Exotik, Abenteuer und die Göttin Kali – Emilio Salgaris Die Geheimnisse des schwarzen Dschungels


cover_esalgari_001Deutschland hat Karl May, Frankreich Jules Verne, England Sir Henry Rider Haggard und Italien hat Emilio Salgari.

Als Schriftsteller erlangte er durch seine Abenteuerromane auch über Italien hinaus Bekanntheit. Der 1862 in Verona geborene Salgari war ein Vielschreiber, er veröffentlichte in weniger als 30 Jahren zwischen 82, die Zahl ist gesichert, und 105 Romanen, die genaue Anzahl kann nicht festgestellt werden.

Berühmt wurden vor allem sein Zyklus über den schwarzen Kosaren und die 11-bändige Sandokan-Reihe. Der erste Band dieser Reihe, „Die Geheimnisse des schwarzen Dschungels“, ist gleichzeitig auch Teil des ersten Verlagsprogramms des Wunderkammer Verlags.

Salgari wurde in Deutschland auch als der italienische Karl May bezeichnet. Die Biographien beider weisen etliche Parallelen auf, auf die Dr. Paolo Barbon im Vorwort eingeht. Beide Autoren haben die Schauplätze, die sie in ihren Romanen beschrieben, nicht bereist. Karl May unternahm seine Orient- und Amerikareise erst nachdem er die wichtigsten Werke verfasst, Salgari hat mit Ausnahme einer Kreuzfahrt von Venedig nach Brindisi, mit einem Abstecher nach Dalmatien, zeitlebens keine größere Reise unternommen.

Beide Autoren erzielten mit ihren Werken riesige Auflagen. Anders aber als Karl May gelang es Salgari nicht, seine Erfolge auch in Wohlstand umzusetzen. Kleines Kuriosum am Rande: Salgari hat unter Pseudonym den Roman Il Figlio del Cacciatore d’Orsi , eine Raubübersetzung von Mays Der Sohn des Bärenjägers veröffentlicht.

Deutschland und Italien kamen im großen Wettlauf um die Kolonien zu kurz, deshalb blieb, im Gegensatz zu England, das Verhältnis zu außereuropäischen Kulturen ein vermitteltes. In „Die Geheimnisse des schwarzen Dschungels“ wird dies besonders deutlich durch die zahlreichen Beschreibungen von Landschaften, Flora und Fauna. Allesamt scheinen sie direkt aus diversen Nachschlagewerken abgeschrieben zu sein, der lexikalische Stil ist nicht zu überlesen. Der Text ist gespickt mit fremdartigen Namen und Bezeichnungen, die dem zeitgenössischen Leser einen Hauch von Exotik vermitteln sollten.

Der Roman erschien zuerst zwischen Januar und April 1887 als Fortsetzungsroman in einer Tageszeitung. Dementsprechend unvermittelt beginnt auch die Handlung, für einen Handlungsaufbau bleibt da keine Zeit. Wir begegnen dem Schlangenjäger Tremal-Naik, der im indischen Dschungel lebt und seinen Gefährten. Einer der Gefährten überlebt das erste Kapitel nicht, er wird ermordet. Bald stellt sich heraus, dass hinter dem, und vielen noch folgenden Morden, die geheimnisvolle Thug-Sekte steckt, deren Anhänger der Göttin Kali huldigen und die mittels Schlinge für reichlich Opfernachschub sorgen. Um seinen Gefährten zu rächen, macht sich Tremal-Naik auf die Suche nach der Sekte, die sich auf einer Insel versteckt hält. Dort sieht er die schöne Ada, die Jungfrau der Pagode. Sie wurde von den Thugs entführt. Ada und Tremal-Naik verlieben sich natürlich sofort und unsterblich ineinander, Tremal-Naik befreit sie. Daraus entwickelt sich eine anständige Verfolgungsjagd mit vielem Hin und Her, Gefangennahmen, Toten, als Schauplätze dient der Dschungel und ein geheimnisvoller Tempel, Adas Vater, britischer Offizier, greift in das Geschehen ein, die Seiten werden scheinbar gewechselt und alles läuft auf ein furioses Finale hinaus.

Der kritische Leser kann dem Roman berechtigt vieles vorwerfen.

Die Charaktere sind eindimensional, die Handlung nicht hintergründig und gelegentlich bar jeder Logik. Die Dialoge sind hölzern.

Tremal-Naik! Bist du verletzt?

Nein, Ada, ich bin nicht verletzt!

