Der Kaiser von China – Tilman Rammstedt gewinnt den Bachmannpreis


Eine tragisch-komische Beziehungsgeschichte zwischen Enkel und Großvater, die mit der Nachricht vom Tod des Großvaters beginnt. Dieser wollte doch eigentlich unsterblich sein, „Mehrmals im Monat musste man mit ihm zum Friedhof, wo er dann Grab um Grab abschritt und triumphierend „Jünger“, „Viel jünger“, „Fast gleich alt“ rief.

Es ist eine Geschichte, genauer ein Romanauszug, mit sehr hoher Pointendichte, ein Lacher jagt den nächsten, eine Geschichte aber auch, die von enttäuschten Hoffnungen und gescheiterten Träumen erzählt, in der die Komik auf einem grauen Untergrund gelagert ist.

Nach Kathrin Passig 2006 gewinnt wieder ein humorvoller Text, der sich gegen Marcus Orths’ Text „Das Zimmermädchen“ durchsetzte, der schließlich den Telekom Austria Preis gewann – warum auch immer. Die Geschichte eines Zimmermädchens, dass in den Zimmern der Hotelgäste rumschnüffelt, Nächte, jeden Dienstag, unter den Betten einzelner Gäste verbringt und ein gestörtes Verhältnis zu ihrer Mutter hat, auch dies ein Romanauszug, belanglos.

Den 3sat Preis bekam Patrick Findeis, dessen Text „Kein schöner Land“ ebenfalls würdig war, den Bachmannpreis zu gewinnen. Ein Text über die Hölle des dörflichen Lebens, über das Höfesterben, über Kleingeist und Missgunst, über eine für Städter fremde Welt, die doch vor der Tür liegt, ein großer Text.

Der Willner-Preis ging an Clemens J. Setz, dessen „Die Waage“ eine recht skurril anmutende Erzählung über eine eigenartige, etwas schmierige Hausgemeinschaft, die sich um eine im Innenhof abgestellte Waage versammelt.

Der Publikumspreis ging ebenfalls an Tilmann Rammstedt, letztlich auch eine Legitimation der Juryentscheidung.

Überhaupt, die diesjährige Veranstaltung: Verkürzt auf zwei Tage und nur noch 14 Autoren, mit Dieter Moor als neuem Moderator, der seine Aufgabe dann auch gleich übereifrig anging und dadurch mögliche Kontroversen gleich im Ansatz erstickte, insgesamt aber doch auch Einigkeit unter den Juroren, kein Streit – schade.

Ein Blick in die Feuilletons heute: Es wird über die Qualität der Texte gemeckert, es wird an der Jury rumgemeckert, also alles wie immer. Man guckt, man ärgert sich, man freut sich, Tage der deutschsprachigen Literatur eben. Bis zum nächsten Jahr.

Alle Texte, Videos der Lesungen und der Diskussionen, die Preisverleihung und vieles mehr  auf www.bachmannpreis.at

Weitere Beiträge zum Bachmannpreis bei SecondLitArt und insofern

Bei Andrea Diener finden sich hervorragende Zusammenfassungen der beiden Bewerbstage. Tag 1 Tag 2

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