Nächte mit Cărtărescu I


Mannmannmann, aber ich hab es mir ja ausgesucht. Mircea Cărtărescu, Die Wissenden. Was für Sätze. „Was sollte ich tun, wenn ich, immer tiefer und tiefer hinabsteigend in die Katakomben des Imaginären, dessen Boden durchstieße und mich wiederfände in Gesellschaft der schreckenrregenden, blut- und spermabeschmierten Götzen der Archetypen, der Triebe Hunger und Durst, des Brechreizes?“ Der Roman beginnt, der 15-jährige Mircea erkundet sich selbst und mein Gesichtsausdruck ähnelt dem Theo Huxtables, der sich einmal in einer Folge der Cosby-Show die Macbethlektüre ersparen will, eine Schallplattenaufnahme besorgt und schon an der Hexenszene scheitert. Nachdem seine Eltern auch durchschauten, dass er Macbeth im Kindler gelesen hat, muss er dann doch, aber ich schweife ab. Achja, „Im Klo hatte sich ein Krake eingenistet“ – also nicht bei den Cosbys, sondern in der Vorstellung Mirceas. Ich gestehe, normalerweise, wir sind bereits auf Seite 44, gucke ich zu diesem Zeitpunkt ins Bücherregal, ob nicht noch irgendwo ein ungelesener Wodehouse rumliegt, zwinge ich mich aber hier zum Weiterlesen. Der Stil erinnert an Texte, die man selbst als 17-jähriger verfasste und die in der Schülerzeitung veröffentlich wurden. Man hielt das damals für Kunst und nur die glückliche Fügung, dass das Internet damals nur vom Militär genutzt wurde, verhinderte, dass diese Ergüsse heute noch auffindbar sind.

Aber weiter im Text, die Kritik hat ja ein Meisterwerk versprochen und der Klappentext weist vorsorglich daraufhin, dass sich das Epos erst allmählich entwickelt. Und tatsächlich, so um Seite 50 herum nimmt „Die Wissenden“ langsam Fahrt auf, die Familiengeschichte der Badislavs wird erzählt, sie beginnt mit einer Flucht. Die Ursache für die Flucht aus dem bulgarischen Heimatdorf könnte einem Romero-Film entstammen, die Toten nehmen furchtbare Rache dafür, dass die Dorfbewohner im andauernden Mohnrausch die Totennahrung vergaßen. Jetzt macht die Lektüre Spaß, eingeschlafen bin ich an dieser Stelle trotzdem.

Wird fortgesetzt.

Mircea Cărtărescu, Die Wissenden, erschienen bei Zsolnay

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