Literaturvermittlung in den Medien


Was bedeutet die Entlassung von Elke Heidenreich für den Literaturbetrieb? Verlage und Buchhandel verlieren ein gewichtiges, vielleicht sogar das gewichtigste Marketinginstrument, keine andere Einzelperson hat(-te) einen derart großen Einfluss auf den Verkaufserfolg eines Buches. Die Auswahl der von ihr vorgestellten Bücher war weitestgehend konsensfähig. Ihr Verdienst war es, dass sie den Blick auch auf Bücher und Autoren gelenkt hat, die sonst einem größeren Publikum entgangen wären. Nur, mit Literaturkritik und konstruktiver Auseinandersetzung mit Literatur hatte „Lesen“ nichts zu tun. Die Empfehlungen von Elke Heidenreich spiegelten ihren eigenen Geschmack wieder und gingen nicht über ein „Lesen Sie dieses Buch, weil die Autorin einfühlsam das Schicksal von xy beschreibt!“ hinaus. Dies kann man, ja darf man ihr nicht vorwerfen. Den Vorwurf muss man den Öffentlich-Rechtlichen machen. Über Literatur wird im Fernsehen nicht mehr debattiert, es wird nicht mehr gestritten und es wird nicht mehr wirklich kritisiert. Wie auch? ARD und ZDF hatten je eine einzige Sendung im Programm, die sich regelmäßig und ausschließlich mit Literatur beschäftigt. „Druckfrisch“ mit Denis Scheck läuft nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit 9 mal im Jahr sonntags 23:30. „Lesen“ ist vorerst Geschichte. Beiden Sendungen stehen ganze 30 Minuten zur Verfügung, zuwenig, um sich intensiv mit Literatur auseinanderzusetzen. 30 Minuten Sendezeit bedeuten vor allem: Beschränkung. Beschränkung auf Empfehlungen, für Verrisse oder gar unterschiedliche Ansichten bleibt keine Zeit. Auch bei „Kulturzeit“, „ttt“ oder „Aspekte“ sieht es nicht anders aus. Wenn nur die Zeit bleibt, ein Buch pro Woche vorzustellen, dann beschränkt man sich eben auf positive Kritiken, für negative Kritiken ist die Zeit zu schade. Kurzum: Eine wirkliche Auseinandersetzung mit Literatur findet im deutschen Fernsehen seit dem Ende des „Literarischen Quartetts“ nicht mehr statt. Damit entzieht sich die Auseinandersetzung mit Literatur genau der Zielgruppe, die mit dem klassischen Feuilleton nicht erreicht wird.

Dort bleibt man aber sowieso lieber unter sich. Die klassische Literaturkritik agiert gern von oben herab. Durch Wortwahl und Sprachduktus demonstriert man „Achtung! Hochkultur!“ Unbefugten ist der Zutritt nicht verboten, aber so richtig erwünscht sind sie auch nicht. Die Form dominiert häufig den Inhalt. Substanzielle Kritik muss nicht zwangsläufig in Worte gewandet sein, die zu verstehen es eines Abschlusses in Literaturwissenschaft bedarf. Eine fundierte Kritik ist nicht erst dann gut, wenn der Autor demonstriert, dass er selber Sprachspielereien mindestens so gut beherrscht wie der Autor des zu besprechenden Buches. Wenn man Literaturkritik mal als Diskurs (= (vereinfacht) Gesamtheit dessen, was über Literatur gesagt wird) auffasst, dann greifen hier die Mechanismen, die die Teilnahme am Diskurs beschränken. Durch die spezielle Sprache der Literaturkritik wird die Teilnahme am literarischen Diskurs beschränkt. Oder anders ausgedrückt: Die feuilletonistische Literaturkritik wird für Menschen geschrieben, die man für Literatur nicht mehr begeistern muss, die entsprechend vorgebildet sind. Alle anderen bleiben draußen.

Dies soll kein Plädoyer für mehr Seichtigkeit sein, im Gegenteil, es ist ein Plädoyer für bessere Vermittlung von fundierter Auseinandersetzung mit Literatur.

Ansonsten bleibt die Entfremdung zwischen denen, die sich intellektuell nach unten abgrenzen und denen, die einen anti-intellektuellen Habitus pflegen und stolz darauf sind, pauschal alles abzulehnen, was auch nur den Anschein von „intellektuell“ erweckt.

Bleibt noch das Internet. Da findet sich so ziemlich alles und nichts. In Bücherforen wird sich ausgetauscht, aber selten reflektiert, jenseits von „Ich lese grundsätzlich keine Kritiken von selbsternannten Geschmackswächtern“ und „Warum begreifen einige nicht, dass „Der Alchemist“ esoterischer Kitsch ist?“ gibt es kaum echte Kontroversen. Internetforen sind mehr oder weniger reine Empfehlungskanäle. Dies ist aller Ehren wert, geht aber auch selten über eine Empfehlung hinaus.

Es gibt einige ambitionierte Literaturportale, die versuchen, neue Wege zu beschreiten, in Blogs wird über Literatur geschrieben oder Podcasts erstellt. Da ist vieles mit Liebe gemacht, da gibt es, wie überall, gutes und schlechtes, aber die einzelnen Stimmen sind zu verstreut, werden aus unterschiedlichen Gründen zu wenig wahrgenommen, als dass sie (schon) eine ernsthafte Ergänzung zu den klassischen Medien wären. Und das Manko, dass man am Bildschirm nur ungern längere Texte liest, erschwert die Debatte zusätzlich. Und da dieses Manko auch auf diesen Text zutrifft, schließe ich mit der Frage:

Und nun?

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2 Gedanken zu “Literaturvermittlung in den Medien

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