Frankfurter Buchmesse – durch die Gänge in zwei Tagen


Der Reiz der Buchmesse liegt für mich im Unscheinbaren. E-Reader hin, Bushido her, wirklich Entdeckenswertes findet sich abseits der großen Stände. Die Buchmesse ist immer auch ein Ereignis, das den Blick schärft, den Blick für die Perlen, die leicht zu übersehen sind an den winzigen Ständen der Kleinverlage.

Erschwert wird die Suche auch dadurch, dass sich im Bereich der kleinen Verlage viel abstruses Zeug findet, esoterischer Kitsch und Bücher, deren Veröffentlichung nur dem Bedürfnis entspringt, das Ego des Autors zu streicheln.

Und doch entdeckt man einiges.

Zu den jüngsten Verlagen zählt der Wunderkammer Verlag, der seine ersten beiden Bücher präsentiert. Neben der Symbolgeschichte des Bären, „Der Bär. Geschichte eines gestürzten Königs“, von Michel Pastoureau startet Wunderkammer sein erstes Programm mit einer vorerst auf 11 Bände angelegten, schön gestaltete Neuübersetzung der Abenteuerromane von Emilio Salgari. Vor allem durch die Fernsehverfilmung der Sandokan-Romane bekannt, wurde Salgari lange Zeit in Deutschland nicht mehr verlegt. Umso gespannter darf man auf die Neuentdeckung sein.

Ein weiteres Projekt der Wunderkammer ist die dreibändige Neuedition der Doppelbiographien Plutarchs, deren erster Band demnächst erscheint. Solch ambitionierten Programme schielen nicht auf Massentauglichkeit, ein Grund mehr, dem Verlag aus Neu-Isenburg Erfolg zu wünschen.

Weiter geht es. Fast hätte man den Stand des Oktober Verlages aus Münster übersehen, weil man zum gefühlt 20sten mal gefragt wurde, ob man ein Probe-Abo von „Test“, der Zeitschrift der Stiftung Warentest, abschließen möchte. Zwei Themen dominieren optisch, Fußball und Bier, beiden bin ich wohl gesonnen, insofern gibt es überflüssigere Bücher als „2000 Biere – Der endgültige Atlas für die ganze Bierwelt“. Aber nicht nur der Bereich Klolektüre wird bedient. Aushängeschild des Oktober Verlages ist die kommentierte Gesamtausgabe der Werke Gutzkows, eine Mammutaufgabe. Die Ausgabe erscheint parallel in gedruckter Form und im Internet unter www.gutzkow.de.

Wenig Andrang am Stand von Matthes & Seitz, Dieter Bohlen stellt gerade bei Random Haus seinen „Ratgeber“ vor. Ein Besuch hier empfiehlt sich immer dann, wenn man mal wieder ob der ganzen Bücherschwemme einen Qualitätsanker werfen muss. Matthes & Seitz demonstriert mit seinem Programm in aller Deutlichkeit, dass literarische Kunst und Unterhaltung keine Gegenpole sein müssen. Bereits im Frühjahr erschienen kann man trotzdem nicht oft genug darauf hinweisen, dass Carl-Henning Wijkmarks „Die Jäger auf Karinhall“ der schönste und intelligenteste Schundroman der letzten 40 Jahre ist.

Mal wieder „Stiftung Warentest“ – Nein danke, ich will keine Abo! Die Gratis-Ausgabe der „Jungen Freiheit“ will ich auch nicht, aber der Euro für den kleinen Pessoa-Pin bei Ammann ist gut angelegt.

Bei Suhrkamp herrscht gute Laune, Tellkamps in doppelter Hinsicht schwergewichtiger Roman verkauft sich nach der Buchpreis-Verleihung prächtig.

Und vielleicht verhilft der Erfolg des Suhrkamp-Autors Dietmar Dath ja auch dem Verbrecher Verlag zu einem Verkaufserfolg. Der hat nämlich Daths tausendseitiges Opus „Für immer Honig“ neu aufgelegt.

Interessant wird es auch sein, Rainald Goetz’ grad bei Suhrkamp in Buchform erschienen Vanity Fair-Blog mit seinem 1999 in Buchform erschienen Internettagebuch „Abfall für alle“ zu vergleichen. Goetz hat ja schon gebloggt, lange bevor es den Begriff Blog gab.

Auch Voland & Quist hat einen Blog in Buchform im Programm, Jochen Schmidts

„Schmidt liest Proust„ ein unterhaltsames Lesetagebuch, von Kathrin Passig via Twitter mit den Worten „“Schmidt liest Proust“ ist beim selben Preis doppelt so dick wie „Dinge geregelt kriegen“. Plus 4194 Seiten Proust-Ersparnis.“ empfohlen. Deren mit Sascha Lobo verfasstes „Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin“ wird hoffentlich mindestens so erfolgreich wie Hape Kerkelings zwischen Buchdeckel gepresster Selbstfindungstrip. Für Hape Kerkeling hab ich auch noch einen Tipp: Wenn man nicht ständig nach Autogrammen gefragt werden möchte, dann ist es kein guter Plan, als einziger Messebesucher weit und breit eine Sonnenbrille zu tragen.

Auf dem Weg zu Jung & Jung unsanft zur Seite gestoßen. Eine Horde von Männern in schwarzen Anzügen mit Knopf im Ohr guckt ganz wichtig, was ziemlich albern aussieht. Der von ihnen beschütze Michail Gorbatschow guckt eher genervt. Vermutlich hat er grad ein Probe-Abo von „Test“ abgeschlossen und erst hinterher gemerkt, dass er die Zeitschrift eigentlich nicht braucht.

Bei Jung & Jung ist man nicht ganz glücklich über den Standstandort. Direkt gegenüber ist das Zeit-Bildungsforum. Das lockt zwar Besucher an, die stattfindenden Diskussionsrunden erschweren aber auch die Gespräche am Stand. Die deutsche Erstausgabe von Wiliam Butler Yeats’ „Irlands Königreich der Schatten“ ist aber einen intensiven Blick wert.

Noch schnell einen Blick in das im Salis Verlag erschienene Radikal – Abenteuer mit Extremisten“ von Ron Jonson geworfen, bei Berenberg vorbeigeschaut, die Stiftung Buchkunst besucht, die bibliophile Gesamtausgabe von Lovecrafts Werken in der Edition Phantasia bewundert – und schon sind zwei Messetage um. Es ist Stress, die Füße schmerzen, man ist froh, dass es vorbei ist und doch: Im März ist Leipziger Buchmesse und ich freue mich schon jetzt drauf. Ein Probe-Abo der „Test“ werde ich aber auch dort nicht abschließen.

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