Ornithologie als Mittel zur Geschichtsschreibung – Marcel Beyer „Kaltenburg“


Ornithologie finde ich ja mindestens so spannend wie Synchronschwimmen oder Schnittmusterbögen. Und nun ein Roman, dessen Titelheld Ornithologe ist. Man erfährt viel über Vögel, insbesondere über Dohlen, über die Wissenschaft Ornithologie ganz allgemein, über das Abbalgen von Vogelkörpern und stellt sich sehr schnell die Frage: Will ich dies wissen? Die Antwort: Irgendwie schon!

Im Zentrum steht die (fiktive) Figur des international renommierten Ornithologen Ludwig Kaltenburg, die Geschichte wird erzählt von Herman Funk, nach Kriegsende Schüler an Kaltenburgs Institut in Dresden-Loschwitz. Bereits als kleiner Junge lernte Funk Ludwig Kaltenburg kennen, ein Freund der Familie, bis es zu einem plötzlichen Zerwürfnis zwischen Funks Vater und Kaltenburg kommt. Die Begegnung mit einer Dolmetscherin, Jahrzehnte, nachdem Kaltenburg die DDR verlassen hat und in seine Heimat Österreich zurückkehrte und Jahre nach Kaltenburgs Tod, lässt die Erinnerungen an seinen Mentor wieder aufkommen.

Ausgangspunkt der Erinnerungen ist die Dresdener Nacht des 13. Februars 1945, in der Funk seine Eltern, die Posen verlassen haben, verliert. Der Anblick brennender Vögel, die vom Himmel fielen, ist so eindringlich, dass Funk Ornithologe werden wird, Kaltenburg zu seinem Ziehvater.

An dieser Stelle entwirft Beyer ein Panorama der frühen DDR-Geschichte, mit Dresden und dem Loschwitzer Institut als Mikrokosmos. Historische Ereignisse, Stalins Tod, der 17. Juni, die Schauprozesse, der Mauerbau – Zeitgeschichte, durch die Augen eines Ornithologen betrachtet. Beyer beschreibt Geschichte nicht zum ersten Mal aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel. Bereits in seinem 1995 erschienenen Roman „Flughunde“ setzt er sich mit dem Nationalsozialismus auseinander, indem er den Akustiker Hermann Karnau sprechen lässt, in einem Wechselgesang mit Helga, einer der Goebbels-Töchter. Besessen von der Idee, das Phänomen der menschlichen Stimmer in seiner Gänze zu erkunden, unternimmt Karnau im Dienst der Nazis manipulierende Experimente und wird im Führerbunker Zeuge der letzten Tage des Dritten Reichs.

Der reale Hermann Karnau war Wachmann im Führerbunker, Beyer mischt gekonnt Realität und Fiktion.

Dieses Prinzip findet sich auch in „Kaltenburg“. In der Rückblende bekommt das Bild des Ornithologen Risse, es finden sich ungeklärte Abschnitte in der Biographie, sein Verhältnis zu den Nationalsozialisten ist strittig, das Bild der Person wird indifferent. Es deutet sich an, dass Kaltenburg an der selektiven Einstufung unwerten Lebens beteiligt, ohne dass dies letztlich gesichert scheint. Hier schimmert dann auch der Grund für das Zerwürfnis zwischen dem Vater des Erzählers und Kaltenburg durch. Trug Kaltenburg vermutlich dazu bei, Menschen in die Vernichtungslager zu deportieren, kümmerte sich Funks Vater um die verwaisten Haustiere der Deportierten, als einziges Mittel eines Hilflosen, Mitgefühl zu zeigen.

Schnell wird klar, welche Figur Vorbild für Kaltenburg war. Die Lebensdaten, die persönlichen Stationen bis 1945 und auch die wissenschaftlichen Publikationen Kaltenburgs lassen Konrad Lorenz erkennen, Kaltenburg ist geradezu eine Blaupause des Verhaltensforschers.

Zwei weitere Figuren nehmen eine Schlüsselstellung innerhalb des Romans ein, die SS-Offiziere Knut Sieverding und Martin Spengler, Studenten bei Hermann Funks Vater und später häufig am Institut von Kaltenburg. In ihnen finden sich Heinz Sielmann und Joseph Beuys wieder.

Von Seite zu Seite immer eindringlicher webt Beyer ein Netz, in dem sich der Roman scheinbar verfängt, der Leser gelegentlich kurzfristig die Orientierung verliert und dessen Fäden durch Beyers meisterhafte Sprache zusammengeknüpft werden. „Kaltenburg“ ist ein eigenartiger Roman, voller Verästelungen, Abschweifungen, sehr sperrig, ein Roman, der es seinen Lesern nicht leicht macht. Und doch einer der großen Romane des Jahres. Ornithologie fand ich ja schon immer spannend.

Marcel Beyer „Kaltenburg“ ist erschienen bei Suhrkamp

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