Kleiner Wunsch mit großen Konsequenzen


Andrea Camilleri: Der unschickliche Antrag

Filippo Gennuardi, Holzhändler aus der sizilianischen Provinz Montelusa, ein dem Fortschritt zugewandter Mensch, möchte ein Telephon. Der Grund ist ganz simpel: Er hat ein Verhältnis mit der jungen Frau seines Schwiegervaters und möchte seine Verabredungen zum Schäferstündchen unkompliziert treffen. Im Jahr 1891 ist ein Telephonanschluss allerdings keine Selbstverständlichkeit, der Antrag wird misstrauisch aufgenommen, subversive Hintergründe werden vermutet.

Der Amtsschimmel wiehert, die Mühlen der Bürokratie mahlen und sie mahlen langsam, sehr langsam. Gennuardi ist ein ungeduldiger Mann, gut, dass es immer jemanden gibt, der einem einen Gefallen schuldet und dem wiederum jemand einen Gefallen schuldet und dem wiederum …

Bald ist die halbe Provinz, inklusive Polizei, Carabinieri, Ministerien und Mafia in die Vorgänge um den unschicklichen Antrag verwickelt und es kommt zu einem abstrusen Verwirrspiel aus Erpressung, Anschuldigungen, Drohungen, Verhaftungen und Mord.

Der Roman ist unterteilt in zwei Ebenen, in „Geschriebenes“ und „Gesagtes“.

„Geschriebenes“ ist die Sammlung der in Bürokratenitalienisch (respektive Bürokratendeutsch) abgefassten Korrespondenz zwischen den beteiligten Institutionen und Würdenträgern, „Gesagtes“ die Dialoge der Rahmenhandlung.

„Der unschickliche Antrag“, Untertitel „Ich will doch nur ein Telephon. Tu was.“ ist ein äußerst vergnügliches und rasantes Buch, wenn auch für deutsche Leser nicht ganz einfach. Die Vielfalt der sizilianischen/italienischen Namen und Amtsbezeichnungen verwirrt und man blättert recht häufig zum Personenverzeichnis, das dem Roman vorangestellt ist. Für diese kleine Mühe wird der Leser aber reich belohnt. Camilleri, sizilianischer Autor, Erfinder des Commisario Montalbano, beschreibt auf komische Weise die Auswüchse einer von Amtsmissbrauch und Korruption durchsetzten Gesellschaft und irgendwie beschleicht einen das Gefühl, dass sich an diesem Zustand bis heute nicht viel geändert hat. Der Roman ist aber keine Anklage, Camilleri zeigt durchaus Sympathie für seine Figuren und dies macht einen großen Teil des Charmes von „Der unschickliche Antrag“ aus.

Erschienen bei Wagenbach ist der Roman Teil des Vigata-Zyklus, vergnügliche und böse Geschichten aus dem kleinen Städtchen Viagata, das mikrokosmisch die ganze Welt mit ihren menschlichen Abgründen widerspiegelt.

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