Luftblasen im Wirtschaftswunder – Rudolf Lorenzen: Die Beutelschneider


Eine schonungslose und dabei tragisch-komische Abrechnung mit dem Wirtschaftswunderland Bundesrepublik der 50er Jahre.

Bruno Sawatzki ist Geschäftsführer einer kleinen Werbeagentur am Bodensee, deren wichtigster Kunde der Schmelzstoff-Verband ist. Gottfried Gockel, der Inhaber der Agentur, sorgt mit einer monatlichen Schmiergeldzahlung dafür, dass der Kunde bei der Stange bleibt. Im Privatleben ist er in zweiter Ehe mit einer jungen, in der Ehe dick gewordenen Verkäuferin verheiratet, die ihn mit einem Jüngeren und die er mit seiner Sekretärin betrügt. Ein aufgeblasener Kleinbürger und substanzloser Besserwisser, nach oben buckelnd, nach unten tretend, ausstaffiert mit den Attributen der Neureichen, schlechter Geschmack und Bildungsferne inklusive. Seine Angestellten kochen ihr eigenes Süppchen, dabei immer bemüht, dem Chef nach dem Mund zu reden.

Die Agentur – eine große Luftblase, die nur aufgrund von Betrug und Klüngel nicht platzt. Bruno Sawatzki ist mittendrin. Er beginnt eine sorgfältig abgewogene Affäre und sieht den nahenden Untergang der Firma kommen, dem er sich durch einen Jobwechsel entzieht. Aber zuvor bekommt die Agentur den Auftrag, Publiek Reläschns für den Schmelzstoff-Verband zu machen. Dazu soll Bodo Redwanz, Großdichter aus Konstanz, engagiert werden. Redwanz, ein Schelm, wer Martin Walser in dieser Figur erkennt, ziert sich, wie sich ein Künstler eben ziert, aber eine Steuernachzahlung überzeugt ihn dann doch davon, die Begriffe Schmelz und schmelzen in sein Schaffen zu integrieren. Lorenzen ersparte den zeitgenössischen Lesern dann auch nicht einen Seitenhieb auf die Nachkriegsliteratur: Zehn Jahre war der Krieg Hauptgrundlage ihrer Themenwahl, und es ist anzunehmen, dass sie noch weitere fünfzig Jahre von diesen Erlebnissen zehren werden. Der Krieg ist eine gute Kapitalanlage. Sechs Jahre angelegt und sechzig Jahre profitiert … Ich finde, Schriftsteller sollten gegen den Krieg nicht so undankbar sein.

Die Beutelschneider erschien erstmals 1962 und war ein grandioser Misserfolg. Derartige Kritik am Wirtschaftswunder, am Schein statt Sein, wollte damals niemand lesen.

Der Verbrecher Verlag hat diesen lange vergessenen Roman neu aufgelegt und man kann ihm gar nicht genug dafür danken.

Er ist nämlich nicht nur ein Sittenbild der 50er Jahre. Das inhaltslose Geschwafel der Werber findet man heute genau wie damals, die Begriffe haben sich geändert, die Medien haben sich geändert, aber das Agentursprech unserer Zeit ist nicht substantieller. Zumindest nicht immer.

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