Staatspreis ist gibt genug Anlass zum Unmut, angenommen wird er nur, damit das Preisgeld nicht „einer Niete in den Rachen geworfen [wird], die nur Unheil anrichtet mit ihren Erzeugnissen und die Luft verpestet.“ Die Rede, sie ist im Anhang abgedruckt, wird dadurch unterbrochen, dass der anwesende Minister samt Entourage Türen schlagend den Raum verlässt, nachdem er den Redner beschimpfte. Bernhard versteht nicht, wieso. Das ist entweder kokett oder einfach nur scheinheilig, die Rede, „Wir sind Österreicher, wir sind apathisch …“, hat Skandalpotential. Vor allem aber ist sie, wie auch die Rede zum Büchnerpreis, einfach nur schlecht. Die Reden zeichnen sich weniger durch die, in Kauf genommene, Skandalträchtigkeit aus, sie zeugen vielmehr von einem Desinteresse, von Lustlosigkeit. In ein paar Minuten hingerotzt, mehr ist das Auditorium nicht wert.

In seinen Ausführungen ist Bernhard selbstgerecht bis zum Rand des Erträglichen, er ist arrogant, er ist wehleidig und ungerecht – kurz: Er ist, wie ihm Maxim Biller vor einigen Wochen mehrfach bescheinigte, ein Arschloch. Und er schert sich einen Dreck darum, er beißt mit Freude die Hände, die ihn füttern, er verteilt Verachtung und Häme mit der Gießkanne. Heuchlerisch mag es sein, dies gesteht Bernhard selbst auch zu, letztlich war es ihm aber egal, Geld ist Geld und Schnaps ist Schnaps. Ein guter Ruf ist was für Dilettanten, auch wenn Bernhard sicher im Laufe der Zeit die Erwartung eines Skandals oder zumindest eines Skandälchens, die man an ihn stellte, durchaus bereitwillig erfüllte.

Später, der letzte Preis wurde ihm 1970 verliehen, nahm er keine Preise mehr an, aber da konnte er es sich dann auch leisten.

Interessant an „Meine Preise“ ist aber nicht ausschließlich das Einprügeln auf Preis und Preisverleiher. Die einzelnen Kapitel versammeln zahlreiche Anekdoten, welche die biografischen Begleitumstände der Preise näher bringen. Da zeigt sich dann ein anderer Thomas Bernhard, einer, der durchaus liebenswürdig sein kann, der (mitunter) großzügig ist und der zu Mitgefühl fähig ist. Anrührend das Zusammentreffen mit dem Präsidenten der Salzburger Handelskammer, der ihm vor Jahrzehnten die mündliche Prüfung zum Kaufmannsgehilfen abnahm. Wissend, dass dieser nur noch ein paar Wochen zu leben hat, unterhält sich Bernhard mit ihm über Kaffee- und Teesorten, damaliges Prüfungsthema. Die Unterhaltung hat gar nichts mehr vom Schriftsteller in höheren Sphären, Bernhard ist an dieser Stelle einfach nur ein ehemaliger Prüfling, der seinem Prüfer Respekt zollt.

Ständige Begleitung zu den Preisverleihungen ist seine Tante, in Wahrheit nicht verwandt. Als diese am Tag der Büchnerpreisverleihung ihren sechsundsiebzigsten Geburtstag feiert, besorgt einer der Darmstädter Stadtherren 76 Rosen und somit endet „Meine Preise“ auch halbwegs versöhnlich.

Es ist ein böses Buch, es ist eine Unverschämtheit. Es ist lautes Spektakel und wird immer wieder von leisen Stellen unterbrochen. Es ist komisch und bitter. Es ist Literatur und Schlag ins Gesicht des Literaturbetriebs.

Thomas Bernhard: Meine Preise

Suhrkamp

144 Seiten, Gebunden

Euro 15,80 [D] / Euro 16,30 [A] / sFr 28.00
(ISBN 978-3-518-42055-3)

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4 Gedanken zu “Arschloch? Na und! Thomas Bernhard: Meine Preise

  1. Die Biller-Kritik war ja eine Selbstdemaskierung aller erster Güte: Einerseits forderte er mit seinen Aussagen von den Autoren, dass sie gefälligst genau so leben, wie sie schreiben (in Bernhards Fall: Agressiv und latent Alt- und Neu-Nazis anprangernd); andererseits beruft er (Biller) sich im Prozess um „Ezra“ auf die künstlerische Freiheit, die es dem Autor erlaubt, eben *nicht* Leben und Schreiben gleichsetzen zu müssen.

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  2. ich habe soeben das buch gelesen. ich muss sagen, das lustigste buch von thomas bernhard, das ich kenne. jetzt bin ich auf der suche nach der vollständigen rede, die den skandal bei der verleihung des ö. staatspreises (des kleinen…) ausgelöst hat. und wer ist überhaupt dieses arschloch biller?

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