Aber was war das für ein Lärm?

Sie haben den Eingang verschlossen … Aber wir werden einen Weg hinaus finden, Ada, das verspreche ich dir!

Aber eigentlich spielt das keine Rolle. Es gibt Bücher, in denen das egal ist.

Es sind Bücher, mit denen man sich als Junge mit einer Taschenlampe unter die Bettdecke verzog und heimlich unbedingt noch ein paar Seiten vor dem Einschlafen lesen musste. Zu dieser Zeit konnte man den Namen Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah vorwärts und rückwärts aufsagen und wer es nicht konnte, der war ein Mädchen. Man wusste genau, was ein Greenhorn ist oder wo die Skipetaren beheimatet sind. Man hatte sich auf die Suche nach Kapitän Grant begeben und dass der Weg vom Mittelpunkt der Erde zurück auf Stromboli endet, das wusste man auch. Den größten Helden von Sir Henry Rider Haggard kannte man zumindest aus dem Fernsehen, die Quatermain-Verfilmungen waren ein Muss in den 80er Jahren. Auch die Sandokan-Serie war ein wichtiges Thema in den Pausengesprächen.

Viele dieser Werke sind aus heutiger Sicht an manchen Stellen zumindest fragwürdig. Es finden sich plumpes Moralisieren und Schwarz-Weiß-Malerei. Bei Karl May und Sir Henry Rider Haggard schlägt gelegentlich der zeitgenössische Rassismus durch. Auch bei Emilio Salgari findet sich dieser, auch wenn später ein Malaie der Gute und die Engländer die Bösen werden.

All diesen Romanen ist eins gemein. Sie entführten uns in eine faszinierende Welt, sie vermittelten uns ein Bild von fremden Kulturen, auch wenn dieses Bild gelegentlich verzerrt war.

Umberto Eco lässt in Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana Giambattista Bodoni auf der Suche nach seiner Identität auch über die Werke Salgaris stolpern. Natürlich musste ich diese Bücher als Kind verschlungen haben, und bei der erneuten Lektüre tauchen sie dann auch wieder auf, die Affenbrotbäume, kolossale Pombos wie die, welche die Hütte von Giro-Batol umgaben, Mangroven, Palmkohlnüsse mit ihrem mehligen, nach Mandeln schmeckenden Fruchtfleisch, den heiligen Banian des schwarzen Dschungels.

Für den Sandokan-Zyklus ist der Roman die Ouvertüre, der Tiger von Malaysia selbst taucht noch nicht auf. „Die Geheimnisse des schwarzen Dschungels“ führen den Leser ein in die Welt des indischen Subkontinents, zentrale Figuren werden vorgestellt.

Der in Deutschland mittlerweile vergessene Salgari hat seinen festen Platz unter den großen Autoren von Abenteuerromanen. Ihn aus der Vergessenheit zu holen und neue Leser für ihn zu begeistern ist das Ziel des Wunderkammer Verlags. Die 11 Bände erscheinen in unregelmäßiger Folge, viele erstmals vollständig und in einer dem Originaltext treuen Neuübersetzung von Jutta Wurm.

Die Geheimnisse des schwarzen Dschungels ist ein klassischer, schnörkelloser Abenteuerroman, mit allen Schwächen, die dieses Genre gelegentlich hervorbringt.

Aber eben auch mit allen Stärken. Es ist der ewige Kampf zwischen Gut und Böse, das Gegenüberstellen von Tapferkeit und Feigheit, das Erzählen von Freundschaft, es ist die große Liebe- die, wenn wir ehrlich sind, uns damals nicht so richtig interessierte, es sind doch eher Jungsbücher – und es ist der Traum von Abenteuer und fernen Ländern, der diesen und andere Romane immer noch faszinierend macht. Auch wenn wir heute nicht mehr heimlich unter der Bettdecke lesen müssen, weil wir schon groß sind und solange lesen können, wie wir wollen.

Der Faszination konnten sich auch Autoren wie Cesare Pavese, Massimo Carlotto und Andrea de Carlo nicht entziehen, die ihre Begeisterung ebenso äußerten wie Pasolini oder Visconti.

Und was stören schon die hölzernen Dialoge? Hey, Tremal-Naiks treuester Gefährte ist ein Tiger! Das ist viel cooler.

Gespannt darf man auf die nächsten Teile sein, die uns nach Mompracem zu Sandokan führen werden. Freuen wir uns auf seinen Kampf gegen James Brooke, den Mörder seiner Familie.

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