Juli Zeh: Schilf


Nach dem guten „Adler und Engel“ und dem herausragenden „Spieltrieb“ legt Juli Zeh mit „Schilf“ ihren dritten Roman vor. Es ist ein Kriminalroman, der uns präsentiert wird.

Oskar und Sebastian, zwei Physiker, sind seit ihren Studientagen miteinander befreundet. Beiden haben einen Hang zur Genialität und Arroganz, vor allem Oskar zeichnet sich durch eine spöttische Ablehnung allem Profanen gegenüber aus. Sebastian ist verheiratet, hat einen Sohn und lebt ein relativ normales Familienidyll. Trotz regelmäßigen Besuchen entfremden sich Sebastian und Oskar im Laufe der Zeit. Sebastian ist ein Vertreter der „Vier Viele-Welten-Theorie“, die sich auf den Grundsatz, „Alles, was geschehen kann, geschieht auch“ vereinfachen lässt, Oskar lehnt diese Theorie entschieden ab. Bei einer Fernsehsendung kommt es vor laufenden Kameras zu einem heftigen Streit. Maike, Sebastians Frau, bricht zu einem Radurlaub nach Italien auf, Sebastian soll Liam, den Sohn, in ein Ferienlager nach Österreich bringen. An einer Raststätte wird Liam entführt. Eine Anruferin fordert Sebastian auf, einen Mord zu begehen, um seinen Sohn wiederzubekommen. Der Mord wird geplant und ausgeführt, das Opfer liefert den Ermittlern zwei mögliche Tatmotive, es werden zwei unterschiedliche Stränge verfolgt, der Kommissar, Schilf, hat einen Tumor im Kopf und nur noch wenige Wochen zu leben und irgendwann wird der Fall auch gelöst. Ein Problem des Buches: es funktioniert nichts! Der ganze Roman entpuppt sich als unausgegorene Mischung aus Kriminalroman, physikalischer Abhandlung und schicksalsschweren inneren Monologen. Für einen Kriminalroman ist die Geschichte nicht spannend genug, die Auflösung ist unglaublich banal, die physikalischen Zeittheorien dürften die meisten Leser überfordern (und zum überblättern animieren) und die Dialoge sind, mit gutem Willen, hölzern zu nennen. Zeh vermag es häufig nicht, ihren Figuren eine glaubwürdige Sprache zu geben. Wenn Liam sagt: Ich bin auch Zeitforscher. Früher lag ich oft im Bett und habe versucht, einen Augenblick zu fangen. Ich habe gelauert und dann auf einmal jetzt geflüstert, aber der Augenblick war immer entweder noch nicht da oder schon vorbei. Heute weiß ich natürlich, dass die Zeit ganz anders ist, dann spricht da kein Zehnjähriger, sondern jemand, von dem die Autorin glaubt, dass so ein aufgeweckter, intelligenter Zehnjähriger spricht.

Die Sprache ist das grundsätzliche Problem des Buches Es wimmelt nur so von verunglückten Sprachbildern, schwülstigem Fülltext und banalem Wortgeplänkel. Bei Textstellen wie Auf trippelnden Krallenfüßen hat die Vogelgrippe Europa erreicht. Zugvögel verbreiten das Virus bis in den hintersten Winkel der Welt. Tot fallen die Möwen vor Hamburgs [sic!] Küsten vom Himmel; die Menschen rüsten sich für eine Epidemie. Alles, was fliegt, wird hingerichtet. Bald wird auf einer Waldlichtung die letzte Feder zu Boden taumeln… fragt man sich, was sich die Autorin dabei gedacht hat. Und die Frage stell man sich eindringlich, eben weil man weiß, dass sie es viel besser beherrscht. Und wenn man alle genannten Zutaten miteinander verquirlt, dann kann man kein gescheites Ergebnis herausbekommen.

„Schilf“ liest sich trotzdem relativ schnell weg, langweilig ist er nicht, der Roman. Dass er es nicht ist, liegt aber nicht an der Handlung oder der Sprache, sondern daran, dass man wissen möchte, ob dies jetzt ernst gemeint ist oder ob am Schluss irgendwer auftaucht und lauthals „April, April“ ruft. Es taucht aber niemand auf.

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3 Gedanken zu “Juli Zeh: Schilf

